Chronische Krankheit Wenn die Not größer ist als die Scham

Petra S. betreut ihre 79-jährige Mutter, die an einer schweren Lungenkrankheit leidet. Dabei bräuchte sie dringend selbst Hilfe.

(Foto: Catherina Hess)

Chronisch kranke Menschen können ihren Lebensunterhalt oft nicht allein finanzieren. Über zwei Frauen, die trotzdem nicht aufgehört haben, sich um andere zu kümmern.

Von Thomas Anlauf

Die hölzerne Kammer ist eine schützende Höhle. Durchs Fenster fallen ein paar Sonnenstrahlen auf das Gesicht der Frau, die an einem schweren Holztisch sitzt, ansonsten liegt der kleine Raum im Halbdunkel. Es ist ein Zimmer, das Erinnerung atmet. Ein wandhohes hölzernes Weinregal steht in der Ecke, die Durchgangstür zum Wohnzimmer ist eingerahmt mit schweren wurmstichigen Balken einer Almhütte.

Für Petra S. ist der Raum ein Stück weit Vergangenheit, auch wenn nicht sie hier in dem Häuschen am Münchner Stadtrand lebt. Petra S. betreut hier täglich ihre 79-jährige Mutter, die an einer schweren Lungenkrankheit leidet. Dabei bräuchte sie dringend selbst Hilfe.

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Die 50-jährige Münchnerin hat ein Leben gelebt, das von ganz oben nach ganz unten führte. Sie stammt aus einem wohlhabenden Elternhaus, der Vater hatte eine Firma mit 200 Mitarbeitern. Doch eines Tages gab er das Unternehmen auf, die Ehe der Eltern ging in die Brüche. "Es war ein jahrelanger Rosenkrieg", sagt Petra S. heute. Für das damals neunjährige Mädchen, das ihren Vater über alles liebte, war die Belastung zu groß. Petra S. zerbrach an ihrem Schmerz. Mit neun Jahren begann das Kind, Alkohol zu trinken, mit elf fing Petra an zu kiffen. "Ich habe mit 15 ein Jahr lang im Englischen Garten gewohnt, da hab' ich auch das Dealen angefangen." Das Leben auf der Straße mit all den Drogen konnte nicht lange gut gehen. Mit 17 Jahren saß sie das erste Mal sieben Monate lang im Gefängnis.

Als sie wieder draußen war, begann sie zu spritzen. "Ich bin zum Junkie geworden", sagt Petra S. heute. An ihrem 19. Geburtstag saß die Drogensüchtige schon wieder im Gefängnis, diesmal auf Sardinien. Sie war kaum erwachsen, da war sie schon am Ende. "Eigentlich dürfte ich gar nicht mehr leben." Irgendwie schaffte sie es doch noch, sich dem tödlichen Sog zu entziehen. Als sie mit 27 wieder mal im Knast saß und nach acht Monaten entlassen wurde, rührte sie keine harten Drogen mehr an, im Gefängnis wurde sie clean. Sie machte eine Ausbildung zur Raumausstatterin, doch dann begann ihr neuer Leidensweg.

Vor fast 20 Jahren bekam sie einen Tumor im Gesicht, der operiert werden musste. Dabei diagnostizierten die Ärzte, dass sie unter einer schwere Autoimmunerkrankung litt, Lupus erythematodes. Das Gesicht begann zusehends zu vernarben, die Organe wurden von der Krankheit angegriffen. Jahrelang litt Petra S. auch noch an einem Virus, den sie sich im Krankenhaus eingefangen hat. Heute muss sie täglich starke Schmerzmittel nehmen, starke Sonnenstrahlung möglichst meiden. Petra S. sitzt in der Kammer im Halbdunkel und zeigt ein Foto von sich, da war sie 29. "Das war im Cinque Terre", sagt sie und lacht. Die vielleicht schönste Zeit in ihrem Leben, die Krankheit war noch nicht ausgebrochen, sie machte gerade ihre Ausbildung.

Doch als sie schließlich so schwer erkrankte, ging es auch sonst wieder bergab. Sie zog mit Trinkern herum, sackte wieder sozial ab. Die vergangenen neun Jahre war Petra S. obdachlos. Mal wohnte sie im Frauenobdach "Karla 51", mal auf der Straße, mal bei Bekannten. Dabei hatte sie sogar einen Freund, der in einer Sozialwohnung lebte. Auch er war ein Trinker. Im vergangenen Sommer starb er, erst nach 14 Tagen wurde er in seiner Wohnung gefunden.

Petra S. zieht gerade in die Wohnung ihres verstorbenen Freundes ein. Nachts kann sie oft nicht schlafen, sie hört manchmal Geräusche, wie wenn ihr Freund noch in der Nähe wäre. Sie nimmt einen Schluck von ihrem gelblich leuchtenden Vitaminsaft, sie weint. "Da musste mein Freund sterben, damit ich wieder in einer Wohnung leben kann", sagt sie leise. Doch das Zimmer ist das Einzige, was sie nun hat. Für die Pflege ihrer Mutter bekommt sie 316 Euro im Monat, davon gibt sie aber ihrer verarmten Mutter, die einen Berechtigungsschein für die Tafel hat, noch ein bisschen ab. Ansonsten bekommt sie ein bisschen Sozialleistungen.

Doch davon konnte sie nicht die komplette Zahnsanierung bezahlen, trotz Härtefall-Regelung muss sie seit April die Kosten von 2300 Euro mit monatlichen Raten von 50 Euro abstottern. "Mich haben sie ganz schön gestutzt", sagt sie über ihr Leben. "Aber ich habe auch meine Lektion gelernt." Sie hat nur einen großen Wunsch. Einmal für ein paar Tage abschalten können, irgendwo an einem See.

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Wer helfen will, wird um ein Geldgeschenk gebeten, Sachspenden können leider nicht entgegengenommen werden. Bareinzahlungen sind von Montag bis Donnerstag von 9.30 bis 18 Uhr sowie Freitag und Samstag von 9.30 bis 16 Uhr im SZ-Servicezentrum, Fürstenfelder Straße 7, möglich. Sicher online spenden können Leser im Internet unter www.sz-adventskalender.de. Überweisungen sind auf folgendes Konto möglich.

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Bei Menschen wie Petra S. bedingen sich Armut und Krankheit wechselseitig. So früh ins Drogenmilieu zu geraten, weil sie mit der Situation im Elternhaus nicht zurecht kam, ist besonders tragisch. Ein Leben auf der Straße, die Drogen, sie begünstigen oftmals Krankheiten. Aus dem Teufelskreis kommen diese Menschen nur noch schwer heraus, ohne äußere Hilfe zumeist gar nicht. Doch gerade wer verarmt ist, lässt sich oft ungern helfen. Viele Menschen schämen sich für ihre Situation und ziehen sich aus der Gesellschaft zurück. "Es ist eine Schande für unsere Gesellschaft, dass sich viele Menschen schämen, wenn sie Hilfe brauchen", sagt Karin Majewski vom Paritätischen Wohlfahrtsverband.