Der vielseitige Villa-Waldberta-Stipendiat Christopher DellEin Musiker als Universalgenie

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Wirft nicht nur in der Musik große Schatten: Vibrafonist, Komponist und Architekturtheoretiker Christopher Dell.
Wirft nicht nur in der Musik große Schatten: Vibrafonist, Komponist und Architekturtheoretiker Christopher Dell. (Foto: Oliver Hochkeppel)

Christopher Dell ist nicht nur der wichtigste Vibrafonist seiner Generation, er ist auch Freigeist und Architekturtheoretiker. Als „Artist in residence“ der Villa Waldberta gibt er jetzt im Schwere Reiter in München vier experimentelle Abschlusskonzerte.

Von Oliver Hochkeppel, Feldafing

Es ist ein recht verschlungener Weg hin zur Feldafinger Villa Waldberta, der märchenhaften Residenz am Höhenberg über dem Starnberger See, in die die Landeshauptstadt München seit 1982 ihre internationalen Stipendiaten einlädt. Wenn man dort dann Christopher Dell trifft, gegen Ende seiner dreimonatigen Stipendiatenzeit, dann erfährt man von ihm auch, warum das so ist: „Die reichen Erbauer eiferten britischen Vorbildern nach. Und wollten wie die unter sich bleiben.“ Dell ist nicht nur einer der besten Vibrafonisten der Welt, er ist auch Professor für Architektur- und Städtebautheorie.

Wenn man also für ein Gespräch über Musik einen Partner sucht, der weit über den Tellerrand hinausblicken und vieles interdisziplinär verbinden kann, dann ist Dell genau der Richtige. Was, na klar, mit seiner Sozialisierung zu tun hat.

Dell stammt aus Darmstadt, und wie man das früher so schön nannte, aus dem Bildungsbürgertum. Früh spielte die Musik eine Hauptrolle. Er begann sehr früh mit Klavier, dann kam klassisches Schlagwerk, er konnte früh im Orchester aushelfen, und als man ihm da mit 13 ein Vibrafon nahebrachte, hatte er sein Instrument gefunden. „Das war die perfekte Symbiose aus perkussivem und melodisch-harmonischem Spiel, die ideale Kombination aus Transparenz und Körperlichkeit, wie ich sie insgeheim gesucht hatte. Und ich fand es auch modern, weil das Vibrafon anders als die meisten Instrumente noch kein geschichtliches Narrativ hatte.“

Ort mit Aussicht: Christopher Dell im Garten der Feldafinger Villa.
Ort mit Aussicht: Christopher Dell im Garten der Feldafinger Villa. (Foto: Oliver Hochkeppel)

Da es in Deutschland für sein Fach nichts gab, ging er 1985 zum Studium in die Niederlande, ans Musikcollege in Hilversum. Dort und in Rotterdam studierte er bis 1988, bis er mit einem vollen Stipendium ans Berklee College of Music nach Boston gehen konnte. Üblicherweise bekommt man eine solche Förderung nur nach einer Audition. „Ich hab’ ihnen damals eine Musikkassette geschickt. Chromdioxit mit Rauschunterdrückung. Aber es hat geklappt.“

Die weltgrößte Jazz-Kaderschmiede Berklee war dann auch für Dell ein entscheidender Schritt. „Es war damals von den Dozenten her die vielleicht beste Zeit überhaupt.  Alle waren da.“ Und für ihn entscheidend: Für Vibrafon war Gary Burton zuständig, unbestritten der prägendste, virtuoseste und wichtigste Vibrafonist seiner Generation. „Er war ein fantastischer Lehrer“, erinnert sich Dell, „keiner, der doktrinär etwas vorgegeben hätte. Wir haben oft einfach nur zusammen gespielt, da hat man am meisten gelernt.“

Genauso wichtig wie Berklee waren aber die berühmten „Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik“ in seiner Heimatstadt. Schon 1945 gegründet, sind sie eigentlich ein zweiwöchiges Festival für Neue Musik, seit jeher mit ihren wichtigsten internationalen Repräsentanten. Dell war seit seiner Jugend oft dabei – „das fand ja an meiner Schule statt, in meinem Klassenzimmer probte dann zum Beispiel das Arditi Quartet“ –, sogar als Stipendiat und kann sich auch an ein Schlüsselerlebnis erinnern: „Das war 1996, als Karlheinz Stockhausen und Earle Brown da waren.“

Er hat mit Jazzgrößen wie Nils Landgren gearbeitet

Natürlich sei es wichtig, die Musikgeschichte und ihre Protagonisten zu kennen. „Aber Stil und Genre interessieren mich eigentlich überhaupt nicht. Mich inspiriert in der Musik, verschiedenste Verfahren vor ihrem Verfahrenshintergrund auszuprobieren.“

Im Gespräch darüber kommt man mit Dell schnell auf historische, soziologische und politische Hintergründe, die den Schaffensprozess, die Form und die Rezeption von Musik viel mehr beeinflussen, als man gemeinhin glaubt. Für einen bekennenden Intellektuellen und Interdisziplinären wie Dell keine Erfolgsgeschichte. Er beklagt die immer einengenderen Marktmechanismen, verbunden mit dem Schwund des Wohlfahrtsstaats und dem Wegbrechen des Bildungsideals – die „Bejahung der Verdummung“, wie er es nennt. In seinen Augen alles Folgen des Neoliberalismus, zu dem auch die 68er „übergelaufen“ seien.

Dell versucht seit jeher dagegenzuhalten. Sich nicht eingrenzen und festlegen zu lassen und die kreative Selbstbestimmung zu bewahren. So hat er mit Jazzgrößen wie Nils Landgren, Bob Brookmeyer, Heinz Sauer oder Hiram Bullock und in klassischen Formaten wie dem WDR-Big-Band-Programm „Benny Goodman Revisited“ ebenso gearbeitet wie mit Musikern und Ensembles der Klassik, der Modernen Musik oder der freien Improvisationsszene. Seine eigenen, meist seit Jahrzehnten bestehenden Bands wie die Trios D.R.A. und Dell/Lillinger/Westergaard lassen sich noch weniger festlegen.

Und als einer der ersten Musiker hat Dell schon vor mehr als 20 Jahren sein eigenes Label gegründet. „Das hat sich – was ich damals noch nicht voraussehen konnte – als Grundlage dafür erwiesen, dass ich mit allen gut klarkomme. Was ich für andere, also zum Beispiel für Act mache, also die ‚Wassermusik‘ oder die langjährige Zusammenarbeit mit Wolfgang Haffner, das passt für mich dort perfekt. Während man dort für meine eigenen, experimentelleren Geschichten zwar höchsten Respekt, aber nicht das richtige Framing hat. Das mache ich dann selbst.“

Am Gestaltungsspielraum liegt es auch, dass sich ein eher zufälliger Ableger aus seiner musiktheoretischen Arbeit zum zweiten Standbein entwickelt hat, mindestens. Ein Verlag fragte ihn in den Neunzigern, ob er nicht in einem Aufsatz das Improvisationsprinzip auf die Architekturtheorie anwenden könne, Verbindungen, die Dell ohnehin schon geknüpft hatte. Daraus entwickelte sich ein reiches Arbeitsfeld, Dell studierte noch einmal, promovierte und habilitierte, bekleidete dann Professuren in Hamburg, München und Berlin. Derzeit lehrt er in Bergen.

Was ihm noch einmal einen anderen Blick auf die Musik und ihren Betrieb verleiht. Wie man bald im Schwere Reiter sehen und hören kann. Die Stipendien in der Villa Waldberta sind ja an Projekte mit Münchner Kollegen und Institutionen gebunden. Für „Artist in residence“ Christopher Dell eine perfekte Gelegenheit zur Fortsetzung seines Langzeitprojekts „Das Arbeitende Konzert/The Working Concert“.

Christopher Dell (2. v. re.) und das Ensemble „der/gelbe/klang“.
Christopher Dell (2. v. re.) und das Ensemble „der/gelbe/klang“. (Foto: Simon Schreiber)

Bei dessen stets weiter nummerierten „Revisionen“ geht es Dell um ein offenes, diskursives Aufführungsformat, eine „performative Installation“. In stets anderen Konstellationen wird die übliche Konzertsituation aufgebrochen und dem Publikum der kreative Schaffensprozess in allen Aspekten direkt veranschaulicht.

Die „Revisions XIII, XIV & XV“ des „Arbeitenden Konzerts“ vom 12. bis zum 14. September bestreitet Dell an den ersten beiden Tagen mit dem Münchner „Ensemble für aktuelle Musik“ der/gelbe/klang, das sich zuletzt im Feld der Neuen Musik einen überragenden Ruf erarbeitet hat. Am letzten Tag stoßen dann auch noch seine langjährigen Mitstreiter Jonas Westergaard am Bass und Christian Lillinger am Schlagzeug dazu. Und zusätzlich gibt es als Sonntagsmatinee auch noch ein Duett mit dem Münchner Gitarristen und Elektroniker Gunnar Geisse unter dem Titel „music and reality“.

Spannende und bestimmt auch genussvolle Begegnungen, freilich „durchaus mit Bildungsauftrag“, wie Dell schmunzelnd anmerkt.

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