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Wirtschaft in der Corona-Krise:Mit dem Laptop ins Hotel-Office

Das Hotel Krone hat Zimmer als Büros vermietet - das nutzt auch Danielle Savvas.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Den Betrieben fehlt wegen Corona die Kundschaft, den Menschen im Home-Office die Ruhe. Aus dem Problem ist eine Geschäftsidee entstanden: Eine Plattform vermittelt Hotels, die tagsüber Arbeitsplätze anbieten.

Danielle Savvas ist eigentlich Managerin für Geschäftsentwicklung, seit das Coronavirus vieles lahmlegt, arbeitet sie allerdings auch hin und wieder im Hotel. "It's super easy, super quiet", sagt die Niederländerin, die in Amsterdam und München lebt. Denn Ruhe, die brauche sie unbedingt für ihre Telefonate, die bis zu zweieinhalb Stunden dauern können. Da muss sie sich vorbereiten. Konzentrieren. Und das sei in ihrer Wohnung momentan einfach schwierig, zumal ihr Freund sich ebenfalls im Home-Office befindet.

Also mietet sie sich im Hotel Krone an der Theresienhöhe einen Tag lang für 50 Euro ein Zimmer, das normalerweise 120 Euro aufwärts kosten würde. Einen Tisch gibt es dort schließlich auch, die Internetverbindung ist stabil, für Kaffee und Obst ist gesorgt. Und vermutlich ist Savvas nicht die einzige, die eine Flucht aus dem Home-Office braucht. Irgendwann geht es einfach nicht mehr: Die Kinder zu laut, im Arbeitszimmer stapelt sich die Bügelwäsche. Und dass der Partner auf dem kleinen Schreibtisch nun ebenfalls seine Unterlagen ausgebreitet hat, nervt sowieso. Warum also die Arbeit nicht in Räume verlegen, die gerade ohnehin weitgehend leerstehen?

Christopher Bieri, der Gründer von "Seatti", einem fünfköpfigen Start-up der TU München, hat in den vergangenen Wochen einiges dafür getan, um diese Idee voranzubringen - in München, aber auch im Rest von Deutschland, in Österreich und in der Schweiz. Er hat Hotels recherchiert, Kontakt aufgenommen. Und anschließend zahllosen Hotelmanagern erklärt, inwiefern sein Konzept auf die optimale Auslastung von Räumen in Städten abzielt: Ursprünglich konnte man sich über die Internetseite des Start-ups einen Arbeitsplatz in einer Wohnung anmieten, die tagsüber nicht genutzt wird, weil die Bewohner ihrerseits arbeiten gehen, nur eben außer Haus. Dann kam Corona, und mit dem Virus kam die Überlegung, das Prinzip auf Hotels zu übertragen.

Normalerweise behält Seatti pro Buchung etwa zehn Prozent ein, die Hotels aber werden "kommissionsfrei" auf die Plattform genommen. Mittlerweile arbeitet das Start-up mit mehr als 200 Betrieben zusammen, und auch aus München sind etliche dabei. "Das ist unsere Corona-Hilfsinitiave", sagt Bieri. Denn bis der Tourismus sich erholt hat, werde es sicher noch einige Monate dauern.

Nachdem in den vergangenen zwei Monaten lediglich geschäftliche Aufenthalte erlaubt waren, dürfen Hotels von Pfingsten nun auch Touristen wieder aufnehmen. Die Schutzmaßnahmen gegen das Virus haben ihnen zugesetzt: "Bei vielen Hotels ist der Umsatz auf Null zurückgegangen", sagt Frank-Ulrich John, Sprecher des bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga. Es seien ja kaum Leute dienstlich unterwegs gewesen, ein paar Monteure vielleicht. Und weil das kaum lohnt, haben manche Hotels den Betrieb gleich ganz eingestellt.

Andere versuchten, den Schaden irgendwie abzufedern: Etwa, indem sie einen Take-Away-Service oder Lieferdienste aus der Hotelküche anbieten. Auf Anfrage des bayerischen Gesundheitsministeriums hätten sich etwa 50 Münchner Hotels dazu bereit erklärt, gegen Übernahme der Kosten für Unterbringung und Verpflegung Leute in Quarantäne oder symptomfreie Corona-Patienten aufzunehmen - in wie vielen Fällen es allerdings dazu gekommen sei, wisse er nicht.

Dagegen reicht ein Blick auf die Internetseite www.homeoffice-im-hotel.de, um zu verstehen, dass offenbar eine ganze Menge Betriebe auf Leute hoffen, die ihren Laptop zur Abwechslung mal in einem Hotel aufklappen möchten. Die Seite sei förmlich explodiert, erklärt Stefanie C. Poplutz, Inhaberin der baden-württembergischen Internetagentur Abel Consulting, die das kostenfreie Angebot zu Beginn der Krise initiiert hat. Innerhalb der ersten beiden Wochen hätten sich mehr als 500 Betriebe aus Deutschland registriert. "Und ganz arg viele aus München."

Dort macht Alexandra Radwan, die Direktorin des Hotel Prinzregent, nicht nur über Seatti auf ihr "Hotel-Office" aufmerksam, wie sie das nennt, sondern auch in den sozialen Medien und per Newsletter. 30 Euro kostet ein Arbeitstag. Wer obendrein noch ein Mittagessen aus der Hotelküche, Snacks und zwei Flaschen Wasser möchte, bezahlt 55 Euro. Wie das angenommen wird? "Es ist nicht die Masse, aber immerhin konstant", sagt Radwan. Inzwischen hätten sie sogar einige Stammgäste. Und weil die meisten Firmen ihre Mitarbeiter wohl nicht so schnell aus dem Home-Office entlassen würden, wolle man das Angebot auch erst einmal beibehalten. "Wir machen auf jeden Fall weiter, das ist vom Prinzip her ja eine schöne Geschichte", sagt Peter Feldchen, Manager des Hotel Krone. Auch wenn der große Ansturm ausgeblieben sei. Zumindest bislang.

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Christopher Bieri von Seatti glaubt, dass bei den Münchnern mit jedem weiteren Tag im Home-Office zwangsläufig der Wunsch nach einer Alternative wachsen wird. "Vereinzelt" würden Arbeitgeber sogar die Kosten übernehmen, etwa wenn das Internet zu Hause zu langsam sei. Auch seien Kooperationen mit Firmen entstanden, die ihren Mitarbeitern diesen "Service" ein paar Mal im Monat bieten wollen. Und da von Eltern immer wieder der Ruf nach einer Kinderbetreuung laut wurde, ist auch die Zusammenarbeit mit einer Plattform für Babysitter und Tagesmütter angedacht.

Wenn das alles vorbei ist, will Seatti nicht nur weiterhin mit Hotels zusammenarbeiten, sondern das Konzept auf "alle Arten von ungenutzten Räumen" ausweiten. Auf Wohnzimmer zum Beispiel, oder Konferenzräume. Wie es sich in einem Hotel arbeiten lässt, hat Michael Mair jetzt erstmals ausprobiert. In seiner Wohngemeinschaft seien Arbeit und Privatleben zuletzt doch auffallend verschmolzen. 50 Euro hat er für den Tag im 25 hours Hotel The Royal Bavarian in der Nähe des Münchner Hauptbahnhofs bezahlt. Das Geld hat er gerne investiert. "Man kann sich richtig gut konzentrieren", sagt der Unternehmensberater. Die neue Umgebung helfe, die Gedanken zu ordnen. So ein Tapetenwechsel tue gut.

© SZ.de/infu
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