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Champagner:À votre santé!

Die gebürtige Französin Valérie Hattat-Decker verkauft seit drei Jahren in Schäftlarn ihren Champagner. Die Trauben bekommt sie vom Weingut, das die Großeltern ihres Mannes einst gegründet haben.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Vor drei Jahren hat sich die Französin Valérie Hattat-Decker zur Winzerin ausbilden lassen und produziert in ihrer Heimat Champagner. Der kommt auch in ihrem zweiten Zuhause Schäftlarn gut an

Von Marie Hesslinger, Schäftlarn

An der Wand im Keller von Valérie Hattat-Decker hängt ein Stück Vergangenheit. Auf einem Bild lächeln die Großeltern ihres Mannes in den Raum hinein, wo Hattat-Decker nun eine Flasche Rosé-Schaumwein öffnet. Als die beiden französischen Bauern sich für dieses Foto aufgestellt haben, wären sie wohl nie auf die Idee gekommen, eines Tages goldumrahmt in einem Keller in Schäftlarn zu hängen. Aber genau so ist es. Die Französin Hattat-Decker betreibt dort einen Winzerladen.

"Wo soll ich anfangen", sagt die 45-Jährige jetzt und nimmt den ersten Schluck. Der Champagner hat die Farbe von klarem Rhabarbersaft, die kleinen Perlen erinnern an vergangene Sommerabende. Früher war Rosé rosafarben, weil Traubenschalen mitgemischt wurden. "Heute sind 15 Prozent Rotwein drin", erklärt Hattat-Decker. Ihr sprudelnder Rosé schmeckt nach Beeren, ganz leicht bitter und sauer.

"Champagner ist eine Mischung aus unterschiedlichen Trauben", sagt Hattat-Decker, "wie ein Parfum." Schwarzriesling, Spätburgunder und Chardonnay sind die Trauben, die dafür aus verschiedenen Jahrgängen gemischt werden. Drei Ausnahmen gibt es: In ihren Champagner "Blanc de Blancs" mischt Hattat-Decker nur Chardonnay aus unterschiedlichen Erntejahren. In "Blanc de Noirs" nur Schwarzriesling und in den "Vintage" verschiedene Trauben aus einem Jahrgang.

"Warum ist Champagner so teuer?", wird Hattat-Decker häufig gefragt. "Was niemand weiß, ist, dass die Trauben so teuer sind", sagt sie. Die Böden in der Champagne sind besonders kalkhaltig und wertvoll, die Preise für den Anbau dementsprechend hoch. Nur wer seinen Schaumwein in der Champagne herstellt, darf ihn auch Champagner nennen. Während man in anderen Regionen von Preisen pro 100 Kilo spreche, handele man in der Champagne mit Preisen pro Kilogramm. "In einer Flasche sind schon fast zehn Euro Trauben drin", sagt Hattat-Decker, "und dann muss man auch den großen, langen Entstehungsprozess berücksichtigen."

Anders als bei Sekt unterliegt die Herstellung von Champagner bestimmten Regeln. Seine Gärung erfolgt in drei Phasen: Zunächst gären die Säfte der unterschiedlichen Trauben einzeln für sich. Anschließend werden die Weine vermischt, in Flaschen gefüllt und mit Hefe und Zucker versehen. Die zweite Gärung erfolgt - Kohlensäure entsteht. Bis zu drei Jahre werden die Flaschen so aufbewahrt. Am Ende werden sie etwa zehn Tage lang kopfüber gelagert, damit die Hefe in den Flaschenhals wandert. Danach erfolgt das für Champagner typische "Degorgieren". Die Flaschenhälse werden schockgefroren und nacheinander geöffnet, die tiefgefrorenen Hefeklumpen schießen heraus. Die Flaschen werden daraufhin mit Traubensaft und Zucker aufgefüllt. Der Zuckeranteil bestimmt, wie trocken der Champagner wird. Am Ende der Gärung schlummern in jeder Flasche sechs Bar Druck. "Das ist viel", sagt Hattat-Decker, "die Flaschen müssen stark sein." Und eine weitere Champagner-Regel: Ernten darf man die Trauben nur von Hand - das macht Hattat-Decker besonders gern.

"Ich liebe es einfach, in den Weinbergen unterwegs zu sein", sagt sie und schenkt Champagner nach. Sie erzählt von Muskelkater bis in die Zehenspitzen und Picknickpausen mit Champagner. Für die rund zweiwöchige Erntezeit fahren Busse voller Arbeiter in den Nordosten Frankreichs. "Bei uns ist das sehr familiär, mit Freunden und Kindern von Freunden", sagt die Winzerin. Etwas mehr als ein Zehntel Hektar Land bewirtschaftet sie derzeit dort. In ein paar Jahren sollen es, mit einer neuen Pacht, 0,75 Hektar sein.

In Hattat-Deckers Weinkeller hängt ein weiteres Bild. Es zeigt grüne Weinreben, die den Hügel hinaufstreben zur Église Saint Martin. Seit dem 12. Jahrhundert steht die Kirche dort oben über dem Dorf Chavot-Courcourt. "Alle Maler malen diese Kirche", sagt sie. Dort, bei Epernay, haben die Großeltern von Hattat-Deckers Ehemann 1961 damit begonnen, ihren eigenen Champagner herzustellen.

Als Hattat-Decker jünger war, stellte sie sich vor, als Geschäftsfrau um die Welt zu reisen. Im Studium lernte sie dann aber ihren Mann kennen - und alles kam anders. Er beeindruckte sie mit einem Champagner-Frühstück. Die beiden bekamen vier Kinder. Vor 15 Jahren zog die Familie nach Deutschland. Hattat-Deckers Mann wurde nach München und später nach Düsseldorf versetzt. Geplant waren drei Jahre, "aber es wurde verlängert und verlängert", sagt Hattat-Decker. Sie wollte Deutsch lernen und begann, den Champagner ihrer Schwiegereltern zu verkaufen. "Das waren nur ein paar Kisten pro Jahr."

Vor drei Jahren beschloss sie dann, sich zur Champagner-Winzerin ausbilden zu lassen. Seitdem fährt sie alle zwei Monate in die Weinberge, ihre Familie hilft mit. 3000 Flaschen verkauft sie im Jahr - die meisten in Bayern. Darüber hinaus vertreibt Hattat-Decker Wein. "Ich komme aus Burgund, deshalb verkaufe ich vor allem Burgunder", sagt sie. Und Bier? "Da habe ich keine Chance", sagt die Französin und lacht. "Als Begleitung für Wurst oder Breze ist ein Bier aber perfekt."

Bei den Menschen in Schäftlarn im Ortsteil Neufahrn kommt ihr Champagner jedoch gut an, die Familie hat sich von Anfang an willkommen gefühlt. "Wir sind jetzt seit fünf Jahren in Neufahrn und fühlen uns wie zu Hause", sagt Hattat-Decker. "Es gibt viele Feste hier", schwärmt sie, "Neufahrn ist super dynamisch." Ihr Mann ist nun Feuerwehrmann, "er hat hier gemacht die Ausbildung auf Bayerisch", sagt die Winzerin mit ihrem wunderbaren französischen Akzent. Freitags spielt er Schafkopf im Schützenverein, die zehnjährige Tochter geht zum Schießen. Und Valérie Hattat-Decker sagt: "Jetzt ist der Champagner bei jedem Winterzauber oder Fasching dabei - auch eine Form der Integration."

© SZ vom 15.04.2020
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