Schneesturm gibt es jetzt auch in München. Es ist ein gewaltiges Tosen in Schwarz-Weiß, ein Gestöber im Gegenlicht, in dem jeder der Zweitausendfünfhundert unter der Zeltkuppel von den Flocken bedeckt wird. Mitten in diesem Blizzard – und das ist jetzt das Herzwärmende – wird ein kleiner Clown, der zuvor noch bei einsetzendem Schneefall einsam auf einem Koffer bibbernd die Kälte auch in seinem Inneren spürte und sich einen imaginären Freund aus einer Papiertüte bastelte, seinen echten allerbesten Freund wiederfinden. Und das ist der große Clown, der mit der Ananashaube. Wie wunderschön kann Zirkus eigentlich sein!
Diese übergroße Szene in dem wie ein Eispalast strahlenden Zelt des Cirque du Soleil auf der Münchner Theresienwiese weckt bei vielen ein Déjà-vu. Die einen haben so einen Schneesturm vielleicht schon einmal bei einem vorherigen Gastspiel der Show „Alegria“ gesehen (etwa 1997 auf der Theresienwiese oder 2011 in der Olympiahalle oder sonst wo bei 5000 Vorstellungen in 40 Ländern). Und sie freuen sich nun, in dieser umgekrempelten, aufgepolsterten Neuauflage des Klassikers – er heißt jetzt „Alegria – in neuem Glanz“ – das vielleicht Schönste von damals wiederzuerkennen.
Für andere biegt die Nostalgiereise ab zu „Slava's Snowshow“ auf dem Tollwood-Festival 2002, just hier auf der Theresienwiese. Der Maestro hinter dem Schneezauber war in beiden Fällen Slava Polunin, er hat 1994 die fantastischen Clown-Nummern für die Urversion von „Alegria“ entworfen und anfangs auch selbst gespielt.
Klitzekleines Bedauern: davon ist außer dem Sturm nicht allzu viel übrig in der Neuauflage, die nun einen Monat lang für 50 Vorstellungen in München gastiert. Ein wenig erinnert die Idee des aufpolierten Klassikers an eine Weltstar-Rockband, die stolz mit ihrem prägenden Album 30 Jahre später noch einmal auf Tour geht, aber dabei einige der größten Hits nur anspielt. Aber das ist okay, es muss ja vorangehen, gerade im Zirkus, gerade in dem Cirque, der unter dieser Sonne berühmt und reich geworden ist dadurch, die ganze Manegenkunst zu perfektionieren und vor allem weiterzuträumen.

Der Vergleich mit der Rockband passt insofern auch, da „Alegria“ als Konzert allein funktionieren würde. Auch den Musik aus aller Welt feiernden Soundtrack – der meistverkaufte des Cirque-du-Soleil – hat man auf den Kopf gestellt, umarrangiert, modernisiert. Was die Band und die „Sängerin in Weiß“ und die „Sängerin in Schwarz“ hinter, unter und zwischen den Artisten alles musizieren, ist eine Zirkus-Oper: Eine Akkordeonistin begleitet jede Bewegung des traurigen Clowns wie eine klingende Regenwolke; ein massiger Flammen-Schamane jongliert zu einem Trommelfeuer (und legt, hier passt das mal, eine heiße Sohle aufs tatsächlich brennende Parkett); zwei Reptilienfrauen stemmen und verbiegen sich in einem Lichtdom zum Lied „Vai vedrai“, das in der neuen Version eigentlich der nächste Italo-Pop-Smash-Hit des Sommers werden müsste.

All die Premierengäste – von Uschi Glas über Ottfried Frischer und Udo Wachtveitl bis Rufus Beck sind natürlich alle da – können nur staunen über die Kreativität: Wie aus echtem Yak-Haar oder Nikolausbärten Perücken oder aus Badminton-Netzen sexy Westen für die jungen Wilden der Show gebastelt wurden (Insider-Wissen aus der Schneiderei). Und mehr als staunen muss man über die 55 Artisten aus 20 Ländern, die ihre jeweilige Disziplin auf die Spitze treiben: Etwa der Cyr-Rad-Künstler, der zu fliegen scheint.
Und immer noch über jene Akrobatik, die schon 1994 eigens für „Alegria“ erfunden wurde: 13 Flic-Flac-Flummies flitzen über zwei sich kreuzende Trampolinbahnen. Oder die „Acro-Poles“, Hochsprungstangen, mit denen sich eine Truppe zu immer höheren Pyramiden hinauf saltiert. Ganz besonders die Schar an den zwei parallel schwingenden Trapezen hoch unter der Kuppel. Allein ihr Abgang, als jeder und jede einzelne von ihnen bejubelt vom Publikum sich schraubend ins Fangnetz stürzt, das ist schon ein artistischer Höhepunkt zum Finale der angenehm straffen (zweieinviertel Stunden inklusive Pause) Show.
Die angeblich vorhandene Handlung von „Alegria“ hat allerdings auch „Im neuen Glanz“ kein richtiges Ende, sie war und bleibt ein Kuddelmuddel. So richtig schlau wird man ohne Programmheft nicht draus, das „Game of Thrones“-artige Bühnenbild gibt einen Hinweis. Es geht um einen Hofnarren, der sich zum König krönen lässt, aber bald die Lust an der Macht verliert, weil ihm die pure Spielfreude mehr Lust macht.

Die wahren Erzählkönige aber sind eh die zwei Clowns in ihrer eigenen kindlichen, eher: pubertären Liebes-Geschichte. Das ganze Chaos, das sie anrichten, müssen sie selbst beseitigen, auch den ganzen Kunst-Schnee. Und wie sie dazu frustriert den Putzwagen hereinschieben, dann doch zu ihrer eigenen Clowns-Musik „Ratta-ratta-di-ratta“ einen Tango tanzen, sich ein Eifersuchts-Drama inklusive tapfer mitspielendem Zuschauer liefern, der eine dem anderen versehentlich ins Gemächt tritt und die Verletzung mit Papier-Flocken zu kühlen gedenkt – nun, das ist alles kein Schnee von gestern, das wärmt einem das Herz.
Cirque du Soleil, „Alegria – in neuem Glanz“, bis 15. März im Grand Chapiteau auf der Münchner Theresienwiese

