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Coming-Out:Erst mal einen Schnaps

Wie reagieren Eltern darauf, wenn ihre Kinder erzählen, dass sie homosexuell sind? Fünf Münchner erzählen über ihr Coming-Out.

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Quelle: SZ

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Coming-Out:Erst mal einen Schnaps für die Mutter

Thomas Nütten, 36, Radiomoderator: "Das war eine bizarre Situation. Ich war 24 und hatte bis zum Tag vorher eine Freundin. Sie hat als Erste erfahren, dass ich mich zu Männern hingezogen fühle, und ich habe mir gesagt, bevor sie mich aus Boshaftigkeit outet, wage ich den Schritt selbst. Ich bin morgens um sieben zu meinen Eltern gefahren, mein Vater war in der Arbeit, meine Mutter war sehr verwundert, dass ich so früh auftauche. Sie preschte vor und meinte, ob ich eine neue Freundin hätte. Ich habe gesagt, keine neue Freundin, mit Betonung auf ,in'. Dann meinte sie, ob es denn ein Freund sei. Ich habe das bejaht, was ihr einige Tränen in die Augen gebracht hat. Sie hat sich hingesetzt und sich erst mal ein Schnäpschen genehmigt. Dann hat sie aber sehr offen reagiert: Wer ist das, wie heißt er, wie alt ist er? Ich bin danach zur Arbeit, meine Mutter wollte es meinem Vater selbst sagen. Laut ihr war seine Reaktion nur ein seufzendes ,Hm'. Ich habe danach nie detailliert mit ihm darüber gesprochen, aber er hat es akzeptiert."

Ruth Eisenreich

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Quelle: SZ

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Irene Schmitt, 58, Anwältin und SPD-Stadträtin:"Ich hatte ein relativ spätes Coming-out, mit Mitte 20. Das hatte den Vorteil, dass ich schon erwachsener war und anders auftreten konnte. Mit meinen Eltern gab es nicht dieses eine Gespräch, das war nicht notwendig. Sie haben einfach mitbekommen, dass es so ist. Sie waren erstaunlich gelassen, obwohl meine Mutter immer großen Wert auf das gelegt hat, was andere Leute sagen. Ich habe auch bald eine Freundin angeschleppt und ihnen vorgestellt - da hatte ich einfach Glück, die haben sie gemocht und damit war das Thema eigentlich rum. Als ich 2002 für den Stadtrat kandidiert habe und es voll durch die Presse gegangen ist, war das für meine Eltern sicher noch mal eine ganz neue Coming-out-Situation, aber auch da war ich überrascht, wie unspektakulär es gegangen ist. Ich habe also gute Erfahrungen gemacht. In meiner Tätigkeit als Anwältin höre ich jedoch auch viele erschütternde Schilderungen von Leuten, die von der Familie verstoßen und aus den Testamenten gestrichen werden."

Ruth Eisenreich

Thomas Niederbühl, 2008

Quelle: cath

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Thomas Niederbühl, 52, Geschäftsführer der Münchner Aids-Hilfe und Stadtrat (Rosa Liste):"Ich habe mich den Eltern gegenüber an dem Abend geoutet, bevor ich 17 geworden bin. Wir waren im Kino, in ,Die Konsequenz'. Der ist aus heutiger Sicht schrecklich, war aber damals einer der wenigen Filme, wo das Thema vorkam. Danach sind wir schweigend eine halbe Stunde von Karlsruhe in unser Dorf zurückgefahren, und als mein Vater geparkt hat, bin ich damit rausgerückt. Den Wortlaut weiß ich nicht mehr, aber nach dem langen Schweigen war eigentlich klar, was jetzt passiert. Ich musste es nur noch aussprechen. Es war so was wie: ,Wahrscheinlich könnt ihr euch schon denken, was ich sagen will - ich bin auch schwul.' Meine Mutter hat emotional reagiert, das war 1978, und sie hatte Angst, dass ich es schwer im Leben haben und einsam altern werde. Mein Vater war super, für ihn war das ganz selbstverständlich. Für mich war es eine große Erleichterung, weil ich bis dahin das Gefühl hatte, ich würde meine Eltern hintergehen."

Ruth Eisenreich

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Quelle: SZ

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Lydia Dietrich, 53, Politologin, Grünen-Stadträtin:"Ich war schon ein Stück älter, etwa 37. Ich denke, mit 15 kann ein Outing eine sehr belastende Lebenssituation sein, das war es für mich nicht. Mein Vater hat das gar nicht mehr so mitgekriegt, weil er schon krank war und kurz darauf gestorben ist. Meine Mutter war sehr ablehnend. Ich habe aber nichts anderes erwartet, weil sie sehr katholisch-religiös lebt. Ich habe ihr Bilder von Freunden beim Christopher Street Day gezeigt, sie hat gefragt, was das ist, und ich habe es ihr erklärt. Und dann hat sie gefragt: ,Du bist doch nicht auch . . .?' - sie spricht die Wörter ,schwul' und ,lesbisch' nicht gerne aus. Da habe ich gesagt: ,Doch, ich lebe lesbisch.' Da wurde sie ein bisschen blass und hat erst mal gar nichts mehr gesagt. Ein paar Minuten später kam der Satz: ,Wie kannst du mir das antun?' Sie hat meine Partnerin später kennengelernt und war sehr offen ihr gegenüber, aber das Thema als solches anzusprechen, hat sie bis heute nie geschafft. Trotz ihrer Reaktion war es eine Erleichterung, dass es raus war."

Ruth Eisenreich

Martin Arz, 2010

Quelle: Catherina hess

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Martin Arz, 50, Inhaber des Hirschkäfer Verlags und Autor: "Schon als Junge fand ich Männer toller. Geoutet habe ich mich dann 1989, da war ich 25 Jahre alt. Ich saß damals bei meiner Mutter in der Küche und war ziemlich aufgeregt, zumal ich aus einem sehr konservativen Elternhaus komme. Als es dann raus war, hat meine Mutter mit einem Mal angefangen, die Arbeitsfläche besonders gründlich abzuwischen - die typische Übersprungshandlung. Im Wesentlichen hat sie mein Outing aber weder positiv noch negativ kommentiert, sondern es eher hingenommen und noch zwei, drei Fragen zu meinem damaligen Freund gestellt. Ihre Reaktion war also weder ein ,Oh Gott, mein Sohn ist schwul' noch ein ,Das habe ich schon immer gewusst'. Heute würde ich von vorneherein offensiver mit meiner Homosexualität umgehen und mir nicht so einen Kopf darum machen, was andere denken könnten. Wie die Erfahrung zeigt, beruhigen sich selbst ultrakonservative Väter in der Regel wieder und stellen fest, dass ihr Sohn noch immer ihr Sohn ist."

Franziska Gerlach

© SZ vom 25.1.2014/bica
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