Süddeutsche Zeitung

"Chopan":Gulas grüne Augen

Das Chopan in Neuhausen verspricht afghanische Delikatessen - und serviert zum frischen Koriander tiefe Blicke einer berühmten Paschtunin.

Zwischen dichten Efeu-Ranken schimmert warmes rotes Licht hervor. Wir stehen vor dem Chopan im winterlichen Neuhausen. Chopan ist afghanisch und bedeutet "Hirte". Ob der zuvorkommende Wirt und Koch Qais Saadat seinen Gastraum für eine Art Zuflucht für Münchner hält, die keine Lust mehr auf das Gastro-Einerlei haben? Oder bezieht er sich mit dem Namen auf das viele Lammfleisch in der Speisekarte? Wir jedenfalls fühlen uns gleich wohl in seiner Herde.

Die Gemütlichkeit zwischen den dicht gedrängten Tischchen ist allerdings stark von den anwesenden Mitgästen abhängig. Unweigerlich nimmt man an deren Gesprächen teil: "Dir geht es gut, du bekommst ja drei Renten, ich nur zwei", tönt es aus dem Mund der Dame und eigentlich wollen wir nicht wissen, wie es dazu kommen konnte. Schön wäre es jetzt, in der Nische am Eingang zu sitzen, abgeschirmt von Blicken und Satzfetzen, unter einem weißen Baldachin. Doch um an diesen Ehrenplatz zu gelangen, muss man wohl zu einer größeren Gruppe gehören, denn der Platz ist knapp in der Elvirastraße 18a.

Italo-asiatisch

Da das Chopan mit traditionellen afghanischen Spezialitäten wirbt, wollen wir gerne etwas Landestypisches trinken. Leider gibt es heute kein "Dooch", ein Joghurtgetränk mit Zitrone und Kräutern. Rotwein bei so viel afghanischer Tradition scheint uns etwas verwerflich, obwohl ein Blick auf die Theke zeigt, dass der muslimische Besitzer sich an die Münchner Kundschaft angepasst hat: Eine ganze Armada von italienischen Rotweinflaschen verwehrt den Blick auf die Küche und in der Ecke steht außerdem eine drei Liter-Flasche Grappa.

Während wir noch mit dem Gedanken spielen, uns doch ein Glas vom Roten zu gönnen, schweift der Blick über plüschige Teppichbordüren und Tierhaut-Lampignons zu Sharbat Gulas grünen Augen an der anderen Wand. Die Aufnahme des paschtunischen Flüchtlingsmädchens, die seit 1985 als Symbol für das Schicksal vieler Afghanen durch die Medienlandschaft geistert, hat uns schon im Schaufenster begrüßt. Und auch von der Speisekarte hat uns der stolze Blick schon durchbohrt. Nun scheint es, als ob uns Sharbat Gulas vorwurfsvolle Augen fragen wollten: "Wisst Ihr eigentlich, wie gut es Euch geht?"

Es gibt sowieso keinen erschwinglichen Tischwein, also beschränken wir uns auf das angenehm herbe Andechser Hell und die naturtrübe Apfelschorle. Außerdem windet sich gerade der Koch durch die engen Gassen zwischen den Tischen und bringt die gemischte Vorspeisenplatte. Sogleich prallt die Renten-Litanei an unseren Ohren ab und auch Gulas Blick verstört nicht weiter, denn die Antipasti - nein "Pekaure" - nehmen uns ganz in ihren Bann.

So viel gibt es zu entdecken: Auberginen, Hühnchen, Kartoffelscheiben und Pilze im Gewürzteigmantel, außerdem Chapatis (Pfannkuchen) mit Porree und Spinatfüllung, angerichtet mit einem Joghurtdressing zu unerwartetem Rucola. Das Italo-Asiatische scheint es dem Wirt angetan zu haben: Neben der Theke bestätigt ein Holzregal mit Produkten des Edel-Feinschmeckers "Garibaldi" die ungewohnte Liaison von Mittelmeer und Nahem Osten.

Gulas grüne Augen

Restlos überzeugen die gereichten Dips und stellen uns doch gleichzeitig vor schwierige Entscheidungen: Chapati mit Joghurtsoße oder erst Aubergine mit dem scharf-süßen Chili-Dip? Und wonach schmeckt denn nun genau dieses grüne Dressing? Koriander ist sicher dabei, denn die Afghanen lieben frischen Koriander. Wir tippen außerdem auf Limette, Essig, Pfeffer und Honig. Widerwillig verrät Saadat, dass wir mit dem Koriander richtig liegen und der andere Hauptbestandteil Minze ist.

Aufregendes Huhn, langweiliges Lamm

Gerade noch lassen wir die intensiven Aromen von Chilli und afghanischer Petersilie auf der Zunge nachbrennen, als der höfliche Afghane schon wieder an unserem Tisch steht, um den Hauptgang zu servieren. Natürlich haben wir Lamm bestellt, gekocht, mit Auberginen in pikanter Soße. Neben dem obligatorischen Reis gibt es dazu Kartoffeln. Auf afghanisch hört sich das viel schöner an: "Badenjan Tschalau". Außerdem probieren wir "Kababe Morgh ba Quabeli Palau": mariniertes Hühnchenfleisch und gebratenen "braunen" Reis mit Mandeln, Pistazien, Rosinen und gekochten Karottenstreifen, dazu Blattspinat.

Während die zarte Konsistenz des Hühnerspießes mit den kräftigen Gewürzen der Marinade und dem gleichzeitig vertraut und exotisch schmeckenden Blattspinat begeistern, hält der gebratene Reis nicht ganz mit seinen optischen Versprechen mit und hinterlässt fast etwas zu wenig Eindruck. Ähnlich geht es uns mit dem Lamm, das zwar mehr als genießbar ist, aber doch etwas unscheinbar wirkt im Vergleich zum köstlichen Hühnchenfleisch. Die Kartoffeln wiederum werden in einer tomatigen Soße so pikant serviert wie auf der Karte versprochen und schließlich stehen da noch die drei würzigen Dips zum Aufmotzen bereit.

Preise im oberen Mittelfeld

Glücklich wollen wir das Mahl mit einer weiteren Spezialität abrunden: Ferni. Doch auch der afghanische Vanille-Pudding mit Pistazien und Kardamom ist heute leider "nicht erhältlich" und Alternativen wie Mangocreme oder Bakklava erscheinen unseren frisch geschulten Geschmacksknospen nicht mehr exotisch genug. Für eine Kanne frischen Pfefferminz-Tee ist leider kein Platz in den vollen Bäuchen, also bleiben wir der italienischen Note treu und genießen einen intensiven Espresso.

Die Rechnung scheint angemessen, die Preise befinden sich im oberen Mittelfeld: Eine Vorspeise für Zwei beläuft sich im Chopan auf 13 Euro, Hauptgerichte sind für zwölf bis 15 Euro zu haben, die Halbe Bier kostet 3,20 Euro, die Apfelschorle (0,4l) drei Euro, ein Espresso zwei Euro. Rotweintrinker müssen allerdings mindestens 26 Euro für die Flasche hinlegen. Es lohnt sich übrigens den Wirt um eine Empfehlung zu bitten, wenn er sich nicht sowieso schon dazu bemüßigt gefühlt hat. Saisonal gibt es nämlich eine sehr überzeugende feurig-süße Vorspeise aus gebackenem Kürbis und Ingwer - und der Koch weiß schließlich selbst am besten, was ihm heute gelungen ist.

Eins ist sicher: Wenn wir in Zukunft mal wieder auf das berühmte Foto von Steve McCurry stoßen, werden wir nicht mehr an arme Flüchtlingskinder denken, sondern an aromatische Köstlichkeiten und reiche Rentner.

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