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Club-Streams:Mehr House zu Hause

Wer die schwitzige Enge auf dem Dancefloor und die Nähe zu anderen Nachtschwärmern wie hier im Münchner Harry Klein sucht, muss sich noch gedulden. Tanzen geht zur Not aber auch allein daheim per Stream.

(Foto: KIDKUTSMEDIA)

Die Dancefloors sind dicht, die Party geht weiter. Viele DJs legen nun Elektro, Minimal, Wave oder Drum'n'Bass online für Stubenhocker auf.

Von Rebecca Reinhard, Jürgen Moises, Isabell Nina Schirra, Michael Zirnstein

Selbst die selbsternannte beste Band der Welt irrt bisweilen. So singen Die Ärzte in im "Quarantäne-Song": "Ich sitze zu Hause und ich langweile mich / Ich würd so gern tanzen, dabei kann ich das nicht." Wer sagt denn das? Die Clubs sind zu, aber die DJs bleiben aktiv. Sie senden ihre Sets live übers Internet und verwandeln Wohnzimmer in Dancefloors. Das große Bündnis United We Stream hat nun auch einen bayerischen Ableger, dessen Angebot von Tanztempeln wie Rote Sonne, Pacha, Milla und 8 Below aus München, Stereo aus Nürnberg, Suxul aus Ingolstadt, Airport aus Würzburg oder Ost-Werk aus Augsburg auf unitedwestream.bayern zu finden sind. Das ist aber längst nicht alles.

Harry Klein

Nicht nur was fürs Ohr, auch fürs Auge bietet der Livestream des Harry Klein einiges. Denn das für den Münchner Club so prägende Zusammenspiel aus Elektro-Musik und avantgardistischen Videoprojektionen wird auch virtuell fortgeführt. So lädt das Harry Klein sich für die Streams (mittwochs bis samstags, 19 Uhr, via Facebook) nicht nur DJs ein, die die Fans zu Hause mit fluffigem House versorgen, sondern auch einen Visual-Jockey, der die typischen bunten Bilderwelten erschafft. Mittwochs wird das Harry Klein zum Garry Klein und beheimatet eine Gay-Party - auch im Stream, ohne Socializing, aber mit den gewohnten Show-Einlagen (harrykleinclub.de).

Corleone

Im Corleone hingen schon Plastikbeine von der Decke, es gibt Installationen und Performances. Es ist eine Bar für Improvisationen. Allzu passend also, dass die Inhaber Uli Gansloser und Michaela Schembari mit als Erste in der Münchner Kulturszene auf die Ausgangsbeschränkungen reagierten. Seit Mitte März sendet ihr "Shutdown Radio" täglich eine Stunde aus dem leeren Lokal. Zu hören gibt es Sets von DJs der Corleone-Familie, unterbrochen von noch unbekannten Künstlern, im Stil gemischt wie immer zwischen Funk, Disco, House und Drum'n'Bass. Nach dreißig Tagen Sendung ist Gansloser zufrieden: Man hole die Menschen um 18 Uhr zum Feierabend ab und schaffe so Struktur (www.webstream.eu/shutdownradio, Streams zum Nachhören: www.mixcloud.com/Corleone089). Hörer des Katastrophen-Radios können auch spenden, es gibt gar einen besonderen Anreiz: Kommt mehr Geld als nötig zusammen, will das Corleone den Gewinn buchstäblich ausschütten - in Form von Freibier, wenn der Betrieb wieder losgeht.

Blitz

Einen übereilt initiierten Livestream, wie bei anderen Clubs, suchte man beim Blitz-Club lange vergeblich - Schockstarre wegen der Schließung. Man habe sich zunächst in eine Denkpause zurückgezogen, verlautete der Club. Mit Erfolg, denn der Livestream, mit dem das Blitz sich dann zurückmeldete, mutet gewohnt klug und ambitioniert an (Livestream über die Facebook-Seite, Programm: www.blitz.club). In den wochenendlichen "Music Sessions" zeigt das Blitz mit einer sorgsam kuratierten Auswahl an Gästen, dass elektronische Musik mehr ist als dumpfes "Utz Utz Utz". Jennifer de Negri spielt groovigen "Queer Love Pop", während LaStaab es experimentell, atmosphärisch angeht. Es wird aber auch mal vorgelesen. Oder diskutiert: DJs und Producer debattierten schon per Videokonferenz über das Plattensammeln in virtuellen Zeiten.

Lost Club

Shoegaze, Postpunk, Dream- und Synthiepop, Cold Wave und Minimal: Damit bedient der DJ Marc Zimmermann seit fast 20 Jahren mit Reihen wie "Kassettenclub", "Lostclub" und "Synthicide" Nostalgiker, dunkle Romantiker und Partyfreunde aus München. Das macht er normalerweise in der Milla, im Folks und Sunny Red, bei Sonderveranstaltungen wie "Secret Noise" auch an geheimen, ungewöhnlichen Orten. In Zeiten von Corona hat er das Ganze nun ins "Arbeitszimmer des Soloselbständigen" verlegt und macht über twitch.tv/lunastrom Programm - mit professioneller Lichtshow und echtem Nebel. Am Ostersamstag, 11. April, findet von 20 bis 24 Uhr der "Osterkassettenclub" als Live-Stream statt, das spielt der DJ nur MCs ab.

DJ@Demand

Wer lieber selbst die Playlist für die "Home Party" bestimmt, dem bietet der Münchner DJ Chris Bernard eine Alternative an: einen "virtuellen DJ Service für die Feier zu Hause", kurz: DJ@Demand. Der Discjockey ist dann "visuell und virtual" mit der entsprechenden Räumlichkeit verbunden, steuert über eine Software dezentral den dort vorhandenen Computer und wählt je nach Stimmung die angepassten Musiktitel aus. Damit sei "eine Publikums-optimierte Musikwiedergabe für Ihre Lokation gewährleistet", verspricht er auf groovy-dj-muenchen.de, wo man ihn und seinen Kollegen buchen kann. Was die "Stay Home Antivirus Party" kostet, verrät der DJ auf Anfrage.

© SZ vom 09.04.2020

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