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Corona-Krise:"Keiner will die Kunst vergessen"

Immer mehr Problemfälle beschäftigen Jürgen Enninger und sein Kompetenzteam für Kultur- und Kreativwirtschaft.

(Foto: Robert Haas)

Die Kultur- und Kreativbranche fürchtet einen Kahlschlag, hofft aber auf die Regierung

Der Münchner Bildhauer und Filmkulissenbauer Christian Schnurer war einer der ersten, die den Antrag auf Soforthilfe des Freistaates zur Überbrückung der Corona-Krise eingereicht haben. Er kam gerade aus Österreich zurück, wo er wie üblich am Set der TV-Serie "Die Bergretter" mitgewirkt hatte, als er erfuhr: Alle Dreharbeiten sind auf unabsehbare Zeit eingestellt. Also setzte der Freiberufler auf die von Ministerpräsident Markus Söder (CSU) versprochene "schnelle und unkomplizierte Hilfe" und füllte das Formular aus. Er berief sich auf den Liquiditätsengpass, der durch sein entfallendes, bei der Künstlersozialkasse gemeldetes Einkommen entsteht. So rät es Schnurer in seiner Funktion im Landesvorstand des Berufsverbandes Bildender Künstler (BBK) auch den anderen Mitgliedern, 1000 in der Region München und Oberbayern, 2500 in Bayern: "Zwei Din-A-4-Seiten, das ist machbar. Man kann keinen Fehler machen." Am 15. März schickte er den Antrag los. Er erhielt eine automatische Antwort, dass es wegen Überlastung etwas dauern könne.

Wahrscheinlich liegt der Antrag seitdem auf einem Schreibtisch des Münchner Kompetenzteams für Kultur- und Kreativwirtschaft. Die städtische Beratungsstelle arbeitet im Moment dem Freistaat zu und erledigt die aus München eingereichten Soforthilfe-Gesuche. Nicht die Flut von Tausenden Anträgen bereitet Jürgen Enninger, Leiter des Kompetenzteams, Kopfzerbrechen, sondern die sich häufenden Problemfälle. Das sind vor allem die üblichen Klienten des Kompetenzteams: Solo-Selbständige aus der Kreativbranche. Jetzt fallen sie durchs Hilfsraster. Ein Unternehmer, der eine GmbH hat, kann sich selbst ein Gehalt auszahlen und dieses als Kosten angeben; ein Freiberufler kann seine entfallenden Honorare, aus denen er Miete, Essen und das Nötigste bezahlen müsste, nicht geltend machen, zumindest nicht in Bayern. "Es kann nicht sein, dass Solo-Selbständige dadurch schlechter gestellt sind als GmbHs", sagt Enninger, der bei der bayerischen Soforthilfe eine "dramatisch Ungleichbehandlung" erkennt. "Vor zwei Wochen wurden noch große Zahlen für Bayern präsentiert", sagt er, nun müsse man aber "Kreativen, die hier unternehmerisch denken und handeln, auch entsprechende Hilfen zugestehen."

Besonders hart trifft es freischaffende Künstler, weil die kaum Unkosten wie etwa durch eine eigene Betriebsstätte geltend machen können. Einem freien Finanzberater würde man unterstellen, dass er zu Hause ein Büro hat, einem Musiker nicht. Bevor sie Anträge ablehnen, legen die Sachbearbeiter sie auf einen immer größer werdenden Problemstapel und hoffen auf neue, klarere Regelungen. Wie jene, die in Nordrhein-Westfalen gelten und zeitweise für alle im Internet zu lesen waren: "Sofern der Finanzierungsengpass beim Solo-Selbständigen im Haupterwerb dazu führt, dass er sein regelmäßiges Gehalt nicht mehr erwirtschaften kann, dient die Soforthilfe auch dazu, das eigene Gehalt und somit den Lebensunterhalt zu finanzieren." Das NRW-Modell sehen viele Branchenverbände als vorbildlich und verlangen Nachbesserung von der bayerischen Regierung. Etwa der Landesverband der Kunst- und Kreativwirtschaft, bei dem sich viele beklagen, die der Schutzschirm im Regen stehenlässt. "Es gibt eine eklatante Lücke bei der Soforthilfe", sagt Vizepräsident Philipp Ernst. Der Münchner Boris Kochan, Präsident des Deutschen Designtags, fordert in dieser "bizarren und bedrohlichen Situation" Direkthilfen analog zum Kurzarbeitergeld. BBK-Mann Schnurer befürchtet "einen Kahlschlag in der Branche", lobt aber ausdrücklich, dass Freiberufler in Bayern nun nicht mehr erst ihr Privatvermögen aufbrauchen müssen, bevor sie Förderung erhalten. Wegen der unklaren Lage hätten sich viele Kulturschaffende noch nicht getraut, Hilfe zu fordern. "Nur keine Scham" und keine Angst "vor bürokratischen Fallstricken", rät er und berichtet von Telefonaten mit dem Wirtschaftsminister und Politikern: "Der Wille ist da, keiner will die Kunst vergessen."

© SZ vom 03.04.2020

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