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Fan-Feier in München:Corona steht morgen wieder auf der Tagesordnung

Als das langersehnte Tor für den FC Bayern fällt, fliegen die Masken beim Public Viewing in München in den Himmel. Mit Schlusspfiff sind Abstandsregeln endgültig vergessen. Über einen Fan-Abend in Pandemie-Zeiten.

Von Hanna Emunds, München

"Ich bin mir sicher, wenn wir die Champions League gewinnen, kann Neymar Weltfußballer werden." Dieser Satz von Kylian Mbappé über seinen Teamkollegen reicht, um Buhrufe im "Backstage" lautwerden zu lassen. Neymar, Weltfußballer? Das hören die FC-Bayern-Fans, die sich an diesem Sonntagabend hier zum Public Viewing des Champions-League-Finales zwischen ihrem Verein und Paris Saint-Germain zusammengefunden haben, gar nicht gerne. "Schmarrn!", tönt es aus den hinteren Reihen. Der Einzige, der den Titel Weltfußballer wirklich verdient habe, sei Robert Lewandowski.

Weiter vorne werden erbost Mittelfinger in Richtung des Bildschirms gereckt. Kurz darauf ist das Ganze dann aber auch schon wieder vergessen. Oliver Kahn spricht über Emotionalität und innere Stärke, die die Bayern zum Sieg führen könnten. Masskrüge klirren aneinander, Schaum spritzt, irgendwo stimmt jemand Fangesänge an. Super-Bayern, olé!

Noch sind es drei Stunden bis zum Anpfiff. Die Bierbänke, die auf dem ganzen Gelände des "Backstage" mit akkurat abgemessenen anderthalb Metern Abstand verteilt stehen, füllen sich trotzdem bereits. Der Abend ist ausverkauft, im Vorfeld des Spiels konnten Gruppenkarten online erstanden werden. Damit Münchner Fanzusammenschlüsse, die samt Flaggen und individualisierten Fangesängen angereist sind, auch als Gruppe beieinandersitzen können. Trotz Pandemie-Bedingungen.

Die Uniform dieses Abends ist klar und das nicht nur bei den Fanclubs: Lederhosen, Bayern-Trikot und Maske. In Rot-Weiß-Blau, versteht sich. An einem der Tische prosten sich Lewandowski-, Müller- und Boateng-Verehrer zu und teilen als Zeichen der internationalen Freundschaft dann gleich auch noch eine Packung Zigaretten. Über ihnen dreht sich langsam eine Diskokugel, im Hintergrund dröhnt Techno aus den Boxen. Andere haben Kartenspiele dabei, um sich die lange Wartezeit bis zum Anpfiff zu vertreiben. Es werden Brezn geteilt und über die aktuelle Situation im Homeoffice diskutiert.

Als die Spieler das Feld betreten, wird die Stimmung ausgelassener. Sei es, weil der FC Bayern nach sieben Jahren endlich wieder die Chance auf das Triple hat oder weil die Anwesenden dem Alkohol bereits gut zugesprochen haben. Oder einfach, weil die Corona-bedingte Abstinenz von Feierlichkeiten jeder Art einfach zu etwas ausschweifenderem Verhalten führt. Wahrscheinlich ein bisschen von allem.

Schon drei Stunden vor Spielbeginn hat sich das Münchner Backstage zum Public Viewing gefüllt.

(Foto: Stephan Rumpf)

Die folgenden 90 Minuten sind geprägt von entrüsteten Rufen, verzweifeltem An-den-Kopf-Fassen und der typischen Fußballfan-Handbewegung: ausgestreckter Arm mit vorwurfsvoll aufgefächerter Hand. Die Dreierkombination ist immer dann zu beobachten, wenn Bayern den Ball verliert ("Was spielen die sich denn da zusammen?"), es gilt, einen Schiri-Fehler zu monieren ("Foul? Das war Ball gespielt!") oder Neymar am Boden liegt ("So ein Schauspieler!") .

Nach 59 Minuten dann das ersehnte Tor für die Bayern. Endlich. Man liegt sich in den Armen, schlägt ein oder wirft die Maske schwungvoll in den Himmel, um sie danach schnell wieder aufzusetzen. Die nächste Maß muss schließlich geholt werden. Nach 95 Minuten ist es dann soweit: Der FC Bayern München gewinnt das Champions-League-Finale. Das "Backstage" tobt, Fahnen werden geschwungen, der ein oder andere verdrückt sogar ein Tränchen. Abstandsregeln sind vergessen, Corona steht morgen wieder auf der Tagesordnung. Heute ist Fußball angesagt.

Wer jetzt noch fahrtüchtig ist, macht sich auf den Weg zum Siegestor. Hier versammeln sich wie gewohnt die feiernden Fans - trotz Corona und mit wenig Abstand. Dafür mit umso mehr Pyrotechnik, die die Umgebung in rötlichen Rauch hüllt. Durch die Gesänge schallt die Durchsage der Polizei, man möge doch bitte an den Mindestabstand denken. Aber Platz wird nur dem hupenden Autokorso gemacht, der sich von der Ludwig- in die Leopoldstraße schiebt. Mehrere Tausend Fans kommen dorthin, auch am Marienplatz versammeln sich mehrere Hundert Menschen, wie die Polizei wissen lässt. Sie spricht aber von einer ruhigen Lage. "Es hat sich im Laufe der Nacht dann relativ lautlos aufgelöst", sagt später dann ein Sprecher der Polizei, die in dieser Nacht mit etwa 150 Beamten mehr im Einsatz ist als üblich.

Während am Marienplatz die Feierei schon nach etwa einer Stunde wieder vorbei ist, geht es am Siegestor länger. Von dort aus machen sich laut Polizei dann auch einige Hundert Menschen noch auf den Weg zum Odeonsplatz, wo sie sich dann zerstreuen. Die Polizei nimmt vorübergehend mehr als zehn Personen fest - vor allem weil sie in der Menge Pyrotechnik zünden.

Über ihnen allen, an das Siegestor projiziert, leuchtet in Rot der offenbar einzig wichtige Satz dieser Nacht: "Mission Accomplished".

© SZ.de/jobr/mkoh/kast
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