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Staatsoper:Dieser Mann choreografierte schon für Beyoncé

Sidi Larbi Cherkaoui

Sidi Larbi Cherkaoui

(Foto: Joris Casaer)

Hochkultur oder Mainstream, in solchen Kategorien denkt er nicht: Sidi Larbi Cherkaoui arbeitete am Video zu "Apeshit" mit. Nun inszeniert er in München Glucks "Alceste".

Der magische Name fällt nach etwa zehn Minuten des Gesprächs, ganz nebenbei, als handle es sich nicht um einen der bedeutendsten Popstars der Welt, sondern um eine Freundin, um die sich Sidi Larbi Cherkaoui sorgt, um Beyoncé. "Künstler bewerten und werden die ganze Zeit bewertet", sagt er, "Beyoncé zum Beispiel, egal, was sie trägt, die Menschen beurteilen es, das ist ungeheuer anstrengend. Meiner Meinung nach kann kein Geld der Welt es aufwiegen, sich dem Tag für Tag auszusetzen."

Cherkaoui choreografierte vergangenes Jahr das Video zu "Apeshit" von Beyoncé und Jay Z, dem Königspaar des Pop, das für immenses Aufsehen sorgte. Dann springt Cherkaoui elegant zu "Alceste", der Oper, die er gerade an der Bayerischen Staatsoper inszeniert und choreografiert. Im Zentrum steht dabei eine andere Königin, eine, die sich für ihren Mann opfert. "Könige und Königinnen, die haben doch auch ein schreckliches Leben, die müssen den ganzen Tag repräsentieren und können kein freies Leben führen", sagt Cherkaoui, der beim Reden seine Hände so sanft bewegt, als forme er kleine Skulpturen aus Watte.

Cherkaoui, 43, Belgier marokkanischer Abstammung, ist ein Choreograf, der mühelos zwischen den Genres wechselt. Er ist nicht nur Leiter des Königlichen Balletts von Flandern in Antwerpen, er hat auch seine eigene Dance-Company "Eastman", was, das erzählt er, in etwa der Bedeutung seines Nachnamens Cherkaoui entspricht, "Mann von dort, wo die Sonne aufgeht". Er choreografiert für den "Cirque du Soleil", für Sigur Rós und eben auch für Beyoncé. "Wenn mich Freunde fragen, warum ich so viel mache, sage ich: Das ist die einzige Art, wie ich irgendwas machen kann." Läge alles Gewicht auf nur einem Projekt, die Realität dieser Sache würde ihm Angst einjagen, sagt er.

Gerade hat Cherkaoui am Londoner Royal Opera House "Medusa" inszeniert, die Kritiken waren mäßig, das beschäftigt ihn, obwohl er sich vorgenommen hat, sich von Kritiken nicht mehr beeinflussen zu lassen. Aber er ist ein sensibler Mensch, einer, der den Austausch mit der Welt eigentlich dringend sucht und zum Arbeiten braucht. "Ich habe keine Angst davor, meine Meinung zu ändern", sagt er, und "es ist doch wichtig, dass man das, was man glaubt zu wissen, immer wieder auf die Probe stellt." Wahrscheinlich ist es das, was er meint, wenn er seine Arbeitsweise "hierarchielos" nennt: der unermüdliche Wille zum Austausch mit anderen. Dabei ist es ihm auch egal, ob er mit Popstars arbeitet oder, wie jetzt, mit Dirigent Antonello Manacorda an "Alceste". Hochkultur oder Mainstream, in solchen Kategorien denkt er nicht.

"Man muss immer das Warum verstehen"

An der Oper von Gluck fasziniert Cherkaoui natürlich die Opferbereitschaft von Alceste (Dorothea Röschmann), die den Göttern anbietet, sie anstelle ihres sterbenden Mannes Admète (Charles Castro) zu nehmen. Die Verbissenheit, mit der sie am Leben festhält, rührt ihn deshalb, weil es ein so menschliches Streben sei. Der Vorgang des Sterbens ist für Cherkaoui etwas Dynamisches, eine Bewegung, vielleicht in einen Himmel oder eine Hölle. Jedenfalls nichts Statisches. Somit eigne sich die Oper gut für eine begleitende Choreografie. Tänzer seiner Company werden die Leerstellen füllen, die das Sterben, aber auch das Lieben der Figuren ausdrücken. Die Bewegungen der Tänzer sind dann später bei der Probe so fließend wie Cherkaouis Handbewegungen, von großer Sanftheit beinahe, nie aufdringlich.

Alceste

Sidi Larbi Cherkaoui inszeniert in München den Opernauftritt der antiken Königin Alceste (Dorothea Röschmann).

(Foto: Wilfried Hösl)

Cherkaoui käme es daher auch nicht in den Sinn, damit zu prahlen, dass ihn Beyoncé und Jay Z persönlich kontaktiert haben. Sie ihn. Weil sie ihn für ihr Video wollten. Er erwähnt auch nicht, dass das Video als popkulturelles Meisterstück gefeiert wird und inzwischen von mehr als 172 Millionen Menschen gesehen wurde. Das Königspaar des Pop kaperte für "Apeshit" mal kurz den Louvre und eroberte die von Weißen gemachte Kunstsammlung, in der Schwarze nur als Sklaven vorkommen, wenn überhaupt.

Man sieht schwarze Tänzer auf der Treppe vor der Nike von Samothrake tanzen, man sieht Beyoncé und eine Frauen-Entourage, die sich vor der "Krönung des Kaisers Napoleon und der Kaiserin Josephine" rekeln. Genial? Ach. Die besten Ideen seien von Regisseur Ricky Saiz gekommen und von Beyoncé und Jay Z selbst, sagt Cherkaoui. Ihm gefiel einfach die politische Idee des Videos, das eurozentristische Weltbild zu hinterfragen, also machte er mit. "Man muss immer das Warum verstehen", sagt Cherkaoui, "dann macht es keinen Unterschied für mich, ob es eine Oper oder ein Rap-Video ist." Kurz überlegt er laut, ob er es schade finden soll, dass ihn jetzt alle vor allem auf Beyoncé ansprechen. Dann entscheidet er sich dagegen.

Alceste, Premiere am Sonntag, 26. Mai, 18 Uhr, Bayerische Staatsoper

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