Der Bleistift ist das Werkzeug seiner Wahl. Immer noch, obwohl die Charaktere der meisten Animationsfilme längst direkt am Computer entstehen. Andreas Deja hat es versucht. Die Walt-Disney-Studios, für die er damals 30 Jahre gearbeitet hatte, boten ihm Kurse dazu an. Doch er stellte fest: „Dass ich mit dem Computer nicht spontan und emotional arbeiten kann.“ So setzt der Zeichner bis heute auf weiche Bleistifte von Faber Castell, Stärke 7 oder 8 B, solche, die nicht „kratzen“. Der Disney-Konzern und er sind nach seinem Versuch, auf andere Arbeitsmittel umzusteigen, 2010 „freundschaftlich“ auseinandergegangen. „Ich konnte sie verstehen.“ Sein letzter abendfüllender Film war „Winnie-the-Pooh“. Deja hat Tigger, den tollpatschigen Tiger, lebendig gemacht. Sein Faible für große Katzen begann mit Shir Khan und Bagheera aus dem Disney-Klassiker „Dschungelbuch“ von 1967.
Die Lebensgeschichte von Andreas Deja klingt wie ein Märchen. Seit 1980 lebt er in Kalifornien. Das war schon als Kind sein Ziel. Deja wurde 1957 in Danzig geboren. Kurz darauf zogen seine Eltern nach Dinslaken in Nord-Rhein-Westfalen. Dort fand er Lehrer, die seinen Wunsch unterstützten, seinen US-amerikanischen Vorbildern zu folgen. Die Story mit dem Brief, den er als Teenager mithilfe eines Englischlehrers zu Disney schickte, die in keinem Text über ihn fehlt, ja, die stimme, sagt Deja. Man trifft ihn einen Tag vor Beginn des Münchner Comicfestivals. Geduldig und freundlich absolviert der groß gewachsene Mann in einem Ausstellungsraum der Alten Kongresshalle, umgeben von Zeichnungen aus seinem neuen Film „Mushka“, ein Interview nach dem anderen. Er spricht akzentfrei Deutsch.
Auf das Schreiben, in dem er als Schüler fragte, wie er denn Disney-Zeichner werden könne, bekam er eine Antwort. Das klingt heute schier unglaublich, wird doch auf Mails kaum noch reagiert, schon gar nicht ausführlich. Aktzeichnen solle er üben und sich die Physiognomie von Menschen und Tieren genau einprägen, konnte Deja lesen. „Ich habe das sehr ernst genommen“, sagt er. Als er sich nach seinem Studium an der Essener Folkwang Hochschule der Künste mit 23 Jahren solide ausgebildet fühlte, bewarb er sich bei den Walt-Disney-Studios. Von Eric Larson, einer von Disneys legendären neun „Old men“ hörte er das bestätigende Urteil: „You have everything what it takes“, alle Voraussetzungen also für eine Hollywood-Karriere.
Dejas Grundlagen gehen weit übers Zeichnen hinaus. Wer Trickfilmanimator werden möchte, muss sich auch aufs Schauspielern verstehen. Emotionen ausdrücken zu können, ist die Zauberformel. Scar, der gehässige Bruder von Mufasa, aus dem Film „Lion King“ ist auch deshalb Dejas Lieblingsfigur, weil er in sie alles hineinlegen konnte, was es eben braucht für einen großen Animator. „Er ist so intelligent und hat so viel Spaß, böse zu sein“, sagt Deja. Und dann die Stimme im Original von Jeremy Irons, er blickt zur Decke. „Der könnte auch ein Telefonbuch vorlesen.“

Die Arbeit an einem Filmcharakter beginnt mit den Tonspuren. Deja erklärt: „Ich höre sie mir an, schließe die Augen, sehe die Figuren vor mir und fühle mich hinein.“ Über das Drehbuch habe er bereits eine Ahnung, was sie machen. „Meine Aufgabe ist dann, die Emotion umzusetzen. Beim Trickfilm ist man mehr Schauspieler als Zeichner, das Zeichnen ist eigentlich zweitrangig.“ Deja hat sich gern in schurkischen Charakteren ausgedrückt. Von ihm stammen etwa der Großwesir Dschafar in „Aladdin“ und der eitle Gaston aus „Die Schöne und das Biest“. Deja hat bei „Basil, der große Mäusedetektiv“ prägend mitgewirkt, bei „Falsches Spiel mit Roger Rabbit“, bei „Arielle - Die Meerjungfrau“ und „Die Schöne und das Biest“.
Nach vor Beginn der Pandemie hat sich Deja mit seinen Stiften in ein eigenes Filmprojekt gestürzt: „Mushka“. Es ist die Geschichte eines ukrainischen Mädchens und eines Tigers, der sie nach Sibirien führt. Das erinnert an „Dschungelbuch“? „Deshalb haben wir die Geschichte auch nicht in Indien spielen lassen“, sagt Deja. Der Krieg in der Ukraine war damals nicht absehbar. Der Film dauert knapp 30 Minuten. Und wie endet er? „Emotional.“
Zu erleben sind Andreas Deja und „Mushka“ auf dem Animationsfestival am 21. und 22. Juni im Münchner Werkstattkino. Das Comicfestival läuft noch bis Sonntag, 22. Juni; www.comicfestival.de.

