Süddeutsche Zeitung

"Chi Hongkong Cuisine":Mehr als Vier-Saucen-Einerlei

Die Köche vieler chinesischer Restaurants scheinen zu glauben, dass Deutsche ihre Küche nur mögen, wenn sie Unmengen exotischer Gewürze verwenden. Das Chi im Glockenbachviertel hebt sich da wohltuend von den zahllosen Vier-Saucen-Restaurants ab - hier wird chinesisches Essen nicht nur vorgetäuscht.

Was ist das Geheimnis des Geschmacks? Dass alles frisch ist. Dass alles dezent ist. Nur ein Hauch. Nur eins neben das andere stellen. Nur die Nahrung mit ihrem Gewürz bekannt machen. Ein Gewürz ist keine Ohrfeige, ein Gewürz muss so sein wie ein Schmetterlingsflügel am Gesicht." Der Flügel eines Schmetterlings! Wie poetisch und wie weit entfernt von der Wirklichkeit!

In vielen Restaurants wäre man schon froh, wenn einen der Flügel eines Vogels am Gesicht berührte und nicht die Schwanzflosse eines Wals. Besonders in hiesigen Asien-Etablissements scheinen die Köche der Meinung zu sein, dass Deutsche ihre Küche nur goutieren, wenn sie Unmengen exotischer Gewürze in ihre vier Einheitssaucen werfen.

Dass diese Einschätzung falsch ist, zeigt die Tatsache, dass das Restaurant Chi in der Rumfordstraße immer proppenvoll ist, obwohl - oder gerade weil - man es dort versteht, dezent zu würzen und damit den Zutaten ihren eigenen Charakter zuzugestehen. Mit diesem Konzept unterscheidet sich die "Hongkong Cuisine" des Chi wohltuend von den zahllosen Vier-Saucen-Chinesen, die hierzulande chinesisches Essen nur vortäuschen.

Auch die Einrichtung des Chi kommt ohne den weithin üblichen Asia-Tand aus. Das dunkle Dekor der Wände und die schwarzen Tische mit roten Servietten wirken elegant und chic. Die Tische sind allerdings für größere Gruppen, bei denen sich jeder von allen Platten bedienen will, zu klein. Aber der geschickte Service meisterte die Platznot mit Bravour. Man richtete sich in der Enge ein und amüsierte sich noch dabei. Im Raum ist es, weil fast immer voll besetzt, recht laut.

Frisch und knusprig

Hinter der Theke krachten in der Eile immer wieder Gläser oder Geschirr ins Spülbecken, was auch von der Hintergrundmusik nicht gemildert wurde, die so leise und eintönig war, dass sie auch von einem quengelnden Handy hätte stammen können. Aber das Lokal hat eine so freundliche, familiäre Atmosphäre, dass wir uns leicht damit taten, über diese kleinen Misslichkeiten hinwegzulächeln.

Bei den Speisen war das gar nicht nötig. Nur der Spruch "Du bist, was du isst" auf der Karte reizte durchaus zum Lachen, denn wer will schon Schwein, Huhn oder Rind sein, wenn bereits die Pfanne lauert? Die Karte ist für ein Chinarestaurant verblüffend überschaubar. Die Vorspeisen und Suppen kosten etwa 4,30 bis 12,80 Euro (ein Entengericht, das leicht für zwei Personen reicht), Hauptgerichte von 12 bis 18 Euro, Desserts 3,80 Euro. Werktags gibt es preiswerte Mittagsmenüs.

Nun zu den Spezialitäten des Chi: Die kleine Wellness-Suppe, Kräuter, rote Datteln und Hühnerfleisch viele Stunden geköchelt, schmeckte nicht nur gesund, sondern auch sehr gut und machte Gaumen und Magen bereit für die folgenden Gänge. Bei den Vorspeisen sollte man auf keinen Fall das in Tempuramehl gebackene Soft-Shell-Krebsfleisch übergehen und nicht die Dim Sums, kleine gedämpfte Teigtaschen mit unterschiedlichen Füllungen. Aber auch die gebackenen Wan-Tans und Hongkong-Röllchen waren köstlich frisch und knusprig.

Bei den Hauptgerichten ist die Aromatic Duck einfach Pflicht. Die Ente, in Kräuter eingelegt, erst gedünstet und dann gebraten, zerging auf der Zunge und hatte trotzdem eine rösche Haut. Das aromatische Entenfleisch gibt es auch als Vorspeise, wobei es mit Lauchzwiebel- und Gurkenstreifen in gedämpfte Pfannkuchen einzuwickeln ist - ein etwas mühsames Unterfangen. Zu Recht beliebt bei den Gästen ist das in Streifen geschnittene Entrecote, mit schwarzem Pfeffer gebraten und auf frischem Wok-Gemüse serviert. Dieses Wok-Gemüse, Spargelbohnen, großblättrige Brunnenkresse und Pok Choy, kurz gebraten, war ein Genuss für sich.

Ob gebratene Reisnudeln mit Krabben oder mit Streifen von Hühnerfleisch und Entrecote: Nichts gab es zu mäkeln. Besonders köstlich waren die gebratenen Schweinebauchscheiben in dunkler, würziger Sauce.

Etwas mehr Fischgerichte als im Chi angeboten, dürfte der Gast bei Hongkong Cuisine eigentlich erwarten. Dass die Küche mit dem Meeresgetier umzugehen versteht, bewies sie beim feinen Tintenfischsalat mit Limettensaft und frischem Chili und auch beim zarten, perfekt filetierten Wolfsbarsch, der ebenfalls mit Limettensaft überträufelt war. Die Desserts - gedämpfte Klebereisbällchen mit Mango oder im Teigmantel gebackenes Eis - waren eine recht gewöhnungsbedürftige Angelegenheit.

Das Zitat über den Geschmack eingangs stammt übrigens aus dem Roman "Judiths Liebe" von Meir Shalev. Das Buch ist ebenso zu empfehlen wie das Chi Hongkong Cuisine.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.1250730
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 05.01.2012/sonn
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.