„Mein Abschied“ von Christine MannWas im Grenzbereich zwischen Leben und Tod geschieht

Lesezeit: 3 Min.

Christine und Frido Mann waren über fast sechs Jahrzehnte hinweg gleich zweimal verheiratet. Ein illustres Paar mit vielen ähnlichen Interessen: Die Tochter des Physikers Werner Heisenberg und der Enkel Thomas Manns lernten sich einst als Theologie-Studenten kennen.
Christine und Frido Mann waren über fast sechs Jahrzehnte hinweg gleich zweimal verheiratet. Ein illustres Paar mit vielen ähnlichen Interessen: Die Tochter des Physikers Werner Heisenberg und der Enkel Thomas Manns lernten sich einst als Theologie-Studenten kennen. Wolfgang Schmidt Ammerbuch

Unter dem Titel „Mein Abschied“ hat Frido Mann letzte Aufzeichnungen seiner Frau Christine herausgegeben: Sie dokumentieren den Klinikalltag zu Corona-Zeiten – und berühren die großen Fragen nach der Existenz Gottes.

Von Antje Weber, München

Eigentlich lehnt sie eine große Operation ab, doch zwei Chefärzte haben sie dazu überredet. Nun liegt Christine Mann auf dem OP-Tisch, sediert, den Ärzten ausgeliefert – und ihren eigenen Alpträumen. Sie träumt, dass sie vom OP-Tisch aufsteht und davonlaufen will, sie träumt, dass Anfängerinnen sie operieren. Sie träumt, in einem düsteren, niedrigen Raum in einem Sarg zu erwachen und in Panik auf das Fegefeuer zu warten, „in Einsamkeit und Gottesferne“. Ist sie womöglich bereits tot?

Christine Mann wird wieder aufwachen nach jener schweren Operation am offenen Herzen, die 2022 gleich drei Herzfehler beheben soll. Doch die Operation ist nicht ganz geglückt. Bei einer zweiten erlebt die Pädagogin, Psychologin und Theologin zwar keine Horrorszenarien, doch sie macht eine weitere tiefgreifende Erfahrung: Sie imaginiert eine Wand in einem Raum, die teils dunkel, teils hell ist. Und sie muss sich entscheiden: zwischen dem dunklen Teil, dem Tod. Und dem hellen Teil, dem Weiterleben. „Ich tat mich nicht leicht mit der Entscheidung“, schreibt sie später lakonisch.

„Mein Abschied“ heißt das schmale Büchlein, in dem Christine Mann die schwere Zeit ihrer Operationen und mühevollen Rückkehr in ein nur annähernd normales Leben beschreibt. Ihr Ehemann Frido Mann, mit dem sie über fast sechs Jahrzehnte hinweg gleich zweimal verheiratet war, hat es im kleinen Verlag Rubicon herausgegeben und mit einem Nachwort versehen. Nach ihrem Tod, denn Christine Mann wurde nicht lange nach ihrem komplizierten Genesungsprozess von weiterer schwerer Krankheit heimgesucht und starb im Jahr 2024 im Alter von 80 Jahren.

SZ MagazinLiteratur
:»Wir ­hatten ­öfters etwas turbulente Zeiten miteinander«

Sie kommen aus berühmten, aber völlig unter­schiedlichen Familien, haben einander zweimal ­geheiratet und dann zusammen Fach­bücher ­geschrieben, die mit ihren eigenen Fachgebieten überhaupt nichts zu tun haben: Christine und Frido Mann im Gespräch.

SZ PlusInterview: Lars Reichardt

Es ist eine anrührende Lektüre, umso mehr, als Christine Mann völlig unpathetisch schreibt. Sehr klar und direkt benennt sie große theologische Fragen ebenso wie die kleine, nicht minder wichtige Frage, wie sich eine Schnabeltasse am besten zum Mund führen lässt. Differenziert schildert sie den Klinikalltag zwischen mal mitfühlenden, mal hartherzigen Pflegern und Ärztinnen, detailreich macht sie deutlich, was es heißt, bis in die letzte Regung hinein von anderen abhängig zu sein. Und das in Zeiten von Covid – einer zusätzlichen Belastung für Kranke wie Pflegende, die sich schon heute kaum mehr vorstellen lässt.

Gebannt liest man diesen unsentimentalen Bericht aus dem Inneren einer Kranken und eines Krankenhauses aber nicht nur aus Interesse am persönlichen Schicksal Christine Manns, sondern auch aufgrund der theologischen Fragen, die sie aufwirft. Die Autorin, die neben pädagogischen Fachbüchern zuletzt zusammen mit ihrem Mann zwei Bücher über Quantentheorie veröffentlicht hatte, ist wirklich gebeutelt von den Wahnvorstellungen während der OP, die sie auch im Wachzustand nicht loslassen.

Sofort erinnert man sich an die unglaublichen Halluzinationen, die Jonas Lüscher in seinem Roman „Verzauberte Vorbestimmung“ geschildert hat – der Münchner Schriftsteller war gleich zu Anfang der Pandemie an Covid erkrankt und hing wochenlang an einer künstlichen Lungenmaschine im Koma. Seine inneren Reisen zwischen Leben und Tod im Rausch der Narkosemittel fand er  „beängstigend, traumatisierend“, aber aus der Distanz „auch bereichernd“.

Schriftsteller Jonas Lüscher über KI und Maschinen
:"Wir können nicht ohne die Technik. Aber auch nicht ohne die Liebe"

Mensch und Maschine – eine konfliktreiche Beziehung. Jonas Lüscher hat darüber einen Roman geschrieben und ist sich bei aller Kritik an KI-Entwicklungen und Elon Musk bewusst: Maschinen retteten ihm während einer Corona-Erkrankung das Leben.

SZ PlusInterview von Antje Weber

Christine Mann erschienen ihre Erfahrungen der Gottesferne vor allem beängstigend. „Mein Grundvertrauen in das Leben und die Gnade Gottes war total erschüttert.“ Das quälte sie umso mehr, als sie sich bereits zuvor ihr ganzes Leben mit dem Glauben und den Zweifeln daran beschäftigt hatte. Frido Mann beschreibt im Nachwort etwa, wie sie sich 1964 kennenlernten: Da hatte sie gerade erst als Studentin von Evangelischer zu Katholischer Theologie gewechselt, ohne von ihren Glaubenszweifeln erlöst zu sein. Frido Mann, selbst Student der Theologie, sprang ihr zur Seite und erklärte ihr – sowohl theoretisch als auch praktisch, darf man wohl etwas flapsig zusammenfassen –, „dass die Liebe der verlässlichste Zugang zu Gott bleibe“.

Allerdings trieb Christine Mann, so schreibt sie selbst, das Verhältnis zwischen Religion und Physik weiterhin um. Ihr Vater, der Physiker Werner Heisenberg, brachte sie dazu, sich mit der Quantenphysik zu beschäftigen. Ihr gefiel – neben Überlegungen des Religionsphilosophen Martin Buber – der Gedanke ihres Vaters, dass er zwar nicht an einen persönlichen Gott glaube, aber „dass man mit der Zentralen Ordnung mitschwingen könne wie mit der Seele eines anderen Menschen“. Und nun also die totale Gottesferne?

Ein Gespräch mit einer bibelfesten Therapeutin wird Christine Mann schließlich mit ihrem Horrortrip versöhnen. Und so ist es nicht nur traurig, sondern auch erhellend, sich mit ihr in die Grenzbereiche zwischen Leben und Tod zu begeben. Und zwischen den Zeilen stets zu spüren, was auch in Frido Manns Nachwort mitschwingt: die alles überdauernde Liebe.

Christine Mann: Mein Abschied. Mit einem Nachwort von Frido Mann. Rubicon, 128 Seiten, 18 Euro. Buchvorstellung mit Frido Mann und Sohn Stefan, Montag, 2. März, 19 Uhr, Literaturhaus München.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Buchvorstellung des Thomas-Mann-Enkels
:Was Frido Mann zur Weltlage sagt

Mit „Um der Güte und Liebe willen“ will Frido Mann zehn Wege für einen „kämpferischen Humanismus“ weisen.  Bei der Buchvorstellung im Literaturhaus München zeigt sich der Schriftsteller und Theologe „höchst alarmiert“ angesichts der politischen Entwicklungen, ob in Amerika oder Israel.

Von Antje Weber

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: