Coronavirus:Ein Nasenspray als Pandemiebrecher

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Coronavirus: "Nasale Impfstoffe können einen echten Schutz vor Ansteckungen darstellen und wären somit ein großer medizinischer Fortschritt", sagt Gesundheitsminister Klaus Holetschek (links). Im Labor überzeugte er sich zusammen mit Johannes Hübner, stellvertretender Direktor des Haunerschen Kinderspitals, und Projektleiter, Josef Rosenecker, vom Forschungsstand.

"Nasale Impfstoffe können einen echten Schutz vor Ansteckungen darstellen und wären somit ein großer medizinischer Fortschritt", sagt Gesundheitsminister Klaus Holetschek (links). Im Labor überzeugte er sich zusammen mit Johannes Hübner, stellvertretender Direktor des Haunerschen Kinderspitals, und Projektleiter, Josef Rosenecker, vom Forschungsstand.

(Foto: Florian Peljak)

Ein Team im Dr. von Haunerschen Kinderspital forscht an einem Impfstoff ohne Nadel. Die ersten Ergebnisse von Tierversuchen sind vielversprechend, aber der Weg bis zu klinischen Studien ist noch weit.

Von Nicole Graner

Ein kleines Tröpfchen auf der winzigen Mausnase genügt. Das Tier atmet die Flüssigkeit ein, sie verteilt sich schnell im Näschen. Und dann gelingt es diesem neu entwickelten mRNA-Wirkstoff, einer seifenartigen Trägersubstanz, die schützende Schleimhaut der Atemwege zu erreichen und zu durchdringen, dockt sich an die Zelle an und wird von ihr aufgenommen. Dieses "Nasenspray" könnte ein Impfstoff sein und ein Schutz vor einer Infektion mit dem Sars-CoV-2-Virus: eine bahnbrechende Impfung ganz ohne Nadel. Und ohne einen Impfstoff, der gekühlt werden muss.

Wie gesagt: könnte. "Wir sind ja gerade erst im Tierversuch", sagt der Projektleiter und Kinderarzt Josef Rosenecker von der Kinderklinik und der Kinderpoliklinik im Dr. von Haunerschen Kinderspital des LMU-Klinikums. Aber: Der sei "sehr vielversprechend" und mache Hoffnung.

Schon seit zehn Jahren spukt Rosenecker im Kopf herum, mit Hilfe von Nukleinsäure, die über die Nase in die Atemwege gelangen könnte, Mukoviszidose-Patienten zu behandeln. Zäher Schleim verstopft bei dieser Erkrankung die Atemwege. Viren und Bakterien können so in die Lunge gelangen. Doch so einfach ist die Idee nicht umsetzbar. Die DNA hätte dafür, so erklärt der Arzt, der seit 1988 am Kinderspital arbeitet, in den Zellkern gemusst. Und der sei "sehr gut geschützt". 2007 kommt Rosenecker die Idee, es mit mRNA, also der bereits umgewandelten Boten-RNS, zu versuchen. Ein langer Weg der Erforschung beginnt.

Die Infektion gleich in der Nase bekämpfen

Dann kommt Corona. Rosenecker und sein Team stellen sich sofort die Frage, ob nicht genau die Atemwege der Ort sein könnten, an dem auch eine Immunantwort auf das Sars-CoV-2-Virus zu finden ist. Dort also, wo das Coronavirus in den Körper gelangt: in der Nase, im Rachen. Um die Infektion gleich zu bekämpfen, nicht erst, wenn die gespritzten Impfwirkstoffe langsam und recht spät über das Blut eine Immunität aufbauen. Im Februar 2020 beginnt das Team um Rosenecker im Dr. von Haunerschen Kinderspital intensiv mit der Erforschung von Schleimhaut-Impfstoffen. Und entwickelt diesen seifenartigen Wirkstoff.

Dreimal bekommen fünf Mäuse einen Tropfen auf ihre Nasen. Am Tag 0, am Tag 14 und am Tag 28. "Am Tag 40 haben wir die Mäuse mit dem Corona-Virus infiziert", sagt der 62-jährige Arzt. Das Ergebnis: "Es haben sich ordentlich Antikörper, also eine sehr hohe Konzentration von IgA-Antikörpern, im Nasenschleim gefunden." Alle auf diese Weise geimpften Tiere haben überlebt. Auch hätten sie, so Rosenecker, nach 14 Tagen klare Hinweise dafür gehabt, "dass sich die Viren nicht mehr vermehren".

Impfung soll Immunität erreichen

Denn darum geht es auch in diesem vom Bundesministerium für Gesundheit mit 1,7 Millionen Euro geförderten Forschungsprojekt: durch die nasale Impfung eine Immunität zu erreichen. In China und in Indien seien bereits Schleimhaut-Impfungen zugelassen, sagt Rosenecker. Dies seien Vektor-Impfstoffe und basierten auf abgeschwächten Adenoviren, die Genmaterial des Corona-Virus in die Schleimhaut transportieren. Das Problem dabei laut Rosenecker: Der Körper bilde auch Antikörper gegen die Adenoviren, weil er das Adenovirus als "fremd ansieht und es bekämpft". Dadurch komme es zu unerwünschten Nebenwirkungen.

Nun gehen die Forschungen weiter. Zusammen mit dem Helmholtz-Zentrum in Braunschweig müssen noch Fragen geklärt werden: Wie viele Impfungen braucht es wirklich? Wie lange hält die Immunität? Es müssen Investoren gesucht werden. Dann werden die Versuche ausgeweitet - von der Maus zum Affen. Erst dann geht es, so Rosenecker, in die klinischen Studien.

Ob diese Entwicklung jemals klinisch zum Einsatz kommt? "Da müssen wir mit Aussagen noch vorsichtig sein", betont Rosenecker. Wenn aber alles gut geht, die Ergebnisse weiterhin so viel Hoffnung machten, könnte das "Nasenspray" für alle Menschen als Impfstoff gegen das Corona-Virus eingesetzt werden. Rosenecker hofft, dass das in zwei bis drei Jahren möglich sein könnte. Und wenn sich mit dieser Impfung das Virus am Ende tatsächlich nicht mehr weiterverbreiten würde, sagt der Projektleiter, dann wäre diese nasale Covid-Impfung ein "Pandemiebrecher".

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