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Coldplay:Weihnachtszauber mit Chris

Coldplay in München

"I haven't slept": Chris Martin, Sänger der britischen Band Coldplay, singt in der Münchner BMW-Welt - beim Schlussakkord wurde dann noch geflucht.

(Foto: dpa)

In München liefert Coldplay ein makellos inszeniertes Kleinkonzert ab, so täuschend echt und weihnachtlich, dass es fast ans Christkind glauben lässt. Wäre da nicht dieser eine Akkord.

Es ist erst zwei Minuten vor sieben, als Chris Martin die ersten Worte ins Mikro haucht: "I think of you." Aber es ist ja Dezember und demnach schon dunkel, draußen, im eisigen Nieselregen und hier drin, im Bauch der BMW-Welt, sowieso. "I haven't slept." Die Menge kreischt. Chris Martin und der Rest seiner Band Coldplay stehen unter weißen Papiersternen, eine Bühne wie das minimalistische Weihnachtsfenster eines Schreibwarenladens. Davor stehen etwa 1500 Menschen dicht gedrängt, bereit, sich von der Illusionskraft dieser Band verzaubern zu lassen.

Noch 18 Tage bis Weihnachten, dem Fest des (Kerzen- / Geld- / schönen) Scheins, Nikolausabend. Manche haben sich entsprechend festlich gekleidet, tragen silberfarbene Glitzershorts zum Band-T-Shirt, rote Pailletten oder Flitter auf den Wangenknochen. Eine Frau kramt sogar eine Weihnachtsmannmütze aus ihrer Handtasche. Pünktlich zum Start des Geschenkmarathons haben Coldplay im November ihr sechstes Album "Ghost Stories" als Live-Version auf den Markt gebracht, den Release feiern sie unter anderem mit diesem kleinen Konzert in München, angekündigt nur vier Wochen vorher, binnen Minuten ausverkauft.

"Wir spielen ab und zu gerne in solchen kleinen Sälen", sagt Martin. "Es ist, als ob ihr einfach zu uns kommt, ins Studio, wo wir arbeiten. Kein Feuerwerk, keine große Show." Klein ist es hier im Auditorium des Autowunderlands tatsächlich. Das Bühnenbild mag reduziert sein, das Klavier mit der transparenten Front die wichtigste Requisite. Aber die Show ist bombastisch wie im Stadion. Aus Laser und Nebel entstehen Wolken, die sich vor die Papiersterne schieben, glitzernde Strahlen wandern durch den niedrigen Raum. Bei "Midnight", dem Song, der auf "Ghost Stories" durch seinen sphärischen Synthiesound so angenehm hervorsticht, fühlen sich die Lichteffekte an wie einst die Lasershow im Imax-Kino. Bei "Ink" beginnt der Papiersternhimmel just bei der Songzeile "I see your stars begin to shine" zu funkeln. Keine Show? Sie ist perfekt.

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"Ihr seid wie Crack für uns!"

Die Menschen, die hier sind, sind entweder treue Fans oder hatten Glück im Vorverkauf. Sie singen: "Para, Para, Paradise" und geben sich hemmungslos dem Kitsch hin. Doch es ist nicht das Gefühl, Teil einer limitierten Auflage von Konzertbesuchern zu sein, das den Saal füllt. Seine eindrucksvolle Akustik lässt in dem schmalen Raum ein Gefühl der Unmittelbarkeit, der Intimität entstehen - wenn auch auf eine seltsam distanzierte Art.

Es ist ein bisschen, als sei man von einer unheimlichen Macht in ein Musikvideo geklebt worden. Der Film läuft ab, ohne einen Ruckler. Die Menschen im Raum sind zugleich Zuschauer und Akteure, ihre hochgereckten Handys die Satelliten im Papiersternhimmel. Bei "Viva la Vida" hat Martin längst aufgehört zu singen, doch der Choral der Menge füllt weiterhin andächtig den Raum: "Ohohohohohoh", "Ohohohohohoh". Der Film tut seinen weihnachtlichen Zauber

Immer wieder bedankt sich Martin bei seinen Zuhörern/Statisten. "Es ist unser erstes Konzert nach ein paar Monaten Pause. Ihr seid wie Crack für uns!" Die Menge jauchzt. Moment, Crack noch vor der Tagesschau? Für diesen netten jungen Mann? Doch egal, die Show funktioniert.

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Die Band tut sich den Gefallen, die Songs des neuen Albums einzeln zwischen ihre großen Hits zu streuen. So denkt auch keiner mehr dran daran, dass Martin in dem recht breiigen Liederreigen die Trennung von seiner perfekten, völlig crackunverdächtigen Frau Gwyneth Paltrow verarbeitet hat. Das Zwei-Meter-Paar, das in der Menge gerade alle Schiebertänze seiner Jugend noch einmal durchlebt, sowieso.

Ja, sie wollen, wollen, wollen an Magie glauben

Und so finden in den exakt 60 Minuten vor der planmäßigen Zugabe die großen Hymnen wie "Clocks", und "The Scientist" ebenso Platz wie das folkige "Till Kingdom Come" von 2005, in dem sich Martin wunderschön vor Countryschmerz verzehrt.

"And if you were to ask me // After all that we have been through // Still believe in magic?", singt Martin in "Magic". Die Antwort: "Yes I do // Yes I do // Yes I do // Yes I do." Und auch wenn sich die Menschen im Saal nicht gerade im Prozess des Conscious Uncoupling von Frau Paltrow befinden: Ja, sie wollen, wollen, wollen ebenfalls an Magie glauben, hier an diesem Abend formvollendet dargeboten als Illusion. Perfekt bis in die Spitzen der Weihnachtsfenster-Papiersterne, die übrigens auf eine Fan-Aktion im Sommer zurückgehen dürften.

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Zum Finale gibt es dann konsequenterweise auch das unsägliche "Sky full of Stars", über das der Kollege Max Fellmann so treffend schrieb, seine Melodie "wiederholt genau die Sorte von billigen Eurodance-Figuren, die einen automatisch nach Kleingeld für den Auto-Scooter suchen lässt." Männer in gestreiften Hemdkragen über dem V-Ausschnitt und Frauen mit Perlenohrringen tanzen, als hätten sie jahrelang darauf gespart. Und als wäre das alles noch nicht genug, fängt es an zu schneien. Weiße Papiersterne rieseln von der Decke. Keine Show? Von wegen. Es würde nicht weiter überraschen, wenn das Christkind höchstpersönlich herabschwebte. Aber halt, ist ja erst Nikolaus.

Nur ein einziges Mal bricht die festlich-perfekte Inszenierung. Und zwar ausgerechnet dort, wo es am weihnachtlichsten wird. Als letzte Zugabe spielt die Band "Christmas Lights". Gleich zweimal vermasselt Martin tatsächlich den Schlussakkord. "Fuck!", flucht er und bittet: "Stellt das hier bloß nicht auf Youtube." Charmant, aber spontan. Und so endet das Konzert mit einem wohligen kleinen Kratzer im kitschigen Weihnachtszauber. "Merry Christmas."