Ein schöner Aspekt der unterschätzten Münchner Techno-Szene ist ihr Überraschungspotenzial. Bestes, da aus aktuellem Anlass herangezogenes Beispiel: Tonio Barrientos, der als Promoter, Veranstalter, DJ, Produzent und Gründer des leider nicht sehr langlebigen Clubs „Chaca Chaca“ am Maximiliansplatz lange Zeit zu den umtriebigsten Figuren des hiesigen Nachtlebens zählte. Zuletzt war es zwar recht still um den Münchner mit den hondurianischen Wurzeln geworden, doch pünktlich zu den letzten rauschhaften Wiesn-Abenden gibt der langjährige Resident des Pacha ebendort am 4. Oktober ein unverhofftes Comeback hinter den Decks.
Berichtenswert ist das schon deshalb, weil Barrientos nicht nur als DJ ein feines Gespür für die Stimmung auf der Tanzfläche mitbringt. Sondern zuletzt auch als Produzent eine Reihe an EPs und Singles für das Berliner Label „Plastic City“ kreiert hat, die in ihrer voluminösen Tech-House-Plastizität zum Mitreißendsten zählen, was diese Stadt an elektronischer Musik hervorgebracht hat. Bekommt er deren vortreffliche Energie in seinem anstehenden Set auch nur halbwegs auf den Dancefloor übertragen, dürfte es gewiss ein wunderbar schweißtreibender Abend werden.
Weniger tanzbar, dafür aber musikalisch hochwertig fällt indes der 10. Oktober im Blitz Club aus. Treibt der Techno-Club auf der Museumsinsel an diesem Abend doch seine Öffnung jenseits der elektronischen Musik noch mal ein bisschen weiter voran, indem er nach den punkigen bis schwermetallischen Konzerten der Reihe „CoreChaos“ nun auch der Klassik einen Raum bietet.
So werden in Form eines Streichtrios des Münchner Kammerorchesters und eines Oboenquintetts der Münchner Philharmoniker zum Glück keine der unglückseligen Klassik-meets-Techno-Fusionen dargeboten, sondern Werke des wolgadeutschen Filmmusik-Spezialisten Alfred Schnittke, des großen ungarischen Dirigenten und Komponisten Antal Doráti, oder auch die eröffnende „Aria“ aus Bachs wundervollen Goldberg-Variationen.

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Und damit wieder zurück in den Kosmos der elektronischen Musik, zu dem seit den frühen Neunzigern auch der famose DJ, Produzent und Labelbetreiber Thomas Schumacher gehört. Der bewies bereits um die Jahrtausendwende herum mit Alben wie „Electric Ballroom“ (nach dem auch sein Label benannt ist) und „Gold!“ (unter seinem gymnasial anmutenden Alias „Elektrochemie LK“) eine stilistische Variabilität, die etwa von Ambient und Downbeat über rasende Breakbeats bis hin zur sinistren Verschmelzung von Hip-Hop und Techno in seinem frühen Hit „When I Rock“ reicht.
Rocken wird der gebürtige Bremer nun zweifellos auch bei seinem Set in München, das am 11. Oktober im DNA Club ansteht. Unter dem märchenhaften Motto „Tales of Techno“ (in etwa: „Geschichten des Techno“) wird Schumacher darin eine Art Best Of ikonischer Techno-Tracks quer durch die Jahrzehnte versammeln, die er eigens für die aktuelle DJ-Tour in seinem Berliner Studio einem exklusiven Remix unterzog.
Während sich der Blitz Club noch gar nicht so lange aus der elektronischen Nische herauswagt, macht die Hybridexistenz als Techno- und Konzertclub bereits seit 20 Jahren einen wesentlichen Teil der Identität der Roten Sonne aus. Am 16. Oktober gibt sich dort nun eine jazz-affine Krautrock-Band oder genauer: ein Kollektiv die Ehre, das seit seiner Gründung vor 56 Jahren zu den (welt-)musikalischen Institutionen Münchens zählt.
Die Rede ist von Embryo, die seit 2016 von der Vibraphonistin Marja Burchard, der Tochter des 2019 verstorbenen Bandgründers Christian Burchard, zusammengehalten werden. Wie taufrisch diese altehrwürdige und mit grandiosen Musikern wie Wolfi Schlick (Express Brass Band) oder Jan Weissenfeldt (Poets Of Rhythm) bestückte Formation auch heute noch klingt, kann man etwa auf ihrem jüngsten Album „Auf Auf“ von 2021 nachhören, noch besser aber natürlich live bei ihrem sicherlich im besten Sinne ausufernden Konzert in der Roten Sonne.

