Claus Biederstaedt "Ich bin dankbar, dass ich die goldenen Zeiten miterleben durfte"

Claus Biederstaedt mit Corny Collins in dem Film "Die Post geht ab".

(Foto: imago)

Er drehte mit Karlowa, gab Romy Schneider den ersten Filmkuss und war die deutsche Stimme von "Inspektor Columbo". Nun wird der Schauspieler Claus Biederstaedt 90 Jahre alt.

Von Gerhard Fischer

Der Ku'damm in Berlin war gesperrt, auf beiden Seiten des Boulevards drängten sich die Menschen, sie warfen Konfetti in die Höhe und jubelten den Schauspielern zu, die im offenen Wagen fuhren, eskortiert von Motorrädern der Polizei. Einer der Schauspieler war Claus Biederstaedt, der in der Komödie "Charleys Tante" den Ralf Dernburg spielte. "An diesem Tag war in Berlin die Premiere", erzählt er, "und nach dem Film mussten sie im Kino drei, vier Stühle auswechseln, weil sich die Menschen vor Vergnügen in die Hosen machten."

62 Jahre später sitzt Claus Biederstaedt auf der Terrasse seines Hauses in Eichenau. Er wird am 28. Juni 90 Jahre alt, das pechschwarze Haar, das eines seiner Markenzeichen war, ist grau und weiß geworden. Er trägt ein Halstuch und helle Kleidung und sieht aus wie ein alter Gentleman. Sein zweites Markenzeichen, die tiefe, rauchige Stimme, hat gelitten. Biederstaedt hatte vor zehn Jahren eine schwere Zungen-Operation. Man muss sich konzentrieren, um ihn zu verstehen.

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Claus Biederstaedt war früher die deutsche Stimme von Peter Falk als "Inspektor Columbo", von Yves Montand, Paul Newman, Marlon Brando und James Garner. Aber er war vor allem ein Schauspieler, der in der Zeit, als man in Deutschland drei Programme hatte, fast so oft im Fernsehen auftauchte wie der Kanzler oder der Fußball-Bundestrainer. Wer die Wikipedia-Einträge seiner Filme und Serien lesen will, muss viel Zeit aufbringen, es geht von "Die große Versuchung" über "Drei Männer im Schnee" bis "Derrick". Biederstaedt lächelt. "Faul war ich nicht", sagt er. "Aber Schauspieler ist auch einer der schönsten Berufe."

Claus Biederstaedt ist 1928 in Stargard in Pommern geboren. Der Vater war Dirigent und Studienrat für Musik und Kunstgeschichte. Biederstaedt hat von ihm vermutlich die Liebe zur Musik: zu Klassik und Jazz. Er höre heute noch "unentwegt" Musik, sagt er.

Der sehr junge Claus Biederstaedt musste an die Ostfront, ausgerechnet. Dort war es am schlimmsten. Alle Schüler aus seiner Klasse waren in den letzten Kriegstagen schon gefallen, aber Biederstaedt schaffte es, mit einem verletzten Kameraden nach Westen zu fliehen und so der Gefangenschaft zu entkommen. "Ich habe ihn auf ein Fahrrad gepackt und erst mal 75 Kilometer geschoben", sagt er. Dann trafen sie auf ein Auto, das auch nach Westen unterwegs war. Weil der Wagen bereits voll mit Menschen war, wurden die jungen Soldaten auf den Kotflügel geschnallt.

Claus Biederstaedts Mutter war ebenfalls auf dem Treck nach Westen. Sie hatte sehr lange nichts von ihrem einzigen Sohn gehört. "Sie war der festen Meinung, ich sei gefallen", sagt Biederstaedt, "das hatte sie meinem Vater am Telefon gesagt." Wenig später nahm sie Gift.

In der Zeit, als man in Deutschland drei Programme hatte, tauchte Claus Biederstaedt fast so oft im Fernsehen auf wie der Kanzler oder der Fußball-Bundestrainer.

(Foto: Robert Haas)

Natürlich ist Claus Biederstaedt sehr ernst, als er das sagt. So eine Wunde schließt sich vermutlich nie.

Vater und Sohn ließen sich in Hamburg nieder. Claus Biederstaedt sang im Chor seines Vaters und ging aufs Gymnasium, einer seiner Mitschüler war der spätere Kritiker der Süddeutschen Zeitung, Joachim Kaiser. "Mit dem habe ich vierhändig Klavier gespielt", sagt Biederstaedt und lächelt. Übrigens hat er auch mal mit Duke Ellington vierhändig Klavier gespielt, später im Leben, während eines Balls im Deutschen Theater in München.

Eigentlich wollte Biederstaedt Arzt werden. Er fing auch an, Medizin zu studieren. Aber dann sang er mit seinem Chor bei einem Theaterstück, lernte dort Will Quadflieg kennen und sei "Feuer und Flamme" gewesen, was die Person Quadflieg und was den Beruf des Schauspielers anging. Quadflieg gab Biederstaedt Unterricht. Bald bekam er die erste Rolle, er spielte ausgerechnet einen Medizinstudenten: den Famulus Huber in "Die große Versuchung." Neben Dieter Borsche, Ruth Leuwerik, Erich Ponto. Das waren große Namen zu dieser Zeit. Biederstaedt bekam für seinen Famulus Huber 1952 den Deutschen Filmpreis als bester Nachwuchsschauspieler.

Claus Biederstaedt drehte in den Fünfzigerjahren manchmal fünf Filme pro Jahr. "Da war auch viel Mist dabei", sagt er. "Aber die Filme damals waren nicht darauf ausgelegt, Jahrzehnte später noch angesehen zu werden - die Leute wollten eine heile Welt nach den Grauen des Krieges." Zu dieser heilen Welt gehörte offenbar auch das fragwürdige Frauenbild dieser Zeit. In einem dieser Heimatfilmchen sagt Claus Biederstaedt, der Sonnyboy, zu seiner Angebeteten: "Du bist die ideale Ehefrau - süß, tüchtig und sparsam."

Barbara Biederstaedt kommt an den Tisch auf der Terrasse und lacht: "Zwei von diesen drei Sachen bin ich schon mal nicht." Barbara ist seine zweite Frau. Sie sind seit 44 Jahren verheiratet.

Claus Biederstaedt lächelt. Er hat dann auch Schluss gemacht mit diesen Filmen. Es hatte ihn gestört, dass bald mehr gesungen als gesprochen wurde. "Da waren pro Film sieben Sänger beschäftigt, Roy Black, Rex Gildo oder Vivi Bach, und ich hatte gar keinen Text mehr zu sprechen." Seine Musik war das vermutlich auch nicht. Er konzentrierte sich mehr aufs Fernsehen und aufs Theater.

Biederstaedt macht eine Pause in der chronologischen Erzählung. Er redet jetzt über Hunde. Über die Hunde, die er hatte. Drei Boxer. "Einmal hat ein Dorfbewohner zu mir gesagt: Sie werden Ihrem Hund immer ähnlicher", erzählt er. "Da habe ich geantwortet: Das kann ich meinem Hund nicht antun. Der würde sich beschweren, wenn er mir immer ähnlicher wird." Biederstaedt hat heute keinen Hund mehr, aber seinen Humor hat er behalten. Trotz der Krankheit.

Mit Horst Tappert (rechts) war Biederstaedt in der Krimi-Reihe "Derrick" zu sehen.

(Foto: imago)

2008 wurde unter seiner Zunge ein bösartiger Tumor entdeckt. Er musste operiert werden. "Das war im allerletzten Moment", sagt er, "einen Tag später hätte ich es nicht überlebt." Heute isst er Astronauten-Nahrung aus einem Becher. "Ich habe Angst, mich beim normalen Essen zu verschlucken und daran zu ersticken."

Dann erzählt er die Geschichte, die er schon so oft erzählte oder erzählen musste, weil die Besucher sie wissen wollen: Die Geschichte mit Romy Schneider und dem ersten Filmkuss, den Schneider bekam - sie erhielt ihn von ihm, Claus Biederstaedt. Es war im Film "Feuerwerk". Romy Schneider war danach ganz durcheinander, sie rannte in die Garderobe, weinte und sagte: "Ich will keinen sehen, nur Claus."

Es gibt doch sicher mehr Anekdoten, er hat ja mit so vielen Größen gespielt, Rühmann, Leuwerik, Albers. Biederstaedt lächelt wieder. Er lächelt viel. Ansonsten sitzt er ruhig auf seinem Stuhl, fast unbeweglich.

"Ja, die gibt es natürlich", sagt er, "aber aus dem Zusammenhang gerissen sind sie nicht amüsant." Eine erzählt er dann doch; eine mit Hans Albers. "Albers wollte immer gesehen werden", sagt er, "wir sind dann mit seinem Auto langsam an die Ampel gerollt, so dass die anderen Autofahrer und die Fußgänger ihn sehen und sagen konnten: Oh, der Hans Albers. Und dann hat er Gas gegeben." Gut, sehr amüsant ist das tatsächlich nicht. Aber es sagt etwas über Albers aus.

Als Claus Biederstaedt älter wurde, arbeitete er auch als Regisseur; bis vor zehn Jahren inszenierte er Stücke in Koblenz. "Ich habe als Regisseur gearbeitet, weil ich mit Leuten umgehen wollte - und weil ich dann Leute, die glaubten, Regisseure zu sein, nicht mehr ertragen musste."

Auch das ist vorbei. Die Operation. Ihre Folgen. Aber er hadert nicht. "Ich bin dankbar, dass ich die goldenen Zeiten miterleben durfte, als es noch große Theater und Kinos gab und die Rahmenbedingungen für Schauspieler so gut waren." Er habe auch viele Reisen machen können: nach Afrika, Nord- und Südamerika, Neukaledonien, Fidschi, Bora Bora oder Tahiti, wo "Blaue Jungs" gedreht wurde.

Claus Biederstaedt schaut heute Arte oder 3 Sat. Und Sendungen, in denen Musik vorkommt. "Mariss Jansons ist ein ganz wunderbarer Dirigent - ich verehre ihn über alle Maßen", sagt er. Aber Biederstaedt sieht nicht mehr oft fern. Er könne das meiste, was da gesendet werde, nicht ertragen. "Ich höre lieber Radio", sagt der ehemalige Schauspieler.

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Im März 1981 gab Romy Schneider dem Reporter Michael Jürgs ihr letztes großes Interview. Er erinnert sich für uns an die bewegenden Tage in der Bretagne. Und erzählt, wie es wirklich war. Von Michael Jürgs mehr...