Es geht um Macht. Und nicht jeder, dem sie zufällt, kann damit umgehen. Da muss man nicht in die aktuelle Weltpolitik schauen, das Theater arbeitet sich seit Jahrhunderten kunstvoll an dem Thema ab. Aber dass der Macht-Zirkus in einem richtigen Zirkus eine Rolle spielt – das war neu. Und irgendwie auch typisch für den Cirque du Soleil, der nie nur mit Akrobatik verblüffen, sondern immer auch Geschichten erzählen wollte. 1994 kam die damals schon zum Weltherrscher der Unterhaltung aufgestiegene Kompanie dann mit „Alegria“ heraus. Da ist Spanisch und bedeutet „ausgelassene Freude“, aber erst mal geht es eben um Macht.
Der alte König ist weg, und in diesem Machtvakuum fällt Monsieur Fleur das Zepter zu. Der Paradiesvogel mit dem roten Rock und der wirren Perücke (angeblich aus echtem Yak-Haar) wird als Hofnarr oder Glücksritter beschrieben. Aber die Höflinge, auch „Baroques“ genannt, stört das nicht. Die Schar der alten Aristokraten, mit verkniffenen, bizarren Gesichtern und prunkvollen, aber schon fadenscheinigen Gewändern, klammert sich an die althergebrachte Ordnung. Doch die Jugend, hier „Bronx“, rebelliert, will tanzend, Rad schlagend, Feuer speiend und durch die Luft wirbelnd das alte Königreich „Alegria“ aufmischen.
Der Rest spielt sich in der Fantasie der Zuschauer ab, Bezüge zur Realität hatte Ur-Regisseur Franco Dragone nicht im Sinn. Überhaupt: Der Cirque du Soleil will stets unpolitisch sein. Und zündet doch auch hier bei dieser „Alegria“-Tournee schon durch sein Miteinander von 54 Artisten und noch einmal so vielen Team-Mitgliedern aus 18 Ländern von Argentinien bis Samoa, aus der Ukraine und aus Russland, ein politisches Signalfeuer für ein partnerschaftliches Miteinander.
Ohne aktuelle Bezüge bleibt „Alegria“ zeitlos. Der Klassiker des kanadischen Sonnenzirkus lief von 1994 bis 2013 in 5000 Vorstellungen vor 14 Millionen Zuschauern, in München gastierte er 1997 im Zelt und 2011 in der Olympiahalle. Nun werden noch einmal Zehntausende Gäste dazukommen, wenn der Cirque du Soleil von 5. März bis 8. März auf der Theresienwiese spielt, im prächtigen Grand Chapiteau mit 2500 Sitzplätzen und bis zu drei Vorstellungen täglich.

Gezeigt wird das Update aus dem Jahr 2019: „Alegria – im neuen Glanz“ haben auch schon drei Millionen Menschen gesehen. Die Show sei „komplett reimaginiert worden, um das heutige Publikum zu inspirieren“, heißt es: die Artistik, die Regie, die Bühnenbilder, die Kostüme, die Choreografien, das Make-up, die Musik, die einst vom legendären Slava Polunin erdachten Clown-Nummern. Und doch habe man versucht, „seinen emotionalen Kern“, seine „Magie“ zu bewahren. Dass das Unternehmen so an dem 32 Jahre alten Stück hängt, liegt auch daran, dass es das Erscheinungsbild und die Art und Weise des Cirque du Soleil jahrelang geprägt hat; es entstand sogar ein Spielfilm (mit Whoopi Goldberg in einer Gastrolle) aus dem Stoff.
Auch die Musik ist ikonisch: Fünf Musiker und zwei Sängerinnen erzeugen live diese Soleil-typische, treibende Melange aus Pop, Klassik und Jazz, mit Texten in diversen Sprachen. Der Soundtrack wurde für einen Grammy nominiert, war 65 Wochen lang in den Billboards-Weltmusik-Charts und ist das bis heute meistverkaufte „Cirque du Soleil“-Album.
Geblieben ist auch die Geschichte des Hofnarren. Monsieur Fleur wird mehr und mehr die Lust an den Machtspielen verlieren. Und auch die trägen Alten und die jungen Rebellen finden etwas, das sie verbindet: die Hoffnung. Womit der Besucher wieder in der unbunten Wirklichkeit landet.
Im Februar laufen in München noch weitere Shows, die die Fantasie der Zuschauer herausfordern: Im neuen Programm von Moving Shadows erzeugen die Künstler mit ihren Körpern wieder schier unglaubliche bewegte Bilder einer Schattenspielwelt (2. Februar, Prinzregententheater). Bei El Tango verzaubern Roberto Herrera und seine Kompanie die Tango-Argentino-Aficionados mit sinnlichem Tanz und Musik „de corazon a corazon“ (3. Februar, Prinzregententheater). Und wenn der Gedankenleser Thorsten Havener in seiner Show „Ich weiß, was du denkst“ in die Gehirne seiner Zuschauer vordringt, stellt sich auch die Frage: Wer hat hier eigentlich noch die Macht? (4. und 5. Februar in der Pasinger Fabrik, 30. März im Lustspielhaus)

