Cirque du Soleil in MünchenTraumberuf Trapez-Künstler, Nebenjob Hofnarr

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„Mir war als Kind schon klar, dass ich Artist werde“, sagt Nicolai Kuntz, hier bei seiner Parade-Disziplin am Show-Trapez.
„Mir war als Kind schon klar, dass ich Artist werde“, sagt Nicolai Kuntz, hier bei seiner Parade-Disziplin am Show-Trapez. Anne-Marie Forker

Als Kind wuchs er im Circus Krone auf. Jetzt ist Nicolai Kuntz der einzige deutsche Akrobat der Cirque-du-Soleil-Show „Alegria“ auf der Theresienwiese. Nebenbei brachten ihn seine artistischen Fähigkeiten schon ins Finale von „Ninja Warrior“.

Von Michael Zirnstein

So ein Zirkusleben hat schon seine Tücken. „Zu Hause ist tatsächlich nirgends“, sagt Nicolai Kuntz. Kurz schaut er nachdenklich, dann lächelt der drahtige Artist wieder. Das Herumziehen scheint ihm nichts auszumachen. Vielmehr hat er es sich so ausgesucht. Es sei immer sein Traum gewesen, mit dem Cirque du Soleil zu reisen. Seit 2019 ist er nun dabei, als einer von ganz wenigen deutschen Artisten unter etwa 4000 bis 5000 Angestellten des kanadischen Show-Unternehmens. Bei der reisenden Revue „Alegria – in neuem Glanz“ ist der Trapez-Künstler von 54 Artisten aus 25 Ländern sogar der einzige aus Deutschland.

Kuntz vereinsamt garantiert nicht, so sagt er bei einem Interview im großen Probenzelt des Zirkusdorfes auf der Münchner Theresienwiese. Die Kollegen, die Techniker, die Physiotherapeuten, sie alle seien seine Familie, sagt er. Und seine Frau, Ilse Guttierez, ist auch ständig an seiner Seite, sie ist hier die Backstage-Managerin. Er und die Mexikanerin kamen schon zusammen, als sie beide noch beim deutschen Zirkus Flic-Flac arbeiteten.

Nicolai Kuntz genießt das Leben hinter den Kulissen. Wenn sie nicht auf der Bühne unter dem 19 Meter hohen Show-Zelt sind, können die Artisten Pilates-Stunden nehmen, sich massieren lassen, üben, sich in der Kantine treffen. Und raus geht er nie? Doch, natürlich, sagt Kuntz, das Allerliebste sei ihm das „Erkunden“ der Städte. Mit dem Cirque gastierte er schon in Tokio, Südkorea, London, Barcelona. Gerade noch war er in Paris. Aber auf seine ersten „Alegria“-Auftritte in seinem Heimatland hat er sich besonders gefreut, und noch einmal mehr auf München.

Auch seine Zeit Backstage genießt der Cirque-du-Soleil-Artist Nicolai Kuntz.
Auch seine Zeit Backstage genießt der Cirque-du-Soleil-Artist Nicolai Kuntz. Ghislain Ramage

Der gebürtige Einbecker ist in München aufgewachsen, hauptsächlich im Circus Krone. Seine Mutter arbeitete dort im Management, er verbrachte seine Kindheit unter Artisten im Stammhaus, mit dem Viermaster-Zelt gingen sie auch auf Tournee.  „Mir war als Kind schon klar, dass ich Artist werde“, sagt er. Einer seiner ersten Besuche jetzt in München führte ihn also zum Circus-Krone-Stammhaus, etliche kannten ihn noch von damals. Auch bei seiner einstigen Grundschule schaute er vorbei, traf sich mit alten Mitschülern – er kenne nicht nur Zirkusleute, sagt er.

Seinen Freunden hier hätte er freilich gerne seine Paradenummer am Show-Trapez schon bei der Premiere gezeigt. Aber dann blieb seine Stelle leer. Seine Partnerin Giulia Scamarcia schwang ganz alleine durch die Lüfte. Wer es nicht wusste, dem fiel das nicht auf. Aber normalerweise gehören zum Synchron-Trapez zwei. Nikolai Kuntz war aber ausgerechnet am Tag der Premiere krank geworden, das hat ihn mächtig gewurmt.

Die Engel heben ab: In ihrer Rolle als Wächter über das Königreich Alegria schwingen Nicolai Kuntz und seine Partnerin Giulia Scamarcia zum Gesang der „Weißen Sängerin“ durch die Lüfte.
Die Engel heben ab: In ihrer Rolle als Wächter über das Königreich Alegria schwingen Nicolai Kuntz und seine Partnerin Giulia Scamarcia zum Gesang der „Weißen Sängerin“ durch die Lüfte. Andy Paradise

Die Nummer ist eine der ruhigen im Programm, aber trotzdem ein Spektakel. An zwei nebeneinander schaukelnden Stangen schwingen Kuntz und Scamarcia in neun Meter Höhe, springen ab, schrauben sich um ihre Achse oder machen Saltos, fangen sich mit den Füßen in den Seilen auf. Dazu singt „Die Sängerin in Weiß“ die bezaubernde spanische Ballade „Querer“. Schwerelos schaut das aus. Das so leicht aussehen zu lassen, ist natürlich das Schwerste. Alles muss millimetergenau und wie im Schlaf sitzen, nur so kann Kuntz noch ausstrahlen, dass er ein Engel ist.

Die Engel sind in „Alegria“ Wesen aus dem Jenseits, voller Menschlichkeit wachen sie über das Königreich und seine Bewohner.  „Die Rolle ist definitiv Teil der Nummer“, sagt Kuntz, „wenn ich nicht dran glauben würde, würde es mir das Publikum auch nicht abnehmen.“ Und so ist das nicht nur irgendeine Nummer, sondern bei aller artistischen Höchstleistung auch ein besonders berührender Moment. Und das sei eh das Wichtigste an der Show, sagt Kuntz: „In ,Alegria‘ wird das Emotionale besonders großgeschrieben.“

Am Trapez hängt, warum er hier im Cirque du Soleil gelandet ist. Als Kind und Jugendlicher übte er schon mit Diabolo und Akrobatik, als er mit 16 Jahren zum Zirkus Flic Flac kam, professionalisierte er seine Künste etwa beim Salto schlagen, Jonglieren, am Trapez und am Todesrad. Auf diesem um eine Achse rotierenden Metallgestell hatte Nicolai Kuntz seinen bisher schwersten Unfall, er brach sich dabei die Wirbelsäule an. „Das Risiko gehört dazu, gerade live“, sagt er abgeklärt, aber man mache alles, um die Gefahren zu minimieren. Bevor er sich mit dem Trapez hochziehen lässt, wird er in ein Sicherheitsseil eingehakt.

Die Zeit vor dem Auftritt vertreibt sich Nicolai Kuntz (links) gerne mit den Kollegen aus aller Welt, hier beim Vier-gewinnt-Spiel. Im Hintergrund auf dem Monitor ist zu sehen, was gerade auf der Bühne läuft.
Die Zeit vor dem Auftritt vertreibt sich Nicolai Kuntz (links) gerne mit den Kollegen aus aller Welt, hier beim Vier-gewinnt-Spiel. Im Hintergrund auf dem Monitor ist zu sehen, was gerade auf der Bühne läuft. Ghislain Ramage

Um noch bessern zu werden, trainierte Kuntz mit Anfang 20 einige Monate lang mit der Trapez-Legende Viktor Fomine in Montreal, der Heimat des Cirque du Soleil. Beflügelt von einzigartigen neuen Moves traute er sich, sich beim Zirkus-Marktführer zu bewerben. Fünf Jahre lang hörte er nichts. Er hatte aber offenbar Eindruck hinterlassen. Als sie ihn fünf Jahre später anriefen und sagten, sie hätten ihn gerne für die Neuauflage ihres seit 1994 laufenden Klassikers „Alegria“, sei das „wirklich der Hammer“ gewesen, „ein atemberaubendes Gefühl“. Gerade „Alegria“ hatte es ihm angetan, als er die Urversion einmal in Paris gesehen hatte: „Die einzige Show beim Cirque, die Show-Trapez hat – das war immer mein Traum.“

Der Traum zerbrach kurz in der Pandemie, es gab keine Vorstellungen. Um seine Fähigkeiten und sein Show-Talent nicht ungenutzt liegenzulassen, meldete sich Kuntz bei der RTL-Fernsehshow „Ninja Warrior“ an. Bei diesem Hindernisparcours brachten ihn seine Griffkraft, sein Schwung und seine Körperspannung bis ins Finale.

Nach genauen Vorgaben auf einem Foto muss sich Nicolai Kuntz selbst Schminken, was er inzwischen in einer Dreiviertelstunde schafft. Sein Kostüm, links im Bild, hat er schneller angezogen.
Nach genauen Vorgaben auf einem Foto muss sich Nicolai Kuntz selbst Schminken, was er inzwischen in einer Dreiviertelstunde schafft. Sein Kostüm, links im Bild, hat er schneller angezogen. Michael Zirnstein

„Es hilft mir generell, breit aufgestellt zu sein“, sagt Kuntz. Gerade beim Cirque, der dafür bekannt ist, keine Routiniers mit fertigen Nummern einzukaufen, sondern zusammen mit großen Talenten eigene Acts zu entwickeln. Das kommt Kuntz entgegen, er bildet sich gerne fort. Wenn die Kollegen hier Workshops für Hip-Hop-Dance oder Clowning geben, ist er mit Eifer dabei. Das hat ihm jetzt auch seine allererste Schauspielrolle eingebracht:  Er ist bei „Alegria“ Ersatz für den Haupt-Charakter „Mr. Fleur“, einen Hofnarren, der sich zum König krönen lässt. Etwa alle zwei Wochen ist er dann die ganzen zwei Stunden über auf der Bühne zu sehen. „Er macht das auf seine ganz eigene Weise“, sagt der Ukrainer Bohdan Zavalishyn, der eigentliche Mr. Fleur. „Ich habe Nicolai nur einige pikante Details beibringen müssen. Er ist ein Naturtalent. Er ist super-lustig“.

Nicolai Kuntz ist angekommen in seiner Zirkusfamilie. Er hat hier Freunde, ärztliche Betreuung, Sozial- und Krankenversicherung. An manchen Samstagen, wenn drei Vorstellungen am Tag anstehen, kommt er von früh bis spät gar nicht raus aus dem Zelt. Es ist sein Traumjob. Er interessiert sich auch fürs Zirkus-Management und die Technik, das könnte er sich später einmal vorstellen. Wie viel später? Nun, meint der 32-Jährige, den Job am Trapez könne man durchaus eine Weile machen, bei den Kollegen der Hochtrapez-Truppe von „Alegria“ sei einer schon 50.

Allzu viele Profi-Artisten in Deutschland gibt es nicht. So dient Nicolai Kuntz auch als Vorbild für die vielen semiprofessionellen, Hobby- und Nachwuchs-Artisten von Münchner Zirkus-Institutionen wie Leopoldini, der Hochschul-Akrobatikgruppe oder GYM e.V., die „Alegria“ gleich zu Beginn besucht haben. Die Botschaft: Artist zu sein, muss kein Traum bleiben, es kann ein richtiger Beruf werden.

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