Christian Wulff im Münchner Literaturhaus:Abrechnung nach Dienstschluss

Christian Wulff im Münchner Literaturhaus: Christian Wulff schreibt von einem "von seiner eigenen Macht berauschten Sensationsjournalismus".

Christian Wulff schreibt von einem "von seiner eigenen Macht berauschten Sensationsjournalismus".

(Foto: Robert Haas)

In "Ganz oben Ganz unten" rechnet Christian Wulff mit allen ab, die er für seinen Sturz verantwortlich macht. Im Münchner Literaturhaus hat er sein Buch nun vorgestellt. Die Attacken des Moderators gegen den Ex-Bundespräsidenten hatten es in sich.

Von Peter Fahrenholz

Wenn Politiker, die nicht Helmut Schmidt heißen, Bücher schreiben, handelt es sich meist um mit Anekdoten angereicherte Rückblicke aufs eigene politische Leben. Wer davon sensationelle Erkenntnisse über die Abgründe der Politik erwartet, wird meist enttäuscht, schließlich will keiner mit so einem Werk das eigene Bild vor der Geschichte verdunkeln. Dass ein Politiker sich mit einer Streitschrift in die aktuelle Debatte einmengt, ist hierzulande eher selten.

Christian Wulff, der ehemalige Bundespräsident, ist insofern eine Ausnahme. Denn in seinem Buch "Ganz oben Ganz unten" schildert Wulff mit einem Abstand von mehr als zwei Jahren nicht nur seine persönliche Sicht der Dinge, die zu seinem Rücktritt geführt haben. Das Buch ist vor allem eine Abrechnung mit all jenen, die Wulff dafür verantwortlich macht, dass er gehen musste, allen voran den Medien.

Verleger Beck gibt den Grundton vor

Klar, dass eine Abrechnung allemal mehr Interesse weckt, als, sagen wir, eine Abhandlung über die Zukunft Europas, und so ist der Saal im Literaturhaus am Dienstagabend rappelvoll, als Wulff aus seinem Buch vorliest und darüber dann mit Hans Werner Kilz, dem langjährigen Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung, diskutiert. Die Wahl von Kilz als Moderator sollte sich für den Abend als äußerst segensreich erweisen, der sonst vermutlich ein wenig einseitig und selbstgerecht verlaufen wäre.

Den Grundton gibt Verleger Wolfgang Beck vor, dessen Verlag das Buch herausgegeben hat. Beck spricht von einer "Diffamierungskampagne sondergleichen" gegen Wulff, beklagt die "mediale Vorverurteilung" des ehemaligen Bundespräsidenten. Wulff, so lässt sich die Einführung zusammenfassen, ist ein unschuldiges Opfer und es ist gut, dass er nun endlich selber zu Wort kommt.

Wahrscheinlich muss ein Verleger so in die Harfe greifen, schließlich soll sich sein Buch gut verkaufen. Das Publikum im Literaturhaus goutiert diese Worte mit zustimmendem Applaus, und das lässt schon ahnen, dass der Abend ein politisches Lehrstück darüber wird, wie schnell sich eine Perspektive verschieben kann und wie leicht dabei all die Dinge aus dem Blick geraten, die vor zwei Jahren ursächlich für Wulffs Rücktritt waren.

Wulff greift diese Grundmelodie auf und liest das Vorwort seines Buches vor. Er wolle einen Beitrag leisten zur Diskussion über die Macht der Medien, sagt er. In seinem Fall habe eine "Treibjagd" stattgefunden, Wulff schreibt von einem "von seiner eigenen Macht berauschten Sensationsjournalismus". Es ist eine fulminante Abrechnung, und in ihr betont Wulff vor allem das Ende der ganzen Geschichte, die juristische Seite. Und da hat er gute Karten, sehr gute sogar.

Ein glatter Freispruch für Wulff

Denn der Prozess gegen ihn ist maßlos überzogen gewesen, Kleinigkeiten sind aufgebauscht worden, der Verfolgungseifer der Staatsanwälte war grotesk, und am Schluss stand ein glatter Freispruch für Wulff. Von der ganzen Vorgeschichte, die ihn erst das Schlamassel hineingeritten hat, steht in Wulffs Vorwort nichts, er streift sie mit nur einem Satz ganz am Schluss. Auf die Fehler, die er selber gemacht habe, komme er in seinem Buch zu sprechen, sagt er.

Dass der Abend nicht in einer Melange aus Mitgefühl, Selbstgerechtigkeit und pauschalem Medien-Bashing endet, ist dann Moderator Kilz zu verdanken. Denn Kilz hat erkennbar keine Lust, sich stellvertretend für "die Medien" an den Pranger stellen zu lassen und nur den Stichwortgeber für Wulffs Lesart der Geschichte zu spielen. Auch Kilz verurteilt die medialen Übertreibungen, die es in der Causa Wulff zweifellos gegeben hat und die sich vor allem die Bild-Zeitung geleistet hat.

In der Summe zu viel

Aber er versucht vor allem, mit hartnäckigen Fragen auf das zu sprechen zu kommen, was eigentlich der Grund für Wulffs Fall war. Denn gestolpert ist der Mann aus Hannover ja nicht über juristische Vorwürfe, die sich hinterher als haltlos herausgestellt haben. Sondern über eine Summierung von Verhaltensweisen, die zu einer Erosion seines öffentlichen Ansehens geführt haben. Reisen auf Kosten von Freunden, die langjährige Kumpanei mit einem Boulevardblatt, dessen Gunst er sich sicher wähnte, ein günstiger Hauskredit, ein spitzfindiger Umgang mit der Wahrheit.

Alles für sich genommen Kleinigkeiten, aber in der Summe zu viel. Wulff hatte am Schluss zu wenig persönlichen Kredit, um sein Amt politisch noch auszufüllen. "Sie sind Opfer einer Verhaltensweise geworden, die man so nicht haben wollte", hält Kilz ihm vor. Wenn einer Bundespräsident werden wolle, "da gelten plötzlich ganz andere Maßstäbe". Auch dass sich Wulff lange Zeit mit einem Journalisten wie Bild-Chefredakteur Kai Diekmann gemein gemacht habe, "finde ich nicht in Ordnung", rügt Kilz.

Wulff fällt darauf nichts ein

Die Attacken haben es in sich, und Wulff reagiert mal schlagfertig, oft aber auch ausweichend darauf. Etwa auf die Frage, wie er sich denn erkläre, dass so unterschiedliche Medien wie Bild, FAZ und Spiegel ihn unisono kritisch beurteilt hätten. Wulff fällt darauf nichts ein. Bei der Vorstellung seines Buches hat Wulff gesagt, sein Rücktritt sei falsch gewesen und er wäre immer noch der richtige Präsident. "War das Uneinsichtigkeit, Überheblichkeit oder wollen Sie Recht behalten"?, will der Moderator wissen.

Da ziehen Teile des Publikums scharf die Luft ein. Sein Buch, sagt Wulff am Schluss, habe "einen ganz wesentlichen Beitrag geleistet", um die Bitterkeit zu überwinden. Aber verstehen, das zeigt der Abend im Literaturhaus, kann Wulff noch immer nicht, warum er gehen musste. Vielleicht muss er dafür noch ein Buch schreiben.

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