Süddeutsche Zeitung

Corona-Hilfe:Wenn der Hut herumgeht

Eine Vielzahl von Solidaritätsaktionen versucht Künstler zu unterstützen, die unter der Krise leiden

Der Sozial-Schädling Corona trifft besonders freie Künstler und Veranstalter heftig: Theater dicht, Galerien zu, Filmdrehs gestoppt, Konzerte abgesagt. Falls sie Überbrückungskredite bekämen, müssten sie die einmal zurückzahlen, die Frage ist: wovon? Und bei der staatlichen Soforthilfe fallen viele Kulturschaffende durchs Raster. Dabei sind sie nicht weniger systemrelevant als Lkw-Fahrer, die Klopapiernachschub herankarren, auch Künstler bringen den Leuten trotz leerer Säle ihre Waren: Ideen, Sinn, Trost, Unterhaltung. Die Flaute erzeugt bei vielen Kreativen nicht nur einen Bedarf an Hilfe, sondern auch den Drang zu helfen. Jeder Einzelne kann sich derzeit zahlreichen Solidaritätsaktionen anschließen.

Milbergs literarischer Balkon

Axel Milberg nutzt "diesen blöden, notwendigen Stubenarrest" für einen neuen Podcast auf sueddeutsche.de/kultur: "Milbergs literarischer Balkon". Täglich liest der Münchner Schauspieler ("Tatort"), Hörbuchsprecher und Autor ("Düsternbrook") Lieblingstexte vor, von Mastroianni bis Bukowski, von Poesie bis Trash. Damit ruft er auch dazu auf, in ihrer Existenz bedrohte Künstlerkollegen zu unterstützen, etwa durch solidarische Plattformen wie kulturretter.de. Milberg selbst wird - wie auch die Süddeutsche Zeitung - eine größere Summe spenden.

Kulturretter

Bei der hohen, krummen Zahl glaubten die Initiatoren vom Verein Zwischenprost erst an einen Tippfehler, aber tatsächlich hatte eine einzelne Dame ihrer Plattform kulturretter.de einen mittleren vierstelligen Betrag gespendet. Der fließt in einen Fonds, wie auch alle anderen Gelder, die befreundete Künstler durch ihre täglich live im eigenen Youtube-Kanal laufenden Konzerte, Lesungen, DJ-Sets und so weiter einspielen. Zuschauen ist kostenlos, aber durch den Verkauf von "Luft-Tickets", Tassen, Gin und T-Shirts kamen bereits 40 000 Euro zusammen. Man bündelt seine Kräfte, am Ende bestimmen die Künstler, wer ihren Anteil erhält: etwa sie selbst, aber auch ihr örtliches "Ökosystem". So wollen die Rap-Stars Dicht & Ergreifend ihren Technikern unter die Arme greifen, von denen einer gerade als Erntehelfer versucht, über die Runden zu kommen.

40 200 Euro

sind bereits auf dem Konto der Plattform Kulturretter.de eingegangen. Die Videos und Streams der Künstler wurden 140 000 Mal aufgerufen, 1500 Nutzer (wobei einige sich mehr als ein Angebot angeschaut haben) spendeten, das heißt, etwa jeder Hundertste hat Geld für die notleidenden Musiker, Schauspieler oder Autoren überwiesen. Vom Ziel sind die Initiatoren vom Verein Zwischenprost noch ein Stück entfernt, am Ende sollen 100 000 Euro zusammenkommen.

Zuhause-Festival

Ein buntes Krisen-Programm bietet auch zuhause-festival.de, hinter dem bewährte Münchner Kulturkräfte wie Super Kollektiv, Bahnwärter Thiel oder Hidalgo stehen. Per Button leitet die Plattform weiter zu den Angeboten und Hilfsaktionen der fleißig streamenden Künstler: Über die Lesungen von Sina Reiß etwa landet man beim Forum Humor, und wer sich DJ-Shows wie "Home Order" anschaut, wird gebeten, sich Platten direkt von Optimal Records oder dem Trikont-Verlag liefern zu lassen, nicht von Amazon.

Neues Maxim Kino

"Wir wollen doch nur spielen", klagen die Betreiber des Neuen Maxims auf der Internetseite. Wegen der Ansteckungsgefahr dürfen sie aber keine Filme zeigen. Um die Freunde des Programmkinos bei der Stange zu halten, rufen sie zu einer analogen Bastelaktion auf: das schönste Daumen-Kino mit Filmen wie "Jenseits von Klopapier" gewinnt. Damit das Neuhauser Lichtspielhaus weiter Miete bezahlen kann, bittet es, Kino-Gutscheine zu kaufen, die nach Corona eingelöst werden können.

Crescendo Nothilfe für Künstler

Dank Spendern wie der Geigerin Anne Sophie Mutter oder dem Münchner Konzertverein konnte das Kulturmagazin Crescendo nach einer Blitz-Sammelaktion 40 Kulturschaffenden je 500 Euro überweisen. Es wird weitergesammelt (crescendo.de).

United We Stream Bayern

Auch die wegen der Pandemie geschlossenen Clubs müssen ihre Mieten und Mitarbeiter weiter bezahlen. Sie streamen nun ihre DJ-Sets mit gebündelten Kräften in die Wohnzimmer, jetzt auch aus etlichen bayerischen Clubs wie Harry Klein, Rote Sonne, Stereo, Suxul oder Ostwerk auf unitedwestream.bayern. Über ein Crowdfunding werden Spenden gesammelt.

Beapart Munich

Der Berufsverband Bildender Künstler präsentiert auf der Homepage www.beapart-munich.de Ausstellungskonzepte, die auch in der Kontaktsperre funktionieren und bei denen die Künstler vergütet werden. Das Café Kosmos an der Dachauer Straße beispielsweise bietet Künstlern gegen Honorar an, sein Schaufensters zu bespielen (cafe-kosmos.de). Der BBK sucht weiter Initiativen dieser Art und Unterstützer.

Deutsche Orchesterstiftung

Ihr Ziel hat die Deutsche Orchesterhilfe, eine Lobby-Organisation für klassische Musik in Deutschland und somit auch in Bayern, bereits erreicht: Mehr als eine Million Euro hat sie für den Nothilfefonds speziell für freischaffende Orchestermusiker in dramatischer Lage eingesammelt. 2500 Bedürftigen konnten so je 400 Euro überwiesen werden. Die Aktion geht weiter, es liegen schon wieder 3500 Anträge vor.

Jazzbar Vogler

Der auch sonst überaus engagierte Bühnenchef Thomas Vogler war einer der Ersten, der half. Er griff seine bewährte Idee einer Solidar-Gemeinschaft auf, bat "Musiker, die nicht mehr weiterwissen", ihm eine Mail zu schreiben, und Freunde seines legendären Jazzclubs zu spenden (Konto und Kontakt auf jazzbar-vogler.com).

Club 2

Gerade Herzblut-Konzertveranstalter ohne Polster trifft es hart. Die Münchner Szene-Helden Club 2 bitten, sie mit Soli-Tickets zu unterstützen (clubzwei.de). Auch der Fotograf André Habermann hilft: Er hat in der Covid-19-Flaute ein einzelnes Buch-Unikat mit 56 seiner Konzertfotografien erstellt, das zugunsten des Club 2 versteigert wird (nofokus.com/fotoband).

Ludwigs Festspielhaus Füssen

Eigentlich wollte das Musicaltheater am Forggensee heuer groß feiern: 20 Jahre, vier Stücke ("Ludwig²", "Die Päpstin", "Der Ring", "Zeppelin") und die lang ersehnte schwarze Null. Wegen Corona sieht man nun wirklich schwarz und versucht verzweifelt, Ludwigs Lieblingsbühne mit Gutscheinen, Rabatten und einem Solidaritätstaler, einer Solidaritätsaktion, zu retten (das-festspielhaus.de).

Deine Tickets für Kultur

Veranstalter bitten herzlich, sich Karten abgesagter Veranstaltungen nicht erstatten zu lassen. Beim Nymphenburger Sommer, der heuer ausfallen muss, bietet man für diese noble Geste Spenden-Quittungen an. Und das Vorverkaufsportal muenchenticket.de hat unter dem Motto "Deine Tickets für Kultur" einen Service eingerichtet, der die spendable Kartenrückgabe erleichtert.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4872626
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 09.04.2020
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.