Eine Vernissage im Herbst in der Münchner Innenstadt. Draußen legt sich der Nebel über den Asphalt. Drinnen ist der DG Kunstraum hell erleuchtet. Die Künstlerin Cana Bilir-Meier zeigt Bilder, Filme, eine Installation. Viele Menschen sind ihrer Einladung gefolgt. Sie sitzen im Kreis um einen meerblauen Teppich. Befreundete Künstler tragen Gedichte vor, machen Musik. Als Sezgin Inceel mit seiner Gitarre in die Mitte tritt, wird es still.
Er stimmt noch mal kurz das Instrument nach, macht nicht viele Worte, beginnt zu singen. Auf Türkisch. Lyrische Verse, sanfte Melodien. Man muss sie nicht verstehen, um zu spüren: In diesem melancholischen Song steckt viel Kraft.
„Kaktüs“ lautet der türkische Titel. Das Lied bedeute ihm sehr viel, sagt Sezgin Inceel, als man ihn ein halbes Jahr später wieder trifft. Die Stadt dampft in der Sommerhitze. Der Musiker sitzt unter einem Sonnenschirm auf der Terrasse des Kulturzentrums HP8, schwarzes Hemd, grau melierte Hose, Socken mit einem kleinen grünen Kaktus drauf.
Ein Kaktus blüht auf, wenn er Zuwendung erhält. Aber er geht nicht gleich ein, wenn er vernachlässigt wird. In solchen Zeiten schöpft er aus inneren Reserven. Auch lässt er sich nicht so leicht verletzen. Mit seinen Stacheln leistet er Widerstand. „Keine andere Pflanze hält so viel aus“, sagt Sezgin Inceel jetzt und lacht, „der Kaktus ist für mich ein perfektes Sinnbild für Resilienz.“
Seit fünfzehn Jahren lebt Inceel in München. Er ist Hochschullehrer, Autor, Musiker, Dichter. An der Katholischen Universität Eichstätt (KU) lehrt und forscht er über Community Music, Inklusion und Mehrsprachigkeit in der Musikpädagogik. Er hat viel mit türkischstämmigen Kindern und deren Eltern gearbeitet, um herauszufinden, wie man sie ermutigen kann, ihre Herkunft nicht als Nachteil, sondern als Ressource zu betrachten. Seine Doktorarbeit handelt von diesem Thema.
Die Musik, sagt Inceel, ist der ideale Weg, um Brücken zwischen Kulturen zu bauen, schon bei den Kleinsten. Er fängt an zu singen: „Summ, summ, summ, Bienchen summ herum, das kennt jedes deutsche Kind, oder?“ Er wechselt ins Englische, dann ins Türkische. „Das Summen wird in jeder Sprache ganz anders wahrgenommen. Da staunen die Kinder, sie spüren und lernen etwas.“ Einfaches Mittel, große Wirkung.
Singen als Selbstermächtigung
Community Music kommt aus England und ist eine Alternative zum klassischen Musikunterricht. Sie richtet sich an alle Menschen, unabhängig vom sozialen oder kulturellen Hintergrund. Es geht dabei nicht ums Notenlesen, um richtig oder falsch, sondern ums Mitmachen. Sie ermutigt Kinder und Erwachsene, ihre Stimme zu erheben – Singen oder Musizieren als Selbstermächtigung. „Sezgin Inceel gehört zu den wenigen, die Wissenschaft, Pädagogik und künstlerische Praxis vereinen“, sagt Daniel Eberhard, Inhaber des Lehrstuhls für Musikpädagogik und Musikdidaktik an der KU, „er leistet tolle Arbeit.“ Und wenn er seinen Studenten etwas von interkultureller Kommunikation erzähle, „dann weiß er, wovon er spricht“.
Musik ist die Konstante in Sezgin Inceels Leben. Geboren und aufgewachsen ist er in Istanbul. „Als ich noch sehr klein war, habe ich mal einen Kamm als Mikrofon benutzt und Sezen Aksu, eine türkische Popsängerin, imitiert“, erinnert er sich. Einmal führte er in seinem Zimmer Radiointerviews mit sich selbst, saß stundenlang vor einem Weltatlas und plante seine Tournee.
Auf Wunsch der Eltern macht er dann erst in Antalya einen Bachelor in Touristik – und folgt schließlich doch seiner inneren Stimme. Er kehrt nach Istanbul zurück und studiert Musik bis zum Master. Reist durch Europa, sammelt Erfahrungen in verschiedenen musikalischen Projekten, bevor er mit einem Stipendium nach München kommt. Am Gymnasium Obermenzing unterrichtet er auf Englisch, lernt nebenher Deutsch und wird an der Musikhochschule zum Promotionsstudium aufgenommen.
„Ich hatte mich in die Stadt gleich verliebt“, erzählt er. So viel grüner als Istanbul, so viel Ruhe und Natur. Alles scheint gut – bis das Stipendium ausläuft. Neben der Promotion arbeiten, das sei nicht machbar, findet die Ausländerbehörde. „Können das nur Deutsche?“, fragt er zurück. Ohne Einkommen kein Essen und vor allem: keine Aufenthaltsgenehmigung. „Dieses Land hat Mauern eingerissen, aber neue Mauern errichtet“, dichtet er damals. „Mein Herz schlägt einfach weiter, aber es findet keinen Frieden.“ An einem dieser dunklen Tage regt sich sein Widerstandsgeist. Er fährt seine Stacheln aus und beschließt, zu kämpfen. So entsteht das Kaktus-Lied.
Mit einer Sondergenehmigung arbeitet er tagsüber in einer Kita mit zweisprachigen Kindern, schreibt nachts an seiner Dissertation. Als er den Doktortitel in der Tasche hat, erlebt er noch einmal einen Schock. Wenn er nicht sofort einen Arbeitsvertrag vorlegen könne, müsse er gehen, sagt die Ausländerbehörde. Doch in solchen verzweifelten Situationen horcht er in sich hinein. Dann ist da ein Gefühl, ein paar Worte, eine Melodie. Er nimmt sie – oft vor dem Einschlafen – auf dem Handy auf. Wenn er sich Tage später ans Klavier setzt oder zur Gitarre greift, probiert er so lange, bis daraus ein Song entsteht. „Das Lied ist draußen, ich kann es betrachten, dann spüre ich, wie Ruhe einkehrt.“
Sezgin Inceel nippt jetzt an seinem Cappuccino mit Hafermilch. Er spricht leise, bedacht, lächelt zwischendurch immer wieder. Überhaupt strahlt er eine angeborene Freundlichkeit aus. Die Kämpfe, die er auszufechten hatte, sind ihm nicht anzusehen. Inzwischen ist er eingebürgert. Sein nächstes Projekt ist die Habilitation.
Menschen schreiben ihm: „Du hast genau ausgedrückt, was wir erleben“
Die Musik war immer seine „beste Freundin“, sagt er. Ihr vertraute er seine Gefühle an. Aber erst, als er sich auch wissenschaftlich mit Geschlecht, Mehrsprachigkeit, Macht und Privilegien befasste, habe er einen neuen Blick auf seinen Beruf, die Musikpädagogik – und auf sich selbst gewonnen.
Auf Youtube oder Instagram schreiben ihm Menschen jetzt: „Du hast genau ausgedrückt, was wir erleben.“ Er mag den Ausdruck „queerer Musiker“ nicht, will in keine Schublade gesteckt werden. „Ich bezeichne mich lieber nur als Musiker.“ Doch es gibt Erfahrungen der Ausgrenzung, des Suchens und Findens, die er mit vielen Menschen teilt.
Er dichtet auf Türkisch. Ein Teil von ihm sei immer noch in der Türkei, sagt er, das werde wohl immer so bleiben. Das Licht, die Wärme, die Straßenkultur, die Lieder seiner Kindheit und Jugend, das alles hat einen Platz in seinem Herzen. Mit einem Freund betreibt er einen türkischen Podcast. Sie sprechen darin über Musik und Popkultur in der Türkei aus queerer Perspektive. Das gab es vorher nicht in dem konservativen, patriarchalischen Land, in dem ein offenes Bekenntnis zu anderen Lebensformen immer schwieriger wird. Und das, obwohl Homosexualität in der Türkei schon seit 1858 legal ist.
„Wenn wir jemanden lieben, ist es dann wichtig, ob er Mann ist oder Frau, jung oder alt, schwarz oder weiß?“, fragt Sezgin Inceel. „Wir erzählten uns keine Lügen, wir redeten nur und blickten in die Tiefe“, heißt es in dem Kaktus-Lied. „Wir waren nicht Mann und Frau, wir waren ein Kaktus, der sich gegen die Welt stemmt.“
Sezgin Inceel hat seinen Frieden gefunden. Er verbindet sich mit Menschen, die ihm guttun. Wenn er sieht, dass seine Arbeit Früchte trägt, an der Uni mit Studierenden, beim Workshop mit Kindern oder bei einem Konzert mit seinen eigenen Liedern, „dann macht mich das glücklich.“ Die Musik, sie ist für ihn das Band, das ihn hält.

