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Gastronomie in der Corona-Pandemie:Schnelle Hilfe braucht Zeit

Wiedereröffnung der Freischankflächen in München nach Lockerungen in der Coronakrise, 2020

Gastronomen waren und sind von den Coronabeschränkungen stark betroffen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Die Gaststätten sollten im Freien mehr Platz bekommen, um ihre coronabedingten Defizite ausgleichen zu können. Eine vernünftige Idee der Stadt - die sich in der Praxis aber leider zu einer höheren Wissenschaft auswächst.

Kommentar von Franz Kotteder

Das Aufstellen von Stühlen und Tischen auf öffentlichem Grund scheint eine höhere Wissenschaft zu sein. Wenn auch keine exakte. Spricht man Münchner Wirte derzeit auf das Thema Freischankflächen an, dann erntet man in der Regel bestenfalls ein müdes Lächeln. Dabei hat der neu gewählte Münchner Stadtrat in seiner rührenden Naivität doch eigentlich einen recht vernünftigen Beschluss gefasst: Nachdem Gaststätten durch die Corona-Pandemie ganz besonders gebeutelt wurden und viele Wochen geschlossen bleiben mussten, sollten sie wenigstens draußen mehr Platz bekommen, auch auf Parkplätzen. Schließlich müssen sie ja auch mehr Abstand zwischen den Gästen schaffen.

In der Umsetzung gestaltet sich das freilich recht schwierig. Seit einer Woche können die Wirte das Antragsformular online herunterladen. Seither wissen sie, dass sie neben den Tischen mindestens 1,60 Meter Gehweg frei lassen müssen und bei Parkbuchten sogar 2,30 Meter. So breite Gehwege gibt es nicht eben viele in der Stadt, und daher ist es auch kein Wunder, dass bisher erst 180 Anträge eingegangen sind und sich davon 70 auf Parkbuchten beziehen (jeweils mit Aufbauplan im Maßstab 1:100 und "aussagekräftigen Fotos" sowie Inventarverzeichnis). Genehmigt ist noch keiner, denn bei jedem einzelnen müssen diverse Stellen befragt werden, bis hin zur Branddirektion. Vermutlich fängt so ein Tisch oder Stuhl schnell mal Feuer.

So eine schnelle Hilfe kann sich also ganz schön ziehen. Da ist es natürlich umso ärgerlicher, wenn allzu eifrige Beamte einschreiten, obwohl sie noch gar nicht so genau wissen, was eigentlich erlaubt ist. Da wurde zum Beispiel am Viktualienmarkt und bei einer Kneipe in Giesing schon bemängelt, dass Gäste um 20 Uhr noch am Tisch saßen, dabei durften sie das. Oder es wurde ein Mindestabstand von 1,50 Metern zwischen Tisch und Passanten eingefordert, obwohl das keine Regelung vorsieht, weil die Ansteckungsgefahr beim Vorbeigehen sehr, sehr gering ist.

Aber auch ohne solche Übertreibungen ist die Sache schon ganz schön kompliziert. Vielleicht sollte man sich in näherer Zukunft mal Gedanken über eine Entbürokratisierung des Verfahrens machen. Bevor wirklich noch eine Wissenschaft inklusive Studiengang draus wird.

© SZ vom 26.05.2020/kafe
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