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Kultur in der Krise:Lichtspiel mit Schattenseiten

Marlies Kirchner im Theatiner Kino in München, 2017

Theatiner-Chefin Marlies Kirchner zeigt zum Neustart einen Neustart: den türkischen Film "Eine Geschichte von drei Schwestern".

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Ab dem 15. Juni dürfen Kinos in Bayern wieder öffnen - noch aber warten die Betreiber auf eine offizielle Verordnung. Und neue Filme sind derzeit auch noch rar.

Von Josef Grübl

Zuerst die gute Nachricht: Die bayerischen Kinos dürfen am Montag, 15. Juni, öffnen. Endlich wieder Filme auf großer Leinwand sehen, im dunklen Saal in gemütlichen Sesseln, ohne Streaming-Geruckel und mit reichlich Abstand zu anderen Kinobesuchern. Und jetzt die nicht so gute Nachricht: Filmfans werden trotzdem vielerorts vor verriegelten Türen stehen. Denn nur wenige Lichtspielhäuser sind vom ersten Tag an dabei, in München etwa der Royal Filmpalast, in Kempten das Colosseum Center, in Nürnberg das Cinecitta. Doch warum warten die meisten Kinobetreiber nach der dreimonatigen Corona-Pause? Beklagten sie sich nicht über ihre Zwangslage?

Ihr vermeintliches Zögern hat etwas mit den Vorlaufzeiten des Kinobetriebs, föderalen Strukturen und den Entscheidungen der Politik zu tun. Zwar verkündete Ministerpräsident Söder Ende Mai Lockerungen im Kulturbetrieb; er versprach, dass Theater, Kinos und Konzerthäuser nach und nach wieder zugänglich gemacht werden sollen. Die genauen Wiedereröffnungsregeln standen da aber noch nicht fest. "Es ist Zeit für einen Neustart", sagte Kunstminister Bernd Sibler Anfang Juni in einer Videobotschaft. Darauf konnten sich alle einigen, über die Details dieses Neustarts wird aber umso hitziger debattiert. Während sich Sibler bis zuletzt für das Tragen von Mund-und-Nasen-Bedeckungen auch während der Vorstellungen und für eine Obergrenze von 50 Besuchern in geschlossenen Räumen aussprach, sahen das Kinobetreiber aus München und Umgebung anders: "Eine Maskenpflicht während der Filmvorstellung ist nicht sachgerecht, da sich die Besucher vollkommen ruhig verhalten, nicht sprechen und selbstverständlich auch nicht singen", hieß es in einem gemeinsamen Schreiben an die Politik. Man wolle die Sicherheit von Publikum und Personal gewährleisten, so die Kinobetreiber, gleichzeitig gehe es aber auch um einen angenehmen Kinobesuch.

Doch die Ministerien machen es spannend, selbst am Freitag - drei Tage vor dem Wiedereröffnungstermin - gab es noch keine offizielle Kinoverordnung. Es kursiert eine Vorabversion, die mehreren Kinobetreibern, Verbänden und auch der Süddeutschen Zeitung vorliegt. Sollte diese Version so umgesetzt werden, wird es zwar eine Maskenpflicht geben, sowohl in den Foyers, an den Kassen und Toiletten sowie im Saal während der Filmvorstellungen. Allerdings mit einer Einschränkung: "Auf dem Sitzplatz darf die Mund-Nasen-Bedeckung zum Verzehr von Speisen und Getränken abgenommen werden", steht im Vorab-Konzept. Das heißt: Wer sich vor Filmbeginn mit Getränken, Popcorn, Eis oder anderen Knabbereien eindeckt, darf die Maske während des Verzehrs abnehmen - vorausgesetzt, man hält den vorgesehen Sicherheitsabstand zu anderen Zuschauern ein. Dieser beträgt 1,5 Meter, ganze Sitzreihen müssen wohl nicht freigelassen werden: Es wird fest zugewiesene Plätze geben, die Familien- oder Freundesgruppen sollen versetzt im Saal verteilt werden. Der Ticketverkauf soll "möglichst online erfolgen, um lange Warteschlangen im Kassenbereich zu vermeiden". Wer (so wie die Online-Käufer) seine Kontaktdaten im Kino hinterlässt, könne die Eintrittskarten aber auch vor Ort kaufen - was vor allem für kleinere Kinos ohne Online-Reservierungssystem essenziell ist.

Ob die für große Kinos und Multiplexe entscheidende Forderung nach einer Aufhebung der 50-Personen-Obergrenze kommt, ist dagegen noch nicht klar. Zwar heißt es im Vorab-Konzept: "Die Zahl zugelassener Gäste pro Kinosaal ist abhängig von der jeweiligen Saalgröße." Demnach dürften in größeren Sälen auch mehr als 50 Personen sitzen, soweit der Mindestabstand eingehalten wird. Weiter heißt es aber im Konzept: Die Zuschauerzahlen seien anhand "der in der Infektionsschutzmaßnahmenverordnung festgelegten Obergrenze festzulegen". Also doch nur 50 Personen? Hakt man beim zuständigen Gesundheitsministerium nach, kann diese Frage selbst am Freitagnachmittag nicht beantwortet werden. Man arbeite noch an der Verordnung, heißt es nur.

Währenddessen bereiten sich die Kinos auf den Neustart vor: "Abstandregeln werden bei uns durch zeitversetzten Filmstart und Auslass unterstützt", sagt Ingrid Breul-Husar, die Pressesprecherin der Cinemaxx-Gruppe. Als Wiedereröffnungstermin der Cinemaxx-Kinos in Augsburg, Würzburg, Regensburg und München strebe man Donnerstag, 18. Juni, an. Der Citydom Straubing, das Breitwand-Kino in Gauting und das Theatiner-Kino in München wollen ebenfalls an diesem Tag loslegen - der Gloria Filmpalast am Münchner Stachus will sogar schon am Dienstag, 16. Juni, öffnen. Neue Filme gibt es derzeit aber so gut wie keine zu sehen. Während sich die einen mit Kassenhits aus der Vor-Corona-Zeit behelfen ("Nightlife", "Die Känguru-Chroniken"), setzt Theatiner-Chefin Marlies Kirchner auch auf Neustarts: Sie zeigt mit dem türkischen Drama "Eine Geschichte von drei Schwestern" einen der ersten Filme, die nach der Corona-Pause neu anlaufen.

Richtig losgehen soll es aber Anfang Juli: Dann werden die Kinos in allen Bundesländern öffnen dürfen, was mit dem föderalen Prinzip zu tun hat - wonach sich auch die Verleiher richten, die ihre Filme bundesweit starten wollen. Und so setzen die meisten bayerischen Kinobetreiber auf den 2. Juli als Wiedereröffnungstermin. Die Journalistin Dunja Bialas, die mit den Münchner Programmkinobetreibern ein gemeinsames Schreiben an die Politik erarbeitet hat, hält diese stufenweise Eröffnung für sinnvoll. "Es geht ja auch um Durchführbarkeit", erzählt sie, die Kinos müssten ja noch einiges vorbereiten und verändern. "Es wird mit Sicherheit nicht mehr so viele Vorstellungen pro Tag geben", sagt sie, zwischendurch soll auch desinfiziert und gelüftet werden. Doch wollen die Menschen überhaupt zurück ins Kino? Laut einer im Mai von S&L Research in Auftrag gegebenen Umfrage sagten 89 Prozent der Kinogänger, dass sie nach Aufhebung der Beschränkungen "sehr wahrscheinlich" oder "wahrscheinlich" ins Kino zurückkehren wollen. Das ist vielleicht sogar die beste Nachricht von allen.

© SZ vom 13.06.2020/syn
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