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Citizen-Science-Projekt:Hier liegt ein Teebeutel begraben

Mit Teebeuteln den Boden erforschen

Ganz der Wissenschaftler: Im Labor forscht Philipp Korber mit Hefe, im Garten mit Teebeuteln.

(Foto: Florian Peljak)

Philipp Korber und seine Tochter Friederike untersuchen den Boden in ihrem Münchner Garten. Mit rund 4000 anderen Hobbyforschern machen sie mit bei der "Expedition Erdreich"

Von David Wünschel

Eigentlich wäre jetzt alles bereit für einen gemütlichen Nachmittagstee. Doch statt in die Tasse kommen die sechs Teebeutel, die bei Philipp Korber und seiner Tochter Friederike auf dem Gartentisch liegen, unter die Erde. Die beiden Korbers nehmen am Projekt "Expedition Erdreich" teil, bei dem Hobbyforscher Beutel mit Rooibos- und Grünem Tee vergraben. Drei Monate später werden die Teebeutel ausgebuddelt, getrocknet und gewogen. Weil Mikroorganismen in der Zwischenzeit einen Teil der Teeblätter zersetzt haben, sind die Beutel leichter als vorher. Anhand der Gewichtsdifferenz lässt sich messen, wie aktiv die Kleinstlebewesen im Boden sind. "Expedition Erdreich" ist ein Citizen-Science-Projekt, bei dem nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Laien forschen. Mehr als 4000 Menschen machen mit und erstellen so ein deutschlandweites Mosaik aus Bodenwerten.

Bevor es soweit ist, müssen Philipp Korber und Friederike aber erst sechs Löcher mit rund acht Zentimetern Tiefe graben. In einem Karton, den die Veranstalter des Projekts geschickt haben, sind außer den Teebeuteln auch eine Versuchsanleitung, ein pH-Teststreifen und eine grüne Schaufel, um die Löcher zu graben. Weil der Gartenboden der Korbers härter ist als gedacht, holt Philipp Korber einen großen Spaten.

Als er die Löcher fertig gegraben hat, entfernt Friederike aus einem davon etwas Erde, steckt sie in ein Röhrchen und kippt destilliertes Wasser dazu. So kann sie später mithilfe des Teststreifens den pH-Wert im Boden ermitteln. Dann lässt sie die Teebeutel in die Löcher fallen. Was für die Elfjährige einfache Handgriffe sind, ist für ihren Vater Philipp, Molekularbiologe an der LMU, ein Dienst an der Wissenschaft und ein Stück Pädagogik zugleich: "Durch das eigene Tun bekommt man wichtige Aspekte des wissenschaftlichen Arbeitens mit."

In seinem Beruf forscht Korber unter anderem dazu, wie sich Hefe an veränderte Umweltbedingungen anpasst. Für ihn und seine Tochter ist es jedoch das erste Citizen-Science-Projekt. Es ist Teil des Wissenschaftsjahres, das jährlich vom Bildungsministerium unter einem anderen Motto ausgerichtet wird. Dieses Jahr liegt der Schwerpunkt auf der Bioökonomie. Der Boden ist eine wichtige Grundlage dieses Forschungsfelds - und Expedition Erdreich ist das bislang größte Citizen-Science-Projekt in der Bodenforschung in Deutschland. Bis September sollen Bodendaten von bis zu 9000 Standorten zusammenkommen. "Ohne die Hilfe der Bürger würden wir das in dieser Masse gar nicht schaffen", sagt Luise Ohmann, die das Projekt von wissenschaftlicher Seite betreut.

Für "Expedition Erdreich" hat Ohmann gemeinsam mit anderen Forschern eine Reihe einfacher Versuche zusammengestellt, deren Ergebnisse ein recht gutes Bild vom Bodenzustand vor Ort liefern. Mit einer Fingerprobe lässt sich zum Beispiel bestimmen, ob ein Boden eher sandig ist und zur Austrocknung neigt, oder ob er tonig ist und viel Wasser speichert. Die gebündelten Daten von Tausenden Standorten zeigen dann, wie gut es den Böden in Deutschland geht. Außerdem wünscht sich Ohmann, dass die Hobbyforscher sich durch das Projekt mehr mit der Welt unter ihren Füßen auseinandersetzen. "Den meisten ist gar nicht bewusst, welche vielfältigen Funktionen der Boden für den Mensch und die Umwelt erfüllt und wie wichtig er auch für den Klimaschutz ist."

Bei Friederike scheint es jedenfalls zuklappen. Die Versuche seien spannender als ihr Biologieunterricht, sagt sie. Dann hält sie einen Teststreifen in das Röhrchen, in dem sie vorhin Erde mit Wasser vermischt hat. Sie misst einen leicht alkalischen pH-Wert von 8, die meisten Pflanzen mögen es etwas saurer. Bevor sie die Teebeutel wieder ausbuddeln darf, muss Friederike nun drei Monate abwarten - und kann in der Zwischenzeit den ein oder anderen Tee trinken.

© SZ vom 23.06.2021
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