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Comic:Unterm Strich ganz und gar ich

Die Kleidung der Frau ist eben nicht nur eine persönliche Geschmacksfrage, sondern oft bestimmt durch den männlichen Blick. So manifestiert sich Ungleichheit im Alltag.

(Foto: Lisa Frühbeis / Carlsen Verlag)

Lisa Frühbeis widmet sich in ihrem Band "Busengewunder" mit Witz und Offenheit feministischen Themen.

Von Sabine Buchwald

Machen Sie doch mal was über Menstruation." Der thematische Anstoß ihrer Redakteurin erstaunte Lisa Frühbeis dermaßen, dass sie ihn in den ersten Panels ihres Comicstrips verarbeitet. Das war 2017, als Frühbeis zu den vier Zeichnerinnen und Zeichnern gehörte, die abwechselnd für die sonntäglichen Magazinseiten des Berliner Tagesspiegel arbeiteten. Statt einer erfundenen Kunstfigur erhebt sich Frühbeis in ihren Zeitungsstrips selbst zur Protagonistin. Sie zeichnet sich brillenlos, spitznäsig, mit schwarz-glänzendem Pagenkopf und schnell erkennbar am stets gestreiften T-Shirt. Die Geschichten seien an ihr eigenes Leben angelehnt, sagt sie im Gespräch. Und so sieht man die gezeichnete Lisa in ihrem "Comic über Menstruation" verwundert mit ihrer Mutter darüber sprechen, mit Krämpfen am Boden liegen und begleitet sie in den Drogeriemarkt, wo sie entzückt über ein günstiges Angebot nach den falschen Binden greift. Soeben sind 30 Geschichten der in München geborenen Illustratorin und Comiczeichnerin in einem Sammelband im Carlsen Verlag erschienen. Für "Busengewunder" hat Frühbeis die Kolumnen um fünf weitere ergänzt und sie teilweise überarbeitet. Herausgekommen ist eine Art Handbuch weiblicher Empfindlichkeiten. Empathisch, komisch und nachdenklich stimmend.

Neben dem ureigensten weiblichen Thema Monatsblutung geben die regelmäßigen Comics der Zeichnerin Raum, über einiges andere nachzudenken, was selbst unter Freundinnen oft nur oberflächlich besprochen wird: dass etwa haarlose Beine ein ärgerliches und teures Unterfangen sind, Brüste hormonbedingt heftig schmerzen können oder der gesellschaftliche Druck, zur rechten Zeit schwanger zu werden, ärgert und nervt. Sie regt sich über Darwins "Chauvi-Meinung" auf, wonach Frauen biologisch unterlegen seien, und informiert nebenbei, dass Frauen durchschnittlich 21 Prozent weniger verdienen als Männer.

Frühbeis, 33, begegnet Tabus mit einem bewusst kindlich wirkenden Strich. Anders als die im Februar verstorbene französische Zeichnerin Claire Brétecher, Vorbild feministischer Comiczeichnerinnen, arbeitet sie körperliche Details an ihren Figuren nur wenig aus. Männliche wie weibliche Geschlechtsteile wirken deshalb nie frivol. Brustwarzen sind bei ihr Pünktchen und keine Fleischberge, zu denen vor allem männliche Zeichner sie überquellen lassen. Mit wenigen Tuschestrichen weiß Frühbeis Wut und Erstaunen, Frust und Glück in Gesichtern auszudrücken.

Gerade bei feministischen Themen, wie Chancenungleichheit oder Überlegenheitsfantasien von Männern, was auch Brétecher immer wieder aufgespießt hat, recherchiert Frühbeis intensiv, bevor sie sich ans Werk macht. Sie arbeitet mit Füller, Tusche und Gouache oft erst auf Papier, scannt ihre Bilder dann ein und koloriert digital. Weil Fakten nicht immer bildlich darstellbar sind, schreibt sie häufig erklärenden Text dazu. "Ich will, dass die Leute mit Humor etwas lernen", sagt sie. Auf knapp 30 mal 30 Zentimetern hatte sie auf den Zeitungsseiten alle Freiheiten dazu. "Mein Auftrag war, progressiv zu sein", sagt Frühbeis. Die Arbeit für die Zeitung habe sie als totalen Luxus empfunden. Plötzlich war sie in einer Reihe mit Größen wie dem Berliner Mawil, mit Marvin Clifford und Birgit Weyhe.

Geschichten aus dem Leben: Lisa Frühbeis zeichnet sich als Figur selbst in ihre Comics.

(Foto: Carlsen Verlag)

Arne Bellstorf begann am 11. Juni 2006 die Reihe, die der Tagesspiegel im Juni 2019 nach 13 Jahren nun eingestellt hat. Die Comicreihe wurde mit dem Max-und-Moritz-Preis ausgezeichnet - eine bedeutendere Trophäe hat die deutsche Szene nicht zu vergeben. Frühbeis bekennt: Für sie sei es wie ein Abzeichen gewesen, für die Berliner Zeitung zeichnen zu dürfen. Ich habe mit einer Arbeit auf einen Schlag viele Tausend Leser erreicht. Wie die anderen trauere sie sehr über die Entscheidung des Verlags. Das aktuelle Buch gäbe es sonst nicht, sagt sie.

Frühbeis hat in Paris, Urbino und Augsburg studiert. Nach einer Kindheit in Neuried bei München ist sie in der "friedlichen und interkulturellen Stadt" hängen geblieben. Dort arbeitet sie als Dozentin, illustriert Bücher und freut sich über Aufträge, live zu zeichnen. Im vergangenen Jahr hat sie einen Tag lang Workshops und Podiumsdiskussionen in der Münchner Musikhochschule zum Thema "Me Too" spontan dokumentiert. Beim Livezeichnen könne man nicht viel nachdenken, müsse schnell Entscheidungen treffen. Man lege seinen Perfektionismus ab.

Lisa Frühbeis.

(Foto: Carlsen Verlag)

Theater hatten sie für dieses Jahr gebucht und sie hätte ihr "Busengewunder" auf Lesungen präsentieren sollen. Corona bedingt sei das meiste nun gestrichen, erzählt Frühbeis. Ob sie diesen Sommer einen bezahlten Arbeitsaufenthalt in Frankreich antreten kann, sei offen. Das Stipendium in Schweden hingegen diesen Herbst werde sie wohl annehmen. Ursprünglich wollte Frühbeis dort mit älteren Frauen über Genderfragen in der Arbeitswelt sprechen. Daraus hätte ein journalistischer Comic entstehen sollen. Jetzt wolle sie stattdessen vielleicht über die Mumin-Erfinderin Tove Jansson arbeiten. Das feministische Thema hätte Frühbeis vielleicht mehr fasziniert.

© SZ vom 06.06.2020/swen

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