Chor-Aktion 600 Münchner singen für Europa

Ein beeindruckendes Bild: 600 Menschen sind am Sonntag zum Gasteig gekommen, um gemeinsam ein Lied einzustudieren.

(Foto: Stefanie Brandt / flowconcept)

Es sind noch 91 Tage bis zur Europawahl, noch nie war wohl eine Wahl für die Zukunft der Union so entscheidend wie diese. Vielen Münchnern ist das bewusst - am Gasteig singen sie für Europa.

Von Pia Ratzesberger

Der Chor setzt noch ein letztes Mal zur Probe an, und ein Mann im Hintergrund holt sein Handy heraus. Er trägt als einziger im Raum einen schwarzen Anzug. Vor seinem Bildschirm singen nun mehr als 600 Menschen die Zeilen von John Lennon: "Imagine all the people, living life in peace". Der Mann im Anzug koordiniert im Gasteig eigentlich die Arbeit der Techniker und der Bühnenmeister - ein Job, bei dem man viel durch die Gänge laufen muss. Doch in manchen Momenten muss auch der Dienstleiter einmal kurz stehen bleiben und filmen. An diesem Sonntagvormittag ist so ein Moment.

Im Gasteig haben sich Hunderte Menschen versammelt, um ein Lied für Europa einzustudieren und noch am gleichen Tag auf dem Platz vor dem Kulturzentrum aufzuführen. "Imagine" von John Lennon. Es sind viele junge Leute gekommen und auch viele Ältere. Es sind Eltern mit ihren noch kleinen Kindern da und schon erwachsene Kinder haben ihre Eltern mitgebracht. Vorne auf dem Podest steht der Dirigent Jens Junker, der mit seinem sogenannten Go Sing Choir sonst in den Clubs der Stadt innerhalb von ein paar Stunden ein Lied einstudiert, und wie dann gilt auch heute, dass jeder dazukommen darf, der möchte. In diesem Chor ist egal, ob man singen kann. Es kommt alleine darauf an, dass man Lust dazu hat und heute vor allem auch darauf, dass man Lust auf Europa hat.

Es sind noch 91 Tage bis zur Europawahl, noch nie war wohl eine Wahl für die Zukunft der Union so entscheidend wie diese. Mit Großbritannien wird das erste Mitglied die Gemeinschaft verlassen, die Gegner der EU werden lauter und stärker, auch in den nationalen Parlamenten. Bei der vergangenen Europawahl im Jahr 2014 gaben nur etwa 40 Prozent aller Berechtigten ihre Stimme ab. Die Stadt München hat deshalb im vergangenen Sommer eine Kampagne gestartet, um die Bürgerinnen und Bürger dazu aufzurufen, ihr Wahlrecht wahrzunehmen - und auch, um über die Vorteile der Europäischen Union zu informieren. Große blaue Buchstaben wandern seitdem von Ort zu Ort, schon im Olympiapark und auf der Wiesn stand der Schriftzug "Munich 4 Europe", an diesem Sonntag ist er nun am Gasteig angekommen. Deshalb der Chor. Hunderte Menschen stellen sich am Mittag vor dem Schriftzug auf und singen. Sie alle eint, dass sie sich für die Europäische Union einsetzen wollen, auch wenn sie vielleicht unterschiedliche Vorstellungen von ihr haben. Zeit also, Münchner Europäerinnen und Europäer zu fragen, was sie an der Europäischen Union schätzen und was sie sich für deren Zukunft wünschen.

Freiheit

"Europa bedeutet für mich Freiheit"- Barbara Schneider, 61.

(Foto: Robert Haas)

Barbara Schneider, 61, Sekretärin: "Europa bedeutet für mich Freiheit. Das Gefühl einfach in ein anderes Land fahren zu können. Ich habe als Kind noch selbst mitbekommen, wie die Menschen in der DDR das eben nicht konnten. Ich bin in der BRD aufgewachsen und hatte dort keine Verwandtschaft, doch ich wusste auch als Kind, dass dort eine Mauer steht und die Leute dahinter nicht rauskommen. Für mich war damals unvorstellbar, dass die Mauer einmal fallen könnte, und vielleicht sollten wir so auch Europas Zukunft angehen. Mit der Zuversicht, dass wir noch viel schaffen werden, was wir uns heute nicht vorzustellen vermögen. Wir werden noch viele Grenzen überwinden, aber das funktioniert nur, wenn die Menschen auch offen sind. Dieser Chor würde mit zehn Leuten nicht so eine Stimmgewalt entfalten wie mit Hunderten Menschen - und so ist es auch mit der Europäischen Union."

Identifikation

"Ich verstehe mich als Europäerin"- Silke Zernik, 36.

(Foto: Robert Haas)

Silke Zernik, 36, Grafikdesignerin: "Europa bedeutet für mich die Einheit von Unterschieden. Ich finde es schade, dass es momentan wieder so starke nationalstaatliche Tendenzen gibt. Dabei gibt es doch, wenn man einmal genauer darüber nachdenkt, eigentlich fast nichts mehr, was man alleine regeln kann - sowohl auf der sozialen Ebene als auch auf der wirtschaftlichen. Ich verstehe mich als Europäerin. Wahrscheinlich unter anderem auch, weil man aufgrund der deutschen Geschichte durchaus Probleme mit einer deutschen Identifikation haben kann. Die Europäische Union aber steht ja für das genaue Gegenteil dessen, was damals passiert ist."

Einsatz

"Wir sollten endlich was tun"- Amadeus Gebauer, 25.

(Foto: Robert Haas)

Amadeus Gebauer, 25, Student: "Europa bedeutet für mich, überall hinreisen zu können und auch überall willkommen zu sein. Erst vergangenes Jahr war ich mit einem Erasmus ähnlichen Programm in Lausanne, und auch wenn die Schweiz nicht zur EU gehört, habe ich dank dieses Programms Leute aus vielen verschiedenen Ländern der Europäischen Union kennengelernt. Aus Frankreich, Schweden und Italien zum Beispiel. Wir haben zusammen gekocht und lagen zusammen am See. Dass es keine Grenzen gibt, ist ein Luxus, an den sich meine Generation gewöhnt hat, auch an Angebote wie Interrail. Ich würde mir wünschen, dass in der Gesellschaft und in der Politik noch mehr die positiven Seiten Europas herausgestellt werden, wie ich das zum Beispiel im Wahlkampf von Präsident Emmanuel Macron in Frankreich wahrgenommen habe. Im Bundestagswahlkampf bei uns habe ich das vermisst - seitdem hat sich in der Hinsicht zum Glück schon ein bisschen was getan. Es gibt mir auch ein gutes Gefühl, dass zumindest in meinem Umfeld die meisten Menschen die Vorteile Europas sehen. Meine Generation musste bislang noch nie für Europa kämpfen. Aber jetzt sollten wir das endlich tun."

Vielfalt

"Europa bedeutet kulturelle Vielfalt"- Teresa Mangold, 2.

(Foto: Robert Haas)

Teresa Mangold, 24, Statistikerin: "Europa bedeutet für mich kulturelle Vielfalt. Meine europäische Identität wird mir vor allem bewusst, wenn ich auf einem anderen Kontinent unterwegs bin. Ich war zum Beispiel einmal in New York und manche Leuten wussten nicht einmal genau, wo Deutschland liegt - mit Europa konnten sie dann schon was anfangen. Damals wurde mir auch klar, wie toll es ist, dass wir nur kurze Strecken fahren müssen und dann in einem anderen Land sind, mit einer anderen Sprache und einer anderen Kultur. Gerade habe ich ein wenig Angst um das Europa, in dem ich aufgewachsen bin - wir müssen uns noch stärker dafür einsetzen. Ich würde mir wünschen, dass wieder mehr Menschen erkennen, wie wichtig die EU für sie ist. Vieles in unserem Leben ist nur so einfach, weil es die Europäische Union gibt. Ich zum Beispiel kenne überhaupt keine Grenzkontrollen mehr."

Zusammenhalt

"Mit der Wiesn ist es wie mit Europa" - Manfred Schauer, 65.

(Foto: Robert Haas)

Manfred Schauer, 65, Chef des Schichtl: "Ich bin jetzt seit 35 Jahren auf der Wiesn und habe neulich einmal nachgerechnet. Ich habe damit ungefähr 202 Millionen Besucher auf dem Oktoberfest erlebt, und die meisten der Gäste kommen aus ganz Europa, auch wenn es mir nicht vergönnt war, sie alle persönlich kennenzulernen. Mit der Wiesn ist es ähnlich wie mit Europa, die Wiesn verbindet Menschen aus verschiedenen Ländern - nach der zweiten Mass tut man sich mit fremden Sprachen ja auch manchmal leichter. Europa sollte keine Grenzen kennen, aber auch keine Grenzen überschreiten. Das bedeutet für mich, dass man in gewissem Maße schützt, was man hat, ohne sich vor Verpflichtungen zu drücken. Wer Hilfe braucht, dem muss geholfen werden, aber nicht jeder braucht meiner Meinung nach Hilfe. Ich wünsche mir, dass Europa so bleibt, wie es war."

Demokratie

"Keine Grenzen" - Olav Hain, 55, u. Melanie Zuzan, 50.

(Foto: Robert Haas)

Melanie Zuzan, 50, und Olav Hain, 55, technischer Leiter: "Man braucht gar nicht so weit fahren, um zu verstehen, welche Vorteile die Europäische Union mit sich bringt. Man muss nur einmal zwei Stunden in die Schweiz fahren. Es ist zum Beispiel teuer, ein Paket dort hinzuschicken und es ist aufwendig, Geld zu wechseln. Man fühlt sich in eine andere Zeit zurückversetzt und merkt wieder, wie wichtig es ist, keine Grenzen zu haben - auch für die Zukunft unserer Kinder. Wir merken an unseren eigenen Kindern, wie selbstverständlich die Union für diese Generation heute ist. Wir dürfen die gemeinsame Demokratie nicht verlieren und würden uns zudem wünschen, dass Großbritannien wieder in die Europäische Union zurückkehrt. Es ist so viel wert, dass man überall hinfahren kann und überall arbeiten. Wir fühlen uns als Europäer."

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