Auf Luftschlösser hat Cleo Dietmayr, 18, keine Lust. Zumindest nicht in ihren Songs. „Ich schreibe keine Liebeslieder, die gibt es inflationär“, sagt sie und lacht. Cleo will mit ihrer Musik ihre eigene Geschichte erzählen. Sie will die Zuhörer in ihr Gedankenchaos mitnehmen.
Herzlich willkommen in der Welt von Cleomadita, wie sich die junge Frau als Musikerin nennt – in der trubeligen Welt eines jungen Menschen, der gerade an der Schwelle zwischen Kindheit und Erwachsenwerden steht. Helle, klare Klaviertöne, poetische Texte, die reich an Neologismen sind: Aus ihren deutschsprachigen Songs sprudeln Cleos Gedanken nur so hervor.
Ihren Gedankenwirbel verarbeitet sie aber nicht nur zu Songs, sondern auch zu Gedichten: „Lyrik kann manchmal richtig schön sein und hat einen anderen Flow“, sagt sie. Inspiration findet sie überall, in der Schule ebenso wie unter der Dusche, ihre Ideen hält sie in ihrem „digitalen College Block“, der Notizen-App auf dem Handy, fest.
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Mal handeln ihre Texte von der Sorge vor dem Älterwerden, mal von der Vergänglichkeit des Sommers. Doch manchmal wird sie auch politischer. Cleo möchte gesellschaftliche Tabuthemen aufbrechen. „Wir Frauen sind keine Statisten in der von Männern geführten Welt“, heißt es in einem ihrer Poetry-Slams.
Mit ihrer warmen, gefühlvollen Stimme lässt Cleo eine Bilderflut entstehen, ihre Klavierbegleitung hat große Zugkraft, die einen wie eine Welle erfasst. Wie eine frische Herbstbrise wirbelt Cleo die oft noch von Boybands dominierte deutsche Indie-Pop-Szene auf.
Sexismus hat sie auch schon in der Musikbranche erlebt. Bei Aufnahme-Sessions in Berlin zum Beispiel. Zwei Männer hätten versucht, ihre Songtexte schlechtzureden und zu verändern. Trotzdem bleibt sie optimistisch: „Ich bin mir sicher, dass Frauen und Männer irgendwann komplett gleichberechtigt sein werden“, sagt sie. Und in ihre Musik kann ihr ohnehin niemand hereinreden – weder Männer noch Mainstream-TikTok-Trends. Oder Labelverträge: „Ich genieße es gerade, independent zu sein“, sagt sie.
Alles begann mit einem Gesangsvideo, das sie zu Coronazeiten ihrer Musiklehrerin schickte. Diese sah in ihr Potenzial – und schon bald darauf war Cleo Leadsängerin der Indie-Pop-(Schul)-Band DaWarWas.
Mittlerweile besucht Cleo die 13. Klasse eines Sportgymnasiums im Norden von München und schreibt, unabhängig von ihrer Band, eigene Songs, die sie unter dem Künstlernamen Cleomadita in den sozialen Medien veröffentlicht.
Die Kluft zwischen Schule und Musik ist tief, Klausurstress muss aber nicht immer totale Musik-Abstinenz bedeuten: Für die jüngste Bio-Klausur komponierte Cleo einen eigenen Lernsong. Wo es sie nach dem Abi hin verschlägt, weiß die 18-Jährige bisher nicht. Vielleicht nach Berlin – „aber nicht, um Kokain zu nehmen, das musste ich auch meinem Papa lange erklären“, sagt sie und grinst.
Cleo singt nicht nur, sondern spielt auch Klavier, Gitarre und Ukulele. Aktuell bringt sie sich bei, Saxofon zu spielen. Von theoretisch-technischem Musikunterricht ist sie generell kein großer Fan – „selbst herumzuexperimentieren gibt mir so viel mehr Kreativität, als etwas stupide von Mozart nachzuspielen.“
Ihre Songs träumen keine Luftschlösser herbei, handeln nicht von irgendwelchen schnulzigen Liebesdramen, sondern sind einfach nur erfrischend ehrlich. Damit trifft Cleo bei vielen jungen Menschen einen Nerv. Auch bei Laura Glauber von der Münchner Band Lauraine: „Ich würde mich echt freuen, wenn das ganz groß mit ihr wird“, sagt sie anerkennend.
Keine gefakten Insta-Utopien, sondern das zweischneidige Gefühl des Erwachsenwerdens spiegelt Cleomadita wider. Die Angst vor dem Ungewissen. Die Angst, all den neuen Anforderungen nicht gerecht werden zu können. Und dieses diffuse Gefühl der Zerrissenheit zwischen dem Wunsch nach kindlicher Geborgenheit und der lang ersehnten Freiheit.

