Heroin Chic, das war mal ein Riesending Anfang der Neunzigerjahre. Als Gegenentwurf zu den lebenslustig, sportlich und strahlend wirkenden Models wie Cindy Crawford oder Claudia Schiffer schickten Designer wie Calvin Klein, Marc Jacobs oder Helmut Lang dünne, ausgezehrt und ungesund aussehende, oft androgyn wirkende Models auf den Laufsteg. Eine, die diesen Stil wie keine andere vertrat, war das Supermodel Kate Moss.
Heroin Chic, das ist auch die Assoziation, die sich aufdrängt, wenn man vor der fahl-kühlen Aufnahme von Cindy Sherman aus dem Jahr 1983 steht. Und fast scheint es, als ob die US-amerikanische Fotokünstlerin schon zehn Jahre zuvor in ihren Selbstporträts das inszeniert und fotografiert hätte, was dann Anfang der Neunzigerjahre die Modewelt dominierte: blasse Haut, dunkle Augenringe, ausgemergelte Gesichtszüge, strähniges Haar und ein Hauch von Androgynität. Die Kleidung: oft ebenso Grunge wie Haute Couture. Unter anderem unterlief sie mit ihren frühen Fotos in diesem Stil subversiv eine Foto-Kampagne für Fashion-Shows, was die Auftraggeber in ziemliche Verzweiflung gestürzt haben muss. Jahre später rissen sich die Magazine und Modemarken allerdings darum, Bildstrecken von Sherman fotografieren zu lassen.

In den Jahren von 1983 bis 1994 entstanden zahlreiche Selbstporträts, in denen Cindy Sherman den Fokus auf die Bildsprache der Modewelt legte. Einige dieser großformatigen Aufnahmen sind derzeit im Interim der Sammlung Goetz in der Pacellistraße zu sehen. Und was soll man sagen: Sie wirken so aufregend wie damals. Weil nichts so eindeutig ist, wie es scheint.
Die Leidenschaft, mit der sich die Fotografin Cindy Sherman in Kostümierung und Maskerade wirft, scheint unendlich. Dabei macht sie sich oft hässlich und abstoßend, macht sich alt – schon als ganz junge Frau. Was bewegt Sherman dazu? Die kindliche Lust am Rollenspiel, die Freude an der Verwandlung allein ist es nicht. Was die inzwischen 72-Jährige seit nunmehr 50 Jahren treibt und antreibt, ist immer stark mit Gesellschafts- und Sozialkritik verbunden.
Dabei spielen weibliche Rollenbilder und Stereotypen eine herausragende Rolle. Die gealterte Diva, die fratzenhaft operierten „Society Ladies“ oder die aufgepumpte Strandschönheit begegnen der scheinbar glatten Oberflächlichkeit von Filmstills, den an Genre-Darstellungen Alter Meister geschulten Inszenierungen und einem weiblich-männlichen Vexierspiel.
Meist gibt Sherman den Werken keine Titel, sondern nur Nummern. Das lässt viel Spielraum für Interpretationen, auch und gerade, was die Zwischentöne angeht. Allerdings fällt das schwer bei der sexuell aufgeladene Puppen-Serie oder den hässlich-schönen Horror-Clowns. In einem Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung erzählte Sherman mal, wie sie einen Sammler besuchte und der eine ihrer Puppen-Inszenierungen im Schlafzimmer überm Bett hängen hatte, was sie zu der Erkenntnis brachte, dass selbst krasseste Inszenierungen missverstanden werden können.

In einem Film, den die Sammlung Goetz begleitend zu Shermans Ausstellung im Interim zeigt, gewährt die Fotokünstlerin Einblicke in ihr Studio und ihre Arbeitsweise. Und die ist bis ins letzte Detail ausgetüftelt. Üppige Brüste, schwarz angefressene Zahnprothesen, falsche Augen, Nasen, Haarteile, massenhaft Make-up, Tücher, Schals, Flitter und Unmengen von Kleidern – im Studio der Künstlerin Cindy Sherman liegt dies und noch viel mehr fein säuberlich sortiert und aufgereiht in Schränken und Schubfächern. Ein Fundus, um den sie so manches Filmstudio oder Theater beneiden kann.
Bildaufnahme und -bearbeitung seien durch Digitaltechnik und Greenscreens inzwischen sehr viel einfacher geworden, erzählt sie da. Doch der Kern ihrer künstlerischen Arbeit ist und bleibt die Lust an der Verwandlung und am Rollenspiel. Wer übrigens Lust hat, selbst in eine andere Rolle zu schlüpfen: Im zweiten Raum des Interims gleich nebenan wurde ein Foto-Automat aufgestellt, und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Sammlung Goetz haben einen kleinen Fundus an Klamotten, Perücken, Flitter und Kram zusammengetragen, mit dessen Hilfe man eine – zumindest schräge – andere Identität annehmen und sich fotografieren kann. Kein Vergleich natürlich zu Cindy Shermans Aufwand, aber lustig ist’s allemal.
Cindy Sherman, Sammlung Goetz / Schaufenster, Pacellistraße 5, München, bis 27. Juni

