Chöre Münchner Kneipenchor

In weitem Bogen fliegt eine Kirsche in den Mund eines Basses, statt dass diesen ein Ton verlässt. Die Nachbarkinder werfen vom Baum aus mit Steinobst nach dem Kneipenchor, der ausnahmsweise nicht in der Favorit-Bar, sondern einem Hinterhof probt. Die Chormänner spielen das Spiel begeistert mit - mit mäßigem Fang-Erfolg, aber unter großem Hallo der vis-à-vis aufgestellten Frauen. So süß, da könnte man als Chorleiter schon sauer werden. Immerhin will Jens Junker ein raffiniertes Arrangement des Aha-Hits "Take on Me" einstudieren. Er bleibt gelassen.

Junker kennt man von der Anarcho-Gruppe Schicksalscombo, er kommt aber aus der Klassik, hat als Teenager einen Kirchenchor geleitet, meisterlich Geige und Orgel gespielt. "Wenn der Dirigent gezuckt hat, haben alle den Mund gehalten", erinnert sich der Lockenkopf lächelnd. Ist so jemand nun der Richtige für eine Rasselbande, die anfangs nach Berliner Vorbild Flashmob-artig Boazn überfallen wollte, mit "Singen und Trinken", wie ihr Motto lautet, wahlweise auch "Trinken und Singen", und das gleichzeitig, auch auf der Bühne in Jogginghose und Unterhemd?

Nur echt mit Bier und Unterhemd: Beim bisher größten Auftritt, dem Ego-FM-Fest in der Muffathalle, sangen mehr als 50 Mitglieder des Kneipenchors mit.

(Foto: Christian Hilden)

Das Konzept, das sich Mona Walch und Lisa Reuter ausgedacht hatten, aus der inneren Not heraus, sich in keinem Chor je wohlgefühlt zu haben, kam an: Über Nacht hatten sich 30 Interessierte für den 1. Münchner Kneipenchor gemeldet, die meisten sind noch dabei bei den 56 Auserwählten, von denen anfangs längst nicht alle singen konnten. Und nicht alle Chorleiter konnten den Chor leiten, Jens Junker ist der fünfte. Er war vorher als Bass eine tragende Säule und sprang ein, als es bei einer Vorgängerin wieder nicht passte. Erst war er sich unsicher, wie er mit diesen "Rampenmenschen" umgehen soll, alles Individualisten mit Bärten, Barfüßen und Bierdurst.

Inzwischen ist er "voll überzeugt, dass Spaß die totale Prämisse ist, wichtiger als die Musik", sagt er, der dennoch als streng gilt. Die Sänger wiederum haben gemerkt, "wenn es sich besser anhört, steigt auch der Spaß, das erzeugt innere Disziplin", erklärt die Kneipenchor-Geschäftsführerin Lisa Reuter. Und Jens Junker sagt, er habe irgendwann kapiert: "Diese Leute haben das große Bedürfnis, sich zu äußern. Genau diese Dynamik ist die Stärke des Münchner Chors auf der Bühne. Andere Chöre geben sich viel Mühe mit Choreografien. Das brauchen wir nicht, dieser ADHS-Haufen ist wie ein Wimmelbild."

"So, Kirschenpause, jetzt!", ruft einer aus dem Chor, man hat verstanden, kämpft mit dem verwirrenden Text, "Take on me, take me on, I'll be gone", fügt die einzelnen Stimmen zusammen, am Ende sagen alle nur: "Geil!" und applaudieren. Auch Junker strahlt seinen Pianisten Carles Ramos an. Das Stück sei für einen Guerilla-Chor nun nicht gerade originell, aber mit dem Arrangement von einem befreundeten Chor aus Birmingham könne er die Kneipensänger technisch voranbringen.

Man sucht noch nach einem Biersponsor

Ansonsten haben sie die Überraschung meist auf ihrer Seite mit ungewöhnlichen Stücken von Kofelgschroas "Wäsche" über Wandas "Bologna" bis zu Prodigys "Out of Space", eine harte Nummer, mit der sich die Sänger erst zusammenraufen mussten - jetzt fordern sie es zum Abschluss der Open-Air-Probe und stürzen sich begeistert in den Technoteil mit viel "Boing" und "Ding" und improvisierter Percussion auf dem Kirschenplastikeimer.

Es herrscht - bei aller Disziplin - Klassenfahrtsstimmung. Die kann der Kneipenchor jetzt auf der ersten Tournee ausleben, im Juli fliegen 30 Sänger nach England, pennen in Bettenlagern, singen in Städtchen wie Coventry, Brighton oder Nottingham und feiern im Gründersinne - nur hierbei könnten sie Hilfe gebrauchen, sagt Lisa Reuter: "Wir suchen nach einem Biersponsor für die Reise."