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Corona-Ausbrüche in der Landwirtschaft:Nun rächt sich die Billig-Produktion

An der finanziellen Zwei-Klassen-Gesellschaft mit Erntehelfern aus Osteuropa regt sich scharfe Kritik

"Corona ist zwar das dominante Thema, aber ich habe eine lange Agenda": Der neue Tölzer Bürgermeister Ingo Mehner sieht die größte Herausforderung in seiner Gesamtverantwortung für alle Bürger. Es gelte, klar zu kommunizieren, was in Zukunft geht und was nicht mehr geht, sagt er.

(Foto: Armin Weigel/dpa)

"Quarantäne für Erntehelfer rechtens" vom 6. August, "Regierung will Corona-Ausbruch eindämmen" vom 29. Juli und "Staatsregierung droht mit hohen Strafen" vom 28. Juli:

Hohes Risiko, niedriger Preis

Seit Wochen gibt es immer wieder neue Meldungen zu "Corona-Ausbrüchen" in landwirtschaftlichen und agrarindustriellen Betrieben. Als Ursache werden die Bedingungen der Unterbringung oder die Arbeitsbedingungen (Schlachtbetriebe) genannt. Es trifft die dort Beschäftigten, zumeist Billigkräfte aus südosteuropäischen Ländern. In der Berichterstattung hierüber dominiert das Bemühen, das Infektionsgeschehen von der Bevölkerung in den jeweiligen Landkreisen fernzuhalten. Aber ist uns eigentlich klar, was hier passiert?

In vollem Bewusstsein der Infektionsrisiken, die durch die hiesigen Lebensbedingungen der so Beschäftigten verursacht werden, holen wir uns Billigkräfte aus den südosteuropäischen Ländern und setzen sie bewusst diesen hohen Risiken aus - und das alles zu dem Zweck, unsere Lebensmittelpreise niedrig zu halten. Dabei halten wir sie so weit wie möglich von uns fern, um unser eigenes Risiko gering zu halten. Die Risikofaktoren sind bekannt; sie werden uns von Wissenschaft und Politik täglich vermittelt. Wie kann es dann sein, dass wir diese Menschen als zweitklassig behandeln und sie genau diesen Risikofaktoren aussetzen? Wolfgang Thoss, Hamburg

Wie Leibeigene gehalten

Folgende Sätze in ihrem Artikel haben mich wirklich verstört: "Auch in Mamming lagen offenbar Verstöße gegen das eigene Hygienekonzept vor. So sollen sich die hauptsächlich aus Rumänien stammenden Saisonarbeiter am Abend nicht in den vorgegebenen Gruppen bewegt haben." Während sich inzwischen auf privaten Feiern bis zu 200 Personen tummeln dürfen, wird Erntehelfern ihr Verhalten nach Arbeitsschluss vorgeschrieben. Meines Wissens gelten Einschränkungen des Privatlebens auch nicht für systemrelevante Berufe wie zum Beispiel Ärzte, Polizisten oder Lehrer, und das würde auch niemand tolerieren. Bei Erntehelfern wird aber die Nichtbeachtung dieser meines Erachtens völlig rechtswidrigen Einschränkungen dann wahrscheinlich auch noch von einigen Lesern als "typisch (Platzhalter: Nationalität)" gewertet. Wie konnten wir zu einer Gesellschaft werden, die freie Arbeitnehmer mit solch einer Selbstverständlichkeit wie Leibeigene behandelt? Wo ist der Aufschrei der Gewerkschaften? Der Presse? Tim Liedl, München

Miserable Verhältnisse

Es wird gebetsmühlenartig die "zweite Welle" beschworen, es wird allen Ernstes darüber diskutiert, ob oder ob nicht endlich zum Regelunterricht an Schulen zurückgekehrt wird, aber kein Politiker hat offenbar den Mut, die Dinge beim Namen zu nennen und dann auch konsequent die hauptsächlichen Ursachen für diese lokalen Ausbrüche zu bekämpfen.

Sicher sind die miserablen Wohnverhältnisse bei den Arbeitern in Schlachthöfen, Geflügelschlächtereien, bei Spargelbauern oder Gemüseanbauern dafür verantwortlich, dass sich in kurzer Zeit ganze Mannschaften ansteckten. Aber das Virus entsteht nicht aus den mangelnden hygienischen Verhältnissen. Es wird immer wieder neu eingeschleppt von Erntearbeitern aus Osteuropa. Warum wird hier nicht schon bei der Einreise ausnahmslos getestet und gegebenenfalls isoliert? Die Gemüsebauern haben jetzt Riesenprobleme, die Ernte wird großenteils kaputt gehen, und auf die Krankenkassen rollt eine Kostenwelle nach der anderen zu.

Man sollte das Verursacherprinzip mal wieder bedenken und die Kontrollen und gegebenenfalls auch Restriktionen dort ansetzen, wo in den letzten Wochen die meisten Probleme entstanden sind - und nicht in Kitas oder Schulen. Ernst Weiser, Unterneukirchen

Preisdruck der Verbraucher

Dass ein Ausbruch der Pandemie auf einem landwirtschaftlichen Betrieb aufgrund der Lebensumstände von Erntehelfern erfolgt, überrascht nicht wirklich. Die meisten landwirtschaftlichen Betriebe unterliegen einem enormen Preisdruck auf der Absatzseite durch den Lebensmitteleinzelhandel. Dieser ist leider durch die deutsche "Geiz ist geil"-Mentalität der Verbraucher bestimmt. Es wird wohl auch künftig diese Vorfälle geben, solange der Verbraucher nicht bereit ist, für seine Nahrung faire Preise zu bezahlen.

Andreas Müthing, München

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© SZ vom 08.08.2020
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