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Comic-Forscher Ralf Palandt:Adolf Hitler als Witzfigur

sueddeutsche.de: Heute werden solche Bildgeschichten auch als Propaganda genutzt. Vor der Bundestagswahl 2009 versuchte die NPD mit antidemokratischen Tiercomics bei Schülern auf Stimmenfang zu gehen.

Holocaust im Comic, Ausstellung, Ralf Palandt

Der Führer als Witzfigur: Der Comic von Walter Moers macht sich über Adolf Hitler lustig.

(Foto: Walter Moers)

Palandt: Damit wollte sich die NPD an deutschem Recht vorbeischlängeln und ihre Botschaften in einer Fabel verkleiden. Das ist äußerst bedenklich, weil der Comic offensichtlich ein rechtsextremes Vorbild hatte. Deshalb ist eine Auseinandersetzung mit rechtsradikalen Comics dringend notwendig, damit Aufklärung als Gegenmaßnahme funktioniert.

sueddeutsche.de: Kann man von Jugendlichen überhaupt verlangen, dass sie das leisten?

Palandt: Jugendliche sind mit Comics aufgewachsen. Viele haben recht schnell gelernt, dass man japanische Mangas von hinten nach vorne und von rechts nach links liest. Trotzdem halte ich es für sehr wichtig, dass in der Schule erklärt wird, wie Comics funktionieren. So lernen die Jugendlichen, die Bildgeschichten kritisch und mündig zu lesen.

sueddeutsche.de: In der Ausstellung "Holocaust im Comic", die Sie organisiert haben, sind viele unterschiedliche Bilder zu sehen. Walter Moers zeichnet Adolf Hitler als kleine Witzfigur. Es gibt jedoch auch Comics, in denen Nazi-Soldaten mit kantigen Gesichtern eine düstere Stimmung verbreiten. Welche Rolle spielt die Art der Bilder?

Palandt: Eine sehr große. Sie erzeugen ja nicht nur einen optischen Reiz sondern auch Gefühle. Wenn ein Comic gut gemacht ist, hört der Leser die Geräusche, er schmeckt mit und riecht mit. Deshalb hat Art Spiegelman bei seinem Comic Maus auch diese Distanz geschaffen - um zu sagen: Pass auf, lieber Leser, das ist meine persönliche Sichtweise. Auf der anderen Seite zeigen wir in der Ausstellung mit Braun einen sehr realistisch gezeichneten Comic, in dem Hitler vom Teufel zum Judenmord verführt wird. Das haben viele so verstanden, als würde Hitler hier die Verantwortung abgenommen. Und die realistische Zeichnung hat diesen Eindruck noch verstärkt.

sueddeutsche.de: Es fällt auf, dass sich viele Superhelden den Kampf gegen die Nazis auf die Fahnen geschrieben haben. Superman zum Beispiel ist in einem Comic während des Zweiten Weltkriegs nach Deutschland geflogen, hat sich erst Hitler und dann Stalin geschnappt - und hat beide als Kriegstreiber verurteilen lassen. Sind die Nazis die Lieblingsgegner amerikanischer Superhelden?

Palandt: Bei dem genannten Beispiel handelte es sich um eine exklusive Bildgeschichte für die US-Illustrierte Look vom Februar 1940. Deren Inhalt könnte der Wunschgedanke der beiden jüdischen Autoren gewesen sein. Nach Kriegseintritt der USA kämpfte Superman gegen die Nazis, während des Kalten Kriegs aber auch gegen sowjetische Spione. Comics sind auch Zeugen politischer und gesellschaftlicher Strömungen. Aber es stimmt schon, Nazis kommen bis heute immer wieder als Gegner der Superhelden vor.

sueddeutsche.de: Es gibt Menschen die sagen, das läge daran, dass Superman Jude sei.

Palandt: In der amerikanischen Comic-Industrie sind zwar viele jüdische Künstler beheimatet, man kann jedoch nicht immer vom Künstler auf das Werk schließen. Bei Superman sieht man jedoch, dass er Weihnachten feiert und in einem Comic seine geliebte Lois Lane nach christlichem Ritus heiratet.

sueddeutsche.de: Hätte er auch Osama bin Laden getötet?

Palandt: Superman hat Hitler bekämpft und auch Bin Laden wäre sein Gegner gewesen. Er hat aber einen Eid abgelegt, dass er niemanden umbringt.

Die Ausstellung "Holocaust im Comic" ist vom 19. Juli bis 19. August 2011 zu den üblichen Bürozeiten (8 bis 17 Uhr) im Bayernforum der Friedrich-Ebert-Stiftung in München zu sehen. Der Eintritt ist kostenlos. Zur Ausstellungseröffnung am 19. Juli um 19:30 Uhr spricht Ralf Palandt zum Thema "Braune Comics?! Bilder vom rechten Rand der Gesellschaft".

© sueddeutsche.de/bica/bön
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