Tipps für München und Region:Eine Woche voller Münchner Gschichten

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Tipps für München und Region: Claudius Seidl erzählt Helmut Dietls atemloses Leben in all seinen Facetten.

Claudius Seidl erzählt Helmut Dietls atemloses Leben in all seinen Facetten.

(Foto: Metodi Popow/imago images)

Der Schriftsteller und Journalist Claudius Seidl freut sich diese Woche auf den Besuch in seiner früheren Heimat, auf die Pinakothek und das Weiße Bräuhaus. Ein Gastbeitrag.

Claudius Seidl ist, obwohl er in Würzburg geboren ist und jetzt in Berlin lebt, ein begeisterter Münchner. Hier hat er studiert, hier hat er lange für die SZ gearbeitet. Jetzt hat der Kulturjournalist und Filmkritiker die Biografie eines anderen Münchners vorgelegt; eine Biografie über den Regisseur Helmut Dietl, die geprägt ist von landsmannschaftlicher Nähe, Zuneigung und Bewunderung und die zugleich ein Münchner Zeit- und Stadtporträt ist.

Montag: Preisverleihung

Tipps für München und Region: Die Schauspielerin Claudia Michelsen sitzt mit anderen prominenten Persönlichkeiten in der Jury für den Michael-Althen-Preis.

Die Schauspielerin Claudia Michelsen sitzt mit anderen prominenten Persönlichkeiten in der Jury für den Michael-Althen-Preis.

(Foto: Mary Evans/imago images)

Noch bin ich in Berlin, gehe zur Arbeit ins Berliner FAZ-Büro, das mittendrin liegt, nur einen Steinwurf (beliebtes Berliner Maß) von der Ecke Friedrichstraße/Unter den Linden entfernt, umgeben von guten Restaurants, die man sich als Journalist aber nur an hohen Feiertagen leistet: Einstein, Borchardt, das neue Restaurant in neuem Hotel "Chateau Royal". Ich muss in Berlin bleiben, weil am Abend der Michael-Althen-Preis für Kritik verliehen wird - fast ein Münchner Ereignis, weil es ja auch um die Erinnerung an den gebürtigen und Gesinnungsmünchner Michael Althen geht, den genialen Kritiker, der selbst von den Kritisierten geschätzt, ja geliebt wurde, weshalb auch nicht Journalisten, sondern Künstler die Jury bilden. Claudia Michelsen, Dominik Graf, Daniel Kehlmann, Tom Tykwer. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hat den Preis gestiftet, das Deutsche Theater stellt einen schönen Saal, es wird wohl eine stimmungsvolle Feier. Den Preis bekommt der Literaturchef der "Zeit", Adam Soboczynski.

Dienstag: Vorräte für Berlin

Unterwegs mit dem Auto, von Berlin nach München. Mit dem Zug geht es schneller, und als ich neulich die Strecke fuhr, war die Bahn auch pünktlich, das Internet funktionierte leidlich, so dass ich arbeiten konnte. Aber manchmal muss man in München den Kofferraum mit Lebensmitteln und Wein füllen, damit man in Berlin halbwegs gut leben kann. Station gemacht wird an der Raststätte Frankenwald, dem schönen, modernistischen Brückenbau, von dem aus man früher hinein in die DDR schaute.

Mittwoch: Hommage an Dietl

Tipps für München und Region: Spektakuläre Abstürze und grandiose Wiederauferstehungen in der Liebe wie im Leben: In "Der Mann im weißen Anzug" erzählt Claudius Seidl Helmut Dietls atemlose Karriere (Bild: Dietl vor dem Münchner Siegestor).

Spektakuläre Abstürze und grandiose Wiederauferstehungen in der Liebe wie im Leben: In "Der Mann im weißen Anzug" erzählt Claudius Seidl Helmut Dietls atemlose Karriere (Bild: Dietl vor dem Münchner Siegestor).

(Foto: Rolf Hayo/imago images)

Am Abend werden Hanns Zischler, der wunderbare Schauspieler und Autor, und ich im Literaturhaus miteinander sprechen und lesen, und zwar über Helmut Dietl und die Biografie, die ich gerade geschrieben habe - und weil Zischler eben, außer mit Dietl, ja auch mit Spielberg und Wenders, mit Chabrol, Assayas und Tykwer gearbeitet hat, ist er der Mann, der Dietl als Menschen und Filmemacher in den größeren Gesamtzusammenhang stellen kann. Wir werden den Abend planen und uns absprechen und vielleicht ein bisschen proben müssen. Wenn es nach mir geht, starten wir mit einem Spaziergang, einfach durch die Stadt, in der wir ja beide nicht leben und deshalb umso aufmerksamer sind, durch die St.-Anna-Vorstadt der "Münchner Geschichten" vielleicht. Und setzen uns dann ins "Schumann's", das ja fast leer ist am Nachmittag.

Donnerstag: Stadtspaziergang

Tipps für München und Region: Tatjana Trouvés Plastik einer Matratze aus Metall, aus der Wasser tropft. Sie steht am Münchner Stephansplatz.

Tatjana Trouvés Plastik einer Matratze aus Metall, aus der Wasser tropft. Sie steht am Münchner Stephansplatz.

(Foto: Leonie Felle)

Der Tag beginnt mit einem Spaziergang über den Alten Südlichen Friedhof. Davor, am Stephansplatz, steht, für Nichteingeweihte erst auf den zweiten Blick zu erkennen, eine wunderbare Plastik von Tatjana Trouvé: Eine Matratze aus Metall, aus der Wasser tropft. Wenn Zeit bleibt, rufe ich alle meine Münchner Freunde an, ob wohl einer Lust habe, mit mir ins Weiße Bräuhaus zu gehen und dort Innereien zu essen. Etwas, das man in Berlin nicht kennt oder jedenfalls nicht anbietet im Restaurant.

Freitag: Verbrecherjagd in Hollywood

Tipps für München und Region: Früher Gagschreiber bei Harald Schmidt, dann sehr erfolgreicher Drehbuchautor. Heute schreibt er Krimis: der Autor Christof Weigold im Alten Nördlichen Friedhof in München.

Früher Gagschreiber bei Harald Schmidt, dann sehr erfolgreicher Drehbuchautor. Heute schreibt er Krimis: der Autor Christof Weigold im Alten Nördlichen Friedhof in München.

(Foto: Stephan Rumpf)

Wieder ein Leseabend, diesmal im Hotel Olympic, in kleiner, fast privater Runde (nur die dreihundert allerbesten Freunde sind angeblich eingeladen). Gesprächspartner wird Christof Weigold sein, früher Gagschreiber bei Harald Schmidt, dann sehr erfolgreicher Drehbuchautor - heute schreibt er aber Romane, sehr hartgesottene Detektivgeschichten, die im Hollywood der Zwanzigerjahre spielen und um solche Verbrechen kreisen, die damals dort wirklich geschehen sind. Der Held ist ein Privatdetektiv, ein Deutscher, der Deutschland nicht mehr ausgehalten hat und schaut, wo er bleibt, in der rätselhaften Stadt Los Angeles. Hardy Engel heißt der Held, und der neuste Band heißt "Die letzte Geliebte".

Samstag: Vergangenheit und Zukunft

Tipps für München und Region: Eine Reise zurück ins Space-Age? Pawel Althamers "Bródno People" von 2010 im Museum Brandhorst.

Eine Reise zurück ins Space-Age? Pawel Althamers "Bródno People" von 2010 im Museum Brandhorst.

(Foto: Thomas Dashuber/Pawel Althamer)

Keine Lesung! Keine Vorbereitung, kein Stress. Zeit also, dass ich mir am frühen Nachmittag die Ausstellung "Future Bodies From A Recent Past" im Museum Brandhorst anschauen kann - eine Ausstellung, die gewissermaßen zurück in die Vergangenheit der Zukunft zu schauen verspricht; wie die Künste seit den Fünfzigerjahren die gegenseitige Durchdringung von menschlichem Körper und avancierter Technologie reflektiert haben. Bin sehr neugierig, aber als Kinogänger auch skeptisch. Welche Kunst bekommt das schon so gut hin wie Robocop, Terminator, Total Recall?

Sonntag: Designobjekt Fahrrad

Tipps für München und Region: Straßenrennrad von Togashi Engineering aus dem Jahr 1989.

Straßenrennrad von Togashi Engineering aus dem Jahr 1989.

(Foto: Kai Mewes/Die Neue Sammlung)

Als ich im Sommer in München war, stand ich in der Pinakothek der Moderne an der Kasse und fragte, ob es auch Pressekarten gebe. Ja, sagte die Dame an der Kasse. Dann hätte ich gern eine Pressekarte für mich und je eine zum vollen Preis für die beiden Damen in meiner Begleitung. - Macht zwei Euro! - Nein, Karten für alle drei! - Ja, macht zwei Euro. Ich war beschämt, ein Euro Eintritt, und ich frage nach der Pressekarte. Ich werde, glaube ich, den halben Sonntag dort verbringen, erst die Fahrrad-Ausstellung, dann die Olympia-Ausstellung, dann vielleicht Mittagspause. Und dann wieder einmal durch die Neue Sammlung - schon weil sich dabei immer die Frage stellt, welche Alltagsobjekte von heute wohl eines Tages als besonders gelungen und typisch im Museum ausgestellt werden. Dann zurück nach Berlin; es hilft ja alles nichts!

Claudius Seidl wurde am 11. Juni 1959 in Würzburg geboren. Nach dem Abitur 1977 in Bamberg studierte er in München Theater- und Politikwissenschaft sowie Volkswirtschaftslehre zum Ausgleich. Genauso wichtig war das Studium der Filmgeschichte im Münchner Filmmuseum bei Enno Patalas. Erste Filmkritiken schrieb Seidl 1983 in der SZ, seit 1985 auch in der "Zeit". 1990 kam er zum "Spiegel", als Chef eines kleinen Ressorts, das sich mit populärer Kultur befasste. 1996 wechselte er zur SZ als stellvertretender Feuilletonchef. Seit 2001 ist er fürs Feuilleton der FAZ tätig. Claudius Seidl hat mehrere Bücher geschrieben, etwa über den deutschen Film der Fünfzigerjahre, über Billy Wilder und zuletzt über Helmut Dietl.

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