Kulturpolitik:Nach dem Piks zum Pogo

Kulturpolitik: Arm in Arm, mitten in der Crowd: Die Sportfreunde Stiller, hier live in der Stadthalle Gemering 2017, glauben, dass das erst durch eine Impfung wieder möglich sein wird.

Arm in Arm, mitten in der Crowd: Die Sportfreunde Stiller, hier live in der Stadthalle Gemering 2017, glauben, dass das erst durch eine Impfung wieder möglich sein wird.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Bundesweit machen sich Kulturschaffende für die Impfung stark. Die "Sportfreunde Stiller" schreiben an ihre Fans, und in Münchner Clubs sollen Impf-Partys stattfinden.

Von Michael Zirnstein, München

Der Piks ist nicht so schlimm. Was Künstler dagegen aushalten müssen, wenn sie sich zur Corona-Impfung bekennen oder sogar ihre Fans dazu ermuntern, ist schmerzhafter. Dabei haben sich die Sportfreunde Stiller Ende voriger Woche eh supervorsichtig geäußert in ihrem ersten Lagebericht seit langem auf Facebook, mit dem sie sich wie 220 Kollegen der Kampagne "#impfenschützt" der Berliner Punks Die Ärzte anschließen. Die drei Münchner Pop-Stars ("Ein Kompliment") gehen darin ganz persönlich von sich aus: "Wir träumen davon, uns wieder ins Getümmel zu werfen, wie es vor der Pandemie möglich war." Sich selbst und sich gegenseitig schützen und "nebenbei noch unter anderem die Kultur retten und wiederbeleben ... Arm in Arm, mitten in der Crowd" - das werde "unserer Vorstellung nach" erst wieder durch eine Impfung "vollumfänglich möglich".

Dann schreibt Münchens Nummer-1-Band, dass sie alle Bedenken versteht und respektiert, "bittet" die Fans aber, sich "mit diesem Thema zu beschäftigen oder Euch aufklären zu lassen, solltet ihr diesbezüglich unsicher sein". Unter den 4600 Lesern, die auf den Beitrag reagiert, und den 660, die ihn kommentiert haben, sind allerdings etliche, die sich ganz sicher sind: Die Sportfreunde seien für diese schamlose Unterstützung einer Zwangsimpfung "von der Regierung gekauft worden"; und da ihre Musik nun unhörbar sei würden alle CDs "in die Tonne" geworfen und stattdessen nur noch Platten "authentischer" Musiker gehört, als da wären: Xavier Naidoo, Nena und Der Wendler. Derlei Geschwurbel tut wirklich weh.

Die Clubs haben seit 15 Monaten geschlossen. Junge Menschen weichen auf die Straße oder nach Österreich aus

Es gibt aber nicht nur diesen üblichen Shitstorm missionsbereiter Impf-Feinde; und es gibt auch nicht nur das größere Heer der Willigen, die ihrer Lieblings-Band für deren "Solidarität" danken. Es gibt auch knapp ein Drittel Unentschlossener. Diese auf "die gute Seite" (ein alter Sporties-Titel) der Geimpften zu ziehen, darauf komme es nun an, findet man beim Verband der Münchner Kulturveranstalter (VdMK). Denn Bayerns Ministerpräsident Markus Söder hat zwar im Juli versprochen, dass im Herbst in Disco- und Konzert-Clubs wieder getanzt und Musik gehört werden dürfe, allerdings nur bei einer hohen Impfquote in der Zielgruppe der 16- bis 39-Jährigen. Bei denen sind bisher laut ARD-Umfrage erst 63-Prozent geimpft oder dazu entschlossen - zu wenig. Von den unschlüssigen 26 Prozent allerdings können man noch einige überzeugen, findet David Boppert aus dem VdMK-Vorstand, der das Konzept zur "Clubkampagne Impfen und Öffnen" erarbeitet hat.

Seit 15 Monaten haben Discos und Musikclubs nun pandemiebedingt geschlossen. Viele junge Menschen machen statt dessen - kaum zu überhören für geplagte Anwohner - auf den Straßen Krawall und Remmidemmi. Bus-Unternehmer haben Party-Touren aus Bayern nach Prag oder Österreich organisiert, wo bereits hemmungs- und maskenloser gefeiert werden kann. Das löst das Party-Problem junger Menschen nicht, ebenso wenig als "private Geburtstagsfeiern" deklarierte Veranstaltungen mit namhaften DJs wie heuer schon an großen Münchner Party-Veranstaltungsorten. Ohne die Masse der Club-Profis wird sicheres Tanzen in der Menge nicht möglich sein. "Junge Menschen wollen und sollen sich impfen lassen, damit soziale Kontakte wieder möglich werden, um wieder zu feiern und Kultur erleben zu können", schreibt daher der VdMK.

Lösung: Die Impf-Party im Club mit DJ und Goody-Bag

Bei einer prima angenommenen Impfaktion für Verbandsmitglieder im Cafe Kosmos entstand die Idee, "so ein niederschwelliges Angebot auch unseren jungen Kunden zukommen zu lassen", erklärt David Boppert. Begleitet von einer Werbe-Kampagne (Vorschlag: "Utz. Utz. Utz. Bum Tschik. Bum Tschick. Wenn alle mitmachen!") soll es drei Varianten geben. Erstens: die Impf-Party im Club mit DJ bis 22 Uhr. Wer sich an Ort und Stelle piksen lässt von Ärzten, die die Fragen der jungen Leute (ab 16 Jahren mit Biontech bei Einwilligung der Eltern, ab 18 Jahren mit Johnson & Johnson) in deren Sprache beantworten, wie Boppert sagt, bekommt einen Gratis-Cocktail (alkoholfrei), einen Schnelltest oder ein anderes Goody. Oder es wird im Club ohne Programm oder im Impfbus davor vakziniert, Hauptsache, der Club steht als "Testimonial" mit seiner Glaubwürdigkeit bei seinen Stammgästen dahinter. In Pfaffenhofen bei einem Open-Air vorm Lokal Heimatliebe habe das bereits gut geklappt. In München unterstützen Rote Sonne, Pacha, Neuraum, Sweet, Harry Klein und einige mehr die Kampagne. Für bayernweiten Support durch 40 Partner haben der Verband für Popkultur in Bayern e.V. und die Club & Kulturkommission Augsburg gesorgt. Das Konzept liege bei Kunstminister Bernd Sibler, der es dem Gesundheitsministerium und der Staatskanzlei weitergeleitet habe. "Für die Aktionen selbst brauchen wir keine Erlaubnis von oben", sagt Bopper, "wir hätten die Ministerien aber gern dabei - mit einer Ansage für unsere Kunden, dass es dann wieder losgeht. Wir können ja nicht sagen: ,Bitte lasst euch bei uns impfen, dass das Leben dann wieder normal läuft', und dann passiert nichts." Boppert hofft auf eine Zusage der Staatsregierung, dass bei einer Impfquote ab 70 Prozent in der Zielgruppe etwa ab 1. Oktober in Clubs wieder unter Volllast ohne Masken und Abstand gefeiert werden dürfe, "sonst ist das Clubleben nicht rentabel und wir können auch bei anderen Veranstaltungen nicht konkret planen." Dafür wären viele Veranstalter auch bereit, die 2G-Regel, also Einlass nur für Geimpfte oder Genesene, in Kauf zu nehmen.

Bisher kam keine Antwort aus der Staatskanzlei. Stattdessen machen sich immer mehr prominente Musiker für einen Impfschub im Kulturleben stark, damit alle wieder "ausgelassene Abende in schwitzigen Clubs und verstrahlte Wochenenden auf Festivals genießen können", wie die Sportfreunde Stiller schreiben. In München machen etwa Ernst Horn von Deine Lakaien, die Killerpilze, der Rapper Fatoni und Howard Carpendale ("Damit alle begreifen, dass es 5 vor 12 ist" - 2800 Reaktionen, 921 Kommentar) bei "#impfenschuetzt" mit. Die Blackout-Problems hätten sogar ein prima Motto für den VdMK: "No Pogo without Piks".

© SZ/arga/chj
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