Contra Eingemeindungen Lasst die Stadt, wo sie ist!

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Die kommunale Selbstverwaltung garantiert den Umlandgemeinden Bürgernähe und kurze Entscheidungswege

Von Lars Brunckhorst

Wie jetzt? Die Großstadt stößt an ihre Grenzen, und das Umland soll's richten? Ausgerechnet jenes Umland, auf das man aus dem Glockenbachviertel und der Maxvorstadt - von dort aus gesehen fängt das Outback eh gleich hinterm Ostbahnhof an - son st geringschätzig herabblickt? Vielen Dank auch. Auf solche Zuwendungen können die Menschen draußen verzichten.

Denn die Erfahrungen des Umlands mit der Stadt waren noch nie besonders gute. Erinnert sei nur an die Hochhäuser, die München in den Siebzigern nach Taufkirchen am Wald pflanzte, um dorthin einen Teil seiner prekären Mietklientel auszusiedeln. Oder daran, wie Haar und Feldkirchen 1967 Gebiete abtreten mussten, damit der Flughafen in Riem erweitert werden konnte. Die Region kann folglich gut auf neue Gedankenspiele der Möchtegern-Weltstadt zu ihren Lasten verzichten.

Auch die letzten Eingemeindungen nähren Erinnerungen an finsterste Zeiten. Aber man muss gar nicht historisch argumentieren, um zu erkennen, dass Annexionen keine gute Idee sind. Es genügt, sich die Folgen vorzustellen: Aus selbständigen Gemeinden würden neue künstliche Stadtbezirke à la Thalkirchen-Obersendling-Forstenried-Fürstenried-Solln. Neubiberg-Ottobrunn-Hohenbrunn-Riemerling-Putzbrunn zum Beispiel. Aus Gemeinderäten mit weitreichenden Entscheidungskompetenzen nur mehr vorberatende Bezirksausschüsse, machtlose Anhängsel der Kommunalpolitik. Aus mächtigen Bürgermeistern folkloristische Grüß-Auguste nach dem Vorbild der Berliner Bezirksbürgermeister und aus eigenständigen Städten wie Unterschleißheim eine Art Pariser St. Denis.

Gemeinden wie Ottobrunn und Unterhaching, die mehr als 20 000 Einwohner haben, und Große Kreisstädte wie Dachau und Germering brauchen niemanden, der ihnen vom Marienplatz aus sagt, was sie zu tun und zu lassen haben. Schon gar nicht von einer Stadt, die seit Jahren weder eine zweite S-Bahn-Stammstrecke hinkriegt und sich selbst nicht mal zu richtigen Hochhäusern durchringen kann. Sie können selber regeln, was gut und richtig für sie ist.

Im Gegensatz zur Stadt, die sich mit verstopften Schultoiletten und einem chronisch überforderten Bildungsreferat herumschlägt, entstehen etwa im Landkreis München fast jedes Jahr neue Gymnasien. Eltern bekommen hier für ihre Kinder auch ohne schlecht funktionierende Kita-Finder Betreuungsplätze. Gemeinden wie Unterföhring garantieren gar jeder Familie kostenlose Kindergartenplätze. Und anders als vor der Bayernkaserne musste in den Umlandgemeinden noch nie ein Flüchtling unter freiem Himmel schlafen.

Die kommunale Selbstverwaltung garantiert flache Hierarchien, Nähe zu den Bürgern und kurze Entscheidungswege. Hier sind der Bürgermeister und Gemeinderat für jedermann erreichbar, Möglichkeiten zu Mitgestaltung und Einflussnahme etwa per Bürgerbegehren groß, so wie aktuell beim Thema Schlachthof in Aschheim. In Großstädten dagegen wächst die Politikverdrossenheit. Gingen im Landkreis München 2014 noch bis zu 65 Prozent der Wahlberechtigten zur Kommunalwahl, waren es in München gerade mal etwas mehr als 40 Prozent.

Aber auch ganz praktisch gibt es keinen Grund für eine Eingemeindung: Die Region leistet bereits ihren Beitrag zur Behebung der Wohnungsnot. Seit 2009 sind im Umland im Schnitt 10 500 Wohnungen pro Jahr entstanden. Schon jetzt ist der Zuzug prozentual höher als in der Stadt. Auf 1000 Einwohner kommen pro Jahr 95 Zuzüge. In München sind es nur 88. Erst im Juni hat Unterschleißheim die 30 000-Einwohner-Marke überschritten.

Deshalb, liebe Münchner: Kommt gerne raus, um in einer der vielen Weltfirmen, die es bei uns gibt, zu arbeiten. Überfallt am Wochenende unsere Seen, Wälder und Biergärten. Kauft euch unseretwegen auch Reihenhäuser in den Neubausiedlungen. Aber sonst schaut weiter aus eurer großartigen Stadt mitleidig auf uns Landeier herab. Und lasst vor allem die Stadt, wo sie ist!