Es gibt heiterere Zeiten in Chicago als diese, wenn Truppen der Nationalgarde vor der Tür stehen. Bis Samstag war nicht klar, ob die von Präsident Donald Trump entsandten Soldaten in der Metropole am Michigansee einmarschieren würden. In dem von Demokraten regierten Bundesstaat Illinois waren sie schon Tage zuvor angekommen. Der Grund: Seit Wochen gehen in Chicago – wie in vielen Städten der USA – Menschen auf die Straßen, um gegen die Razzien der Einwanderungsbehörde ICE zu protestieren. Und obwohl diese Proteste weitgehend friedlich verliefen, nahm Trump sie zum Anlass, um die Truppen zu entsenden. Am Samstag nun bestätigte ein Berufungsgericht eine einstweilige Verfügung vom Donnerstag, wonach die Nationalgarde vorerst nicht in Chicago eingesetzt werden darf.
Am Tag dazwischen, am Freitag also, herrschte dementsprechend eine etwas angespannte Lage in der Stadt, die selbst völlig unpolitische Ereignisse zu überschatten vermochte. Es war der Tag, an dem eine von der Künstlerin Judy Ledgerwood gestaltete Hochbahnstation wiedereröffnet wurde, worüber sich niemand glücklicher zeigte als Ledgerwood selbst. Die Keramik-Fliesen, die sie für die Gestaltung verwendete, hatte sie in den vergangenen Monaten in München entworfen und gefertigt. Und zwar in der Nymphenburger Porzellanmanufaktur.

Dass die Eröffnung nicht verschoben werden musste, dass sie nicht von patrouillierenden Soldaten begleitet wurde, sorgte allenthalben für Erleichterung. Ledgerwoods leuchtende Wandgestaltung dürfte nicht nur bei den Festgästen für gute Stimmung gesorgt haben, sondern auch den Fahrgästen guttun, ist sie doch ein fröhlicher Farbstreif am Horizont.
Die Station gehört zur Blue Line, die sich wie viele Bahnlinien in Chicago auf aufgestelzten Terrassen durch die Stadt schlängelt. Die Hochbahnlinie führt vom internationalen Flughafen O’Hare im äußersten Nordwesten der Stadt durch die Innenstadt über die West Side bis zum Vorort Forest Park im Südwesten. Seit zwei Jahren war die 1958 in Betrieb genommene Station Racine nahe der Chicagoer University of Illinois für eine Generalsanierung geschlossen.
Chicago, die Millionenstadt am Michigansee, die für ihre kalten Winterwinde berüchtigt ist und deswegen auch den Beinamen „Windy City“ trägt, wäre nicht die Kulturstadt, die sie ist, wenn sie nicht bedeutende Künstlerinnen und Künstler mit solchen Projekten beauftragen würde. Denn die Stadt prägt nicht nur eine vielfältige Theater-, Klassik-, Jazz- und Blues-Szene. Bekannt ist sie auch für ihre großartige Hochhausarchitektur, deren Tradition von Mies van der Rohe bis heute reicht. Sie kann mit bedeutenden Museen punkten, allen voran das Art Institute of Chicago, und mit spielerischer Kunst im öffentlichen Raum wie der verspiegelten „Cloud Gate“ von Anish Kapoor.
Auch gesellschaftlich und politisch – der frühere US-Präsident Barack Obama hat hier lange gelebt und gearbeitet – gibt sich die Stadt liberal. Als Hochburg der Demokraten ist sie Donald Trump schon länger ein Dorn im Auge. Die Entsendung der Nationalgarde nach Chicago kann man durchaus in diesem Zusammenhang sehen. Doch die Stadt wehrt sich juristisch – momentan erfolgreich.

Die CTA als Betreiber des öffentlichen Nahverkehrs hatte im vergangenen Jahr den Auftrag für die Gestaltung der Racine-Station an Ledgerwood vergeben. Sie lebt seit ihren Studientagen in Chicago. Das war auch ein Grund für die Auftragsvergabe, wie der Ankündigung der CTA zu entnehmen war. Die Stadt ist stolz auf die ansässigen Künstlerinnen und Künstler. Ledgerwood ist zudem seit mehr als 40 Jahren international bekannt für ihre monumentalen Gemälde und Wandmalereien, in denen sie Licht, Farbe und Raum in Beziehung setzt. Auch das Münchner Publikum konnte ihren Werken schon mehrfach begegnen, denn die früher in München ansässige Galerie Häusler Contemporary hat sie jahrelang in Deutschland vertreten.
„Durch Häuslers“, sagt Judy Ledgerwood, „lernte ich auch die Nymphenburger Porzellanmanufaktur und ihre Werkstätten kennen“. 2012 habe sie erstmals dort gearbeitet, damals mit Porzellan. „Seither war ich jeden Sommer für zwei Wochen hier.“ Mehr ging nicht, denn bis vor einiger Zeit lehrte die Künstlerin an einer Chicagoer Universität. Inzwischen hat die 66-Jährige ihre Lehrtätigkeit beendet und entsprechend mehr Zeit.

Eine Idee für die Racine-Station hatte sie schnell, erzählte Ledgerwood bei einem ihrer Besuche im Sommer, als die Produktion der Fliesen in vollem Gange war: „Flowers for the Blue Line“. Sie habe sich für die Keramik-Technik entschieden, „weil das die größte Leuchtkraft hat und Licht und Energie in die Bahnstation bringt“, schwärmt sie. Außerdem durchlaufe der Arbeitsprozess bei der Keramik extrem verschiedene Stadien. Das reiche von weich und pudrig vor dem Brennen bis hin zu glänzend und strahlend danach. Und zugleich entfalte die Keramik ein transparentes Leuchten, das nie kalt und statisch sei, sondern sich immer mit dem Licht verändere und damit auch den Raum.
Ein komplettes Blumenband ist vier Elemente breit und 14 hoch, wobei je vier Teile eine Blume bilden. „Vier wegen der vier Himmelsrichtungen“, erklärt die Künstlerin, „denn die Station liegt an einer Kreuzung“. Außerdem stelle die Blume für sie einen „Spiegel der Vielfalt“ dar. Das Ganze sei wie ein Polygramm angelegt, das die „Vielfalt der Menschheit“ symbolisiere.

Und die Künstlerin hat ihnen Namen gegeben. In Nebenräumen der Nymphenburger Werkstätten hat sie Kombinationen ausprobiert. Da liegen Lisa und Francis neben Dotty und Pamela, an anderer Stelle tauchen Sally, Suzanne und Shirley auf.
Insgesamt müssen es wohl an die 800 einzelne Elemente sein, die Judy Ledgerwood mit Unterstützung der Mitarbeitenden der Nymphenburger Porzellanmanufaktur bemalt und gebrannt hat. 16 verschiedene Formen hat sie als Grundgerüst entworfen, jede Fliese wurde dann in unterschiedlichen Farben ausgemalt. So gleicht keine Blume der anderen, unterscheidet sich entweder in der Form oder in der Farbgebung oder beidem und ist somit einzigartig.
Mit Kunst im öffentlichen Raum hat Judy Ledgerwood viel Erfahrung. In den USA hat sie im Laufe der Jahre mehrere temporäre Projekte verwirklicht. In der Pariser Metro gibt es seit 2007 eine dauerhafte Installation. Nun hat auch ihre Heimatstadt Chicago eine bleibende. Die strahlt, was das Zeug hält. Das kann die Stadt in diesen düsteren Zeiten gut gebrauchen.

