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Chronik:Welt zwischen Wänden

Alexandra Litwina: In einem alten Haus in Moskau
Credit: Anna Desnitskaya/Gerstenberg Verlag

Der Zweite Weltkrieg ist vorbei, in der Küche der Muromzews wird gefeiert. Toma walzt mit dem einbeinigen Leutnant Sergo, berichtet der achtjährige Fedja (vorne). Er wird Jahre später nach Amerika ausreisen.

(Foto: Gerstenberg Verlag)

"In einem alten Haus in Moskau" erzählt ein ganzes Jahrhundert in Bildern mit Texten: Es ist die Überlebensgeschichte einer Familie, erzählt aus Kindersicht.

Die Idee der Autorin Alexandra Litwina und der Zeichnerin Anna Desnitskaya, ein ganzes russisches Jahrhundert als Wohnungs-Chronik in dem großformatigen Buch "In einem alten Haus in Moskau" aufzufächern, überzeugt von der ersten Doppelseite an: Dort stellen sich die Mitglieder der Familie Muromzew vor, ähnlich zahlreich und verzweigt wie das Personal in den Romanen Fjodor Dostojewskis. Sie bilden den Mikrokosmos, in dem sich das Weltgeschehen zwischen 1902 und 2002 widerspiegelt, gepaart mit privatem Glück und Leid. Eine einzige große Überlebensgeschichte, erzählt aus der Sicht von Kindern und ergänzt mit informativen Texten und Abbildungen. Endpunkt ist im Jahr 2002 eine fröhliche Geburtstagsfeier für die Ururgroßmutter Marussja Muromzewa.

Sie wird 1910 als jüngstes Kind des Arztes Ilja Muromzew und seiner Frau Jelena geboren, die im Herbst 1902 mit Kinderfrau und Köchin in die große Wohnung des damals noch neuen Hauses in Moskau einziehen. Über 60 Seiten und fünf Generationen hinweg kann man das Schicksal des Hauses und seiner Bewohner verfolgen: Marussja Muromzewas ältere Schwester Irina führt als Sechsjährige durch die Räume zur späten Zarenzeit, ihr Bruder durch die Wohnung im Ersten Weltkrieg. Es folgen die Revolution, später Stalins Terror und der Zweite Weltkrieg. Von Stalins Tod und dem Aufbruch unter Chruschtschow erzählt die siebenjährige Lena - "1953 haben wir in unserer Wohnung Telefon bekommen, eines für alle Bewohner. Es steht im Flur". Die Zimmer der früheren Bediensteten sind da schon längst Teil einer "Kommunalka" genannten Gemeinschaftswohnung. So kinderbuchhaft vertraut wie dieses historisch detailgetreu gestaltete Wimmelbuch auch wirkt, bietet es auch Erwachsenen einen einzigartigen Streifzug in die jüngere russische Vergangenheit.

Alexandra Litwina/Anna Desnitskaya: In einem alten Haus in Moskau, Gerstenberg 2017 (ab 10 J.)

© SZ vom 04.06.2020

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