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Corona-Vorsorge:Leistungsfähig und aufnahmebereit

In der früheren Rinecker-Klinik ist nicht mal jedes dritte Bett belegt - alles steht im Zeichen dessen, was noch kommen könnte

Von Stephan Handel

Das Virus hängt im Lift - glücklicherweise nicht leibhaftig, sondern als Bild auf einem Zettel an der Kabinenwand. Sieht fast ein bisschen putzig aus, so kugelrund mit den kleinen Krönchen, die ihm den Namen gaben. Trotzdem erinnert der Zettel im Aufzug Thomas Mussack täglich daran, dass auch hier nichts normal ist.

Thomas Mussack ist Ärztlicher Direktor des Chirurgischen Klinikums München Süd, der früheren Rinecker-Klinik, die seit 2015 von der Artemed-Gruppe betrieben wird. Unter den Münchner Kliniken zählt sie zu den eher kleinen - rund 150 Betten im Normalbetrieb. Auch sonst liegt sie ein bisschen abseits vom Schuss, in Thalkirchen, vor dem Haupteingang fließt gemütlich der Isarkanal entlang. Aber das Virus schert sich nicht um die Idylle, und so haben sich auch Mussack, seine 83 Arzt-Kollegen und gut 160 Pflegekräfte eingerichtet und vorbereitet: Weiß ja niemand, ob die Zahl der Infizierten, der Schwerkranken nicht doch noch so ansteigt, dass wirklich alle Krankenhaus-Kapazitäten gebraucht werden.

"Das Wichtigste", sagt Mussack, "ist die Sicherheit der Mitarbeiter und der Patienten." Deshalb ist der Haupteingang, Isarkanal hin oder her, seit Wochen geschlossen, Patienten-Besuche sind wie in allen anderen Kliniken auch nicht erlaubt. Wer trotzdem rein will oder muss, geht um das Haus herum zur Notaufnahme, dort muss der Besucher die mittlerweile allgegenwärtigen Fragebögen ausfüllen: Waren Sie in einem Risikogebiet? Hatten Sie Kontakt zu Infizierten? Nein? Dann bekommt man einen Mundschutz und wird angehalten, sich die Hände zu desinfizieren.

"Niemand von uns hat je eine solche Situation erlebt", sagt Thomas Mussack, der Ärztliche Direktor.

(Foto: Stephan Rumpf)

Sie bereiten sich auf etwas vor, von dem sie hoffen, dass es sie nie ereilen wird. Und tatsächlich haben sie bislang Glück gehabt: Bei einer Patientin wurde während des stationären Aufenthalts das Virus diagnostiziert, einen anderen, bereits infizierten Patienten bekamen sie über den Rettungszweckverband zugewiesen; er konnte nach fünf Tagen Beatmung entlassen werden. Frank Vogel, der Leiter der Intensivmedizin, zitiert den Virologen Christian Drosten: "There is no glory in prevention", es liegt kein Ruhm in der Vorsorge, denn sie bewirkt ja, wenn sie wirkt, dass Schlimmes verhindert wird. Ob das Schlimme aber ohne sie überhaupt eingetreten wäre, das weiß keiner.

Für den Intensivmediziner Vogel hat jedoch die Vorbereitung schon jetzt einen anderen Erfolg erzielt: "Man hat zu Beginn bei den Mitarbeitern schon eine gewisse Angst und Unsicherheit gespürt. Durch unsere Schulungen ist das deutlich zurückgegangen." Eine Krankenpflegerin, ein Arzt kann zum Beispiel beim Ablegen der Schutzkleidung nach dem Kontakt mit einem Erkrankten durchaus jede Menge Fehler machen und damit sich und andere gefährden - wird das Ablegen aber geübt, dann werden die Mitarbeiter darin sicher.

Thomas Mussack, Frank Vogel und Clemens Guth (von rechts) fühlen sich trotz aller Unsicherheit gut gerüstet.

(Foto: Stephan Rumpf)

Von den gut 150 Betten im Klinikum sind momentan 40 belegt, also nicht ein mal ein Drittel - in der Allgemeinverfügung vom 19. März hat die bayerische Staatsregierung allen Kliniken sämtliche nicht dringend notwendigen Behandlungen verboten. Clemens Guth, einer der Geschäftsführer von Artemed, blickt trotzdem entspannt in die Runde: "Wir haben ja den Rettungsschirm." Durch ihn bekommt sein Unternehmen für jedes Bett, das für Corona-Kranke freigehalten wird, 560 Euro am Tag.

Aber welche Behandlungen sind überhaupt "dringend notwendig"? Das entscheiden die Ärzte im Einzelfall. Wenn jemand etwa unter einer schweren, extrem schmerzhaften Hüftarthrose leidet und kaum mehr gehen kann, dann wird er sein neues Hüftgelenk auch in der derzeitigen Situation bekommen und nicht auf September vertröstet werden.

Den Ärztlichen Direktor Thomas Mussack plagen andere Sorgen: Er stellt fest, dass die Leute mit "normalen" Erkrankungen sehr viel später den Arzt oder die Klinik aufsuchen - mit potenziell lebensgefährlichen Konsequenzen. Mussack berichtet von einer Patientin, die an einem Freitag Bauchschmerzen bekam, aber erst am Montag in die Klinik kam. Da war der Blinddarm schon durchgebrochen, eine Notoperation erforderlich. In einer anderen Artemed-Klinik, das weiß Geschäftsführer Guth, kam ein Patient mit einem Schlaganfall - zwei Tage, nachdem er ihn erlitten hatte. "Da ist es für viele Maßnahmen dann schon zu spät." Die Notaufnahmen in Thalkirchen und anderswo, so die Botschaft, der Mediziner, sind leistungsfähig und aufnahmebereit. Und der hygienische Standard ist in einem Krankenhaus sowieso höher als etwa in einem Supermarkt. "Die Leute sollen kommen, wenn's notwendig ist, und keine Angst haben", sagt Thomas Mussack.

Die kleine Klinik am Rande der Stadt hat sich vorbereitet - und hofft doch, dass der Kelch an ihr vorübergehen möge. Die Sitzungen zur Erarbeitung der Krisenpläne sind jedenfalls schon deutlich kürzer geworden. "Niemand von uns hat jemals eine solche Situation erlebt", sagt Mussack. "Aber wir sind jetzt bereit - organisatorisch und mental."

© SZ vom 28.04.2020
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