Der Kabarettist und „Orienthelfer“ Christian SpringerEin Foto als Mahnung zur Hoffnung

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Der Kabarettist Christian Springer findet Hoffnung in einem alten Familienfoto.
Der Kabarettist Christian Springer findet Hoffnung in einem alten Familienfoto. Oliver Hochkeppel

Warum ein unscheinbares Jugend-Bild seines Vaters und Onkels für Christian Springer eine ganz besondere Bedeutung hat.

Von Oliver Hochkeppel

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Ob im privaten Leben, ob im öffentlichen als Kabarettist, Aktivist oder „Orienthelfer“, bei Christian Springer gehört alles immer irgendwie zusammen. Auch wenn das auf den ersten Blick widersprüchlich aussieht. So fällt wohl bei den meisten von uns der Blick auf das Weltgeschehen derzeit nicht besonders hoffnungsvoll aus. Was der Kabarettist Christian Springer gerade angesichts seines aktuellen Programmtitels „Leider“ (demnächst zum Beispiel am 18. im Deutschen Theater) unterschreiben müsste. Der Orienthelfer Christian Springer indes hatte zuletzt Grund zur Freude und stieß sogar auf eine hoffnungsvolle Zukunft an. Was natürlich am plötzlichen und unerwarteten Zusammenbruch des Assad-Regimes in Syrien lag, der auch Springer überraschend traf.

So hat der vom einstigen Studenten der Semitistik und der Philologie des christlichen Orients (neben Bayerischer Literaturgeschichte) und Nahostkenner direkt nach dem Ausbruch des Bürgerkriegs 2012 gegründete Verein plötzlich eine ganz andere Perspektive. Selbst wenn die Zukunft unter dem neuen islamistischen Präsidenten Ahmed al-Scharaa und seiner Übergangsregierung noch ungewiss ist, so ist doch die Hoffnung auf Frieden eingekehrt.

Anders als nebenan in Israel und im Gaza-Streifen, wo das Töten und Sterben scheinbar kein Ende nimmt. Springer hat auch zu Israel eine besonders enge Beziehung, kämpft seit jeher gegen Antisemitismus und veröffentlicht in seinen Posts regelmäßig differenziertere Betrachtungen des Konflikts als momentan oft üblich. Er plant ein Schulprojekt zur Erinnerung an den Widerstand der Weißen Rose. Und demnächst wird die Fotoausstellung „Eine Bomben-Aussicht“ nach der Premiere in Beirut und vielen Stationen in Bayern in Tel Aviv gezeigt.

31 großformatige Schwarz-Weiß-Fotos  mit ihm in der Hauptrolle bei scheinbar alltäglichen Situationen, aufgenommen von Springers Freund Albert Kapfhammer. Allerdings trägt Springer auf allen Bildern eine schwarze Aktentasche über dem Kopf. Eine Persiflage auf die Kampagnen der Bundesregierung im Kalten Krieg in den Sechzigerjahren, die unter dem Slogan „Jeder hat eine Chance“ in einer Broschüre verkündete, man könne sich bei einem Atomschlag mit einer Aktentasche über dem Kopf schützen. „Das hat natürlich in Israel, wo man aktuell immer wieder in den Luftschutzkeller muss, nochmal eine ganz andere, konkrete Bedeutung.“

Eine Fotografie ist es denn auch, die Springer bei all seinen Tätigkeiten die handfeste, greifbare Mahnung mitgibt, nie die Hoffnung zu verlieren. Ein Bild, das einen Ehrenplatz bei ihm zu Hause einnimmt und das zu „den drei Dingen gehört, die ich auf jeden Fall mitnehmen würde, wenn ich wegen Hochwasser, Krieg oder Feuer die Wohnung schnell verlassen müsste“, wie er sagt. Man sieht auf der alten Aufnahme Springers Vater und Onkel im Alter von fünf und drei Jahren vor einer Herde auf der Schäferwiese in Ramersdorf. Rückseitig ist es später von Springers Großtante beschriftet worden: „Am Tag der Kriegserklärung des 2. Weltkriegs.“

„Dieses Foto ist für mich das Beispiel, wie es selbst unter den schlechtesten Vorzeichen weitergehen kann“, sagt Christian Springer.
„Dieses Foto ist für mich das Beispiel, wie es selbst unter den schlechtesten Vorzeichen weitergehen kann“, sagt Christian Springer. Oliver Hochkeppel

Springer kann bewegend erläutern, was dieses Bild für ihn bedeutet: „Diese unschuldigen Kinder, wie es Millionen gab und gibt, mussten dann diesen Zweiten Weltkrieg erleben. Das Haus ist ihnen weggebombt worden, sie mussten München verlassen, was für Kinder den Verlust des Kinderzimmers, ihrer Sachen und ihrer Freunde bedeutet. Die von einem Vater abstammen, der selbst als 16-Jähriger in den Ersten Weltkrieg musste. Sie haben anders als so viele alles überlebt, nur deshalb gibt es mich überhaupt. Und sie wurden beide große Vorbilder, haben mir Kultur und Toleranz beigebracht. Das sind Leben, wie sie jeder in der Familie hat. Und dieses Foto ist für mich das Beispiel, wie es selbst unter den schlechtesten Vorzeichen weitergehen kann. Dass man immer aufstehen und weitermachen muss.“

Und es gibt noch eine weitere, hinter dem Bild verborgene Geschichte: „Beide waren sie später Ministranten beim Pater Rupert Mayer.“ Bei dem Jesuitenpriester also, der in der NS-Zeit öffentlich erklärte, dass ein Katholik nicht Nationalsozialist sein könne. Der trotz Predigtverbot und „Kanzelmissbrauch“-Verurteilung weiter gegen die Nazis predigte, bis ihn die Gestapo mehrfach verhaftete und ins KZ Sachsenhausen steckte. Nur wegen seiner enormen Beliebtheit in der Bevölkerung überlebte er, zuletzt im Kloster Ettal interniert, das NS-Regime, wenn auch leider nur kurz bis zu seinem Tod im November 1945. Mayer wurde so zum direkten Vorbild für die Gebrüder Springer, das sich auf das Denken und Handeln des Enkels übertragen hat. Noch heute schaut Christian Springer immer wieder mal am Grab des Paters vorbei.

Die Pater-Rupert-Mayer-Medaille bedeutet Springer viel.
Die Pater-Rupert-Mayer-Medaille bedeutet Springer viel. Christian Springer

„Die Caritas wusste gar nicht, wie eng meine Beziehung zu Pater Rupert Mayer ist, als sie mir für mein Syrien-Engagement 2015 die Pater-Rupert-Mayer-Medaille in Gold verliehen hat. Ich habe als Kabarettist viele Preise bekommen. Aber wenn ich gefragt werde, welche Auszeichnung mir die wichtigste ist, dann muss ich sagen: diese kleine Medaille.“

Vieles steckt also hinter diesem kleinen alten unscheinbaren Foto. Wer im ureigensten Umfeld ein Stück Hoffnung sucht: Vielleicht einfach mal wieder alte Familienalben durchblättern.

In der SZ-Serie „Ein Stück Hoffnung“ empfehlen Künstler aus München und Bayern Werke, die sie optimistisch stimmen.

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