Premiere:Bällchenbad im Zarenreich

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Premiere: Zauberreiches Krähen: Der Astrologe (Dirk Mestmacher) enthüllt den goldenen Hahn (Francesca Paratore) vor Zar Dodon (dahinter: Michael Lion) im Großen Haus Coburg.

Zauberreiches Krähen: Der Astrologe (Dirk Mestmacher) enthüllt den goldenen Hahn (Francesca Paratore) vor Zar Dodon (dahinter: Michael Lion) im Großen Haus Coburg.

(Foto: Annemone Taake)

Das Landestheater Coburg zeigt Rimski-Korsakows Oper "Der goldene Hahn".

Von Michael Stallknecht, Coburg

Immer diese Kriege! Dabei möchte Zar Dodon doch einfach nur schlafen, faul, gefräßig und dauergeil, wie er nun mal ist. Mit seiner letzten Oper "Der goldene Hahn" schuf Nikolai Rimski-Korsakow 1907 eine beißende Parodie auf die letzten Jahre des russischen Zarenreichs - und zugleich ein bis heute rätselhaftes Märchenspiel. Ein Astrologe singt mit abstrus hohem Tenor, der titelgebende Hahn kräht Kriegswarnungen und eine orientalische Königin bezirzt Dodon endgültig unter ihre Pantöffelchen. Das Orchester liefert dazu entgleist Staatstragendes - und eine der zauberreichsten, raffiniertest instrumentierten Klangwelten der Operngeschichte.

Entsprechend voll ist der Graben bei der Premiere im Landestheater Coburg - voller leider als der Zuschauerraum, wo sich mal wieder die Spätfolgen der Corona-Maßnahmen abzeichnen. Allzu viele Streicher haben da nicht mehr Platz, was die vielen guten Bläsersolisten des Philharmonischen Orchesters umso mehr glänzen lässt. Daniel Carter, der Generalmusikdirektor des Landestheaters, agiert entsprechend kammermusikalisch, auch wenn er im Parodistischen manchmal bissfester zulangen könnte. Dafür gelingt ihm der große Bogen, unter achtsamem Einbeziehen der Sänger, denen es Rimski-Korsakow wahrlich nicht leicht gemacht hat. Herdís Anna Jónasdóttir manövriert sich elegant durch die hohe Tessitur der Königin von Schemacha, tut sich aber schwer mit der Sprache in der traditionellen deutschen Übersetzung von Heinrich Möller. Ein Muster an Textverständlichkeit ist dagegen Michael Lion, der dem Zaren königliche Bassesautorität verleiht. Die Komik könnte er freilich deutlich schärfer ausspielen - wobei ihm die Regie helfen müsste.

Premiere: Quietschvergnügte Kostüme: der Zar (Michael Lion) im Bällchenbad.

Quietschvergnügte Kostüme: der Zar (Michael Lion) im Bällchenbad.

(Foto: Annemone Taake)

Doch Bernhard F. Loges, der inszenierende Intendant des Landestheaters, kann sich nicht entscheiden. Er sieht einerseits ein vages Aktualisierungspotenzial - Stichworte Russland und Krieg - und stellt deshalb drei Fernseher auf die Bühne, die flimmernde Schlachtenbilder zeigen. Andererseits will er doch beim Märchen bleiben, für das er einige schöne Ideen hat: Dodon schwimmt in einem Bad aus goldenen Bällchen. Der gleichfarbige Hahn flattert höchst menschlich aus seinem Käfig, zumal die Sopranistin Francesca Paratore glücklicherweise nicht kräht, sondern sinnlich phrasiert. Sogar das Hausballett ist integriert und gibt der orientalischen Königin erotisch schlängelnden Rückhalt. Doch nicht nur seine angeklebten Satyrohren, auch der Rest der Ausstattung von Ana Tasic wirkt, als wolle das Landestheater gleich das kommende Weihnachtsmärchen mit abdecken. Gegen die schrillbunt quietschvergnügten Kostüme können auch die mahnend graue Drehbühne und das Leichenfeld im zweiten Akt nicht mehr wirklich ankreisen.

Am Ende bricht bei Rimski-Korsakow alles zusammen: Der Hahn zerhackt dem Zaren den Schädel, die Königin verschwindet wie vom Erdboden verschluckt, nur das Volk sehnt sich noch immer nach seinem Herrscher. In Coburg kippt oben die Krone, die den ganzen Abend über dem Geschehen hing - und wird unten in verkleinerter Form ins Bällchenbad entsorgt. Das ist weder richtig lustig noch richtig traurig.

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