An diesem Abend im Arri-Kino gibt es zwei Lager, die Ahnungslosen und die Alleswisser. Die einen, darunter der frühere Nationaltorhüter Jens Lehmann, haben offenbar noch nie etwas gehört von der kultigen Theaterperformance "Caveman", die seit den Nullerjahren auch das deutsche Publikum begeisterte: "Ich bin leider blank, mich hat einer der Produzenten eingeladen", sagt Lehmann, der mit seinem Sohn Mats zur Premiere des gleichnamigen Films gekommen ist. Die anderen haben sehr präzise Erinnerungen an das Stück, in dem ein männlicher Erzähler zwei Stunden lang von seinen verzweifelten Versuchen berichtet, die Frauen in ihrem anmutigen Wahnsinn zu verstehen und dabei nicht selbst durchzudrehen.
Die Münchner Kommunalreferentin Kristina Frank zählt eindeutig zu den "Caveman"-Kennerinnen. "Ich bin mir nur nicht mehr ganz sicher, ob ich damals mit meinen Freundinnen oder mit meinem Mann im Theaterzelt war", sagt sie mit einem extrabreiten Grinsen. Frank ist jedenfalls gespannt, ob das gelungen ist - aus einer damals sehr lustigen One-Man-Broadway-Show, die bereits eine hochkondensierte Form sämtlicher Geschlechterklischees war, einen Kinofilm zu machen, der auch im Jahr 2023 funktioniert.
Bevor dieser Feldversuch startet, müssen die Darsteller erst mal den Parcours vor der Fotowand absolvieren. "Caveman" Moritz Bleibtreu und seine Filmpartnerin Laura Tonke, der beste Buddy des frustrierten Helden, Wotan Wilke Möhring, und seine Angebetete Martina Hill bemühen sich nach Kräften, in die ausgestreckten Mikros halbwegs plausible Sätze zu sprechen über das größte Missverständnis der Menschheitsgeschichte - das zwischen Männern und Frauen. "Wenn man diesen Film schaut und sich nicht wenigstens ein bisschen wiedererkennt, dann lügt man", sagt Möhring. Direkt neben ihm gibt die Comedy-gestählte Martina Hill ihr zwölftes Interview und beteuert, dass ein halbwegs beziehungstauglicher Mann bei ihr "alles darf, ich will ihm da keine Grenze setzen".

Nach reichlich Vorgeplänkel beginnt der Film, den die Regisseurin, Drehbuchautorin und Schriftstellerin Laura Lackmann ("Mängelexemplar") als kreischbunte Klamotte inszeniert hat. Während das Erfolgsstück, das immer noch auf deutschen Bühnen läuft, ganz auf den Sprachwitz des überforderten, aber auch nicht komplett tumben Mannes setzt, versucht der Film, auf andere Weise komisch zu sein. Etwa durch die Selbstbespiegelung des routiniert aneinander vorbeiredenden Paares vor dem Badezimmerspiegel, mit Gastauftritten prominenter Darsteller wie Jürgen Vogel, Thomas Hermanns oder Alexandra Neldel und natürlich mit dem Alter Ego des vom Geschlechterkampf ermatteten Autohändlers, dem sporadisch durch die Kulissen tapernden Steinzeitmenschen, einer sehr behaarten Version von Moritz Bleibtreu.
Der Zuschauer spürt anschwellendes Mitleid
Wenn es das Ziel dieser "Caveman"-Interpretation war, dass man beim Zuschauen ein stark anschwellendes Mitleid spürt, dann ist zumindest das restlos gelungen. Männer sind, so die Aussage dieses Films, nicht nur kommunikative Volldeppen und emotionale Armleuchter, sie wissen auch rein gar nichts über ihre eigenen Bedürfnisse. Noch dazu schauen sie aus wie schlechte Comedians, die aus der Zeit gefallen sind; sie machen die immergleichen Sprüche, wenn sie sich nicht gerade selbst bemitleiden - denn insgeheim will der aus seiner Höhle ans Licht strebende Mann ja gar kein Mario Barth mehr sein. Er wäre gerne ein besserer Mensch, obwohl er selbst zum Fensterputzen zu doof ist, sich ausschließlich von Pizza ernährt und nicht mal die sehr schlichte App bedienen kann, die einem helfen soll, seine Partnerin oral zu befriedigen. Zum Fremdschämen, das alles. Allerdings trägt Moritz Bleibtreu im Film einen wirklich hinreißenden blauen Pullover, ein Zufallstreffer in der Boutique von Guido Maria Kretschmer, in die ihn seine Lebensgefährtin geschleppt hat.
Sieben Sekunden dauert der Applaus, dann darf das Filmteam auf die Bühne, angetrieben von der enthusiasmierten Regisseurin. Moritz Bleibtreu verdient einen Tapferkeitsorden, als er die Komödie als "herzliche und intelligente Albernheit" anpreist. Dass das Publikum in rasender Freude "die Filmsitze rausreißt und ausflippt", wie es sich Constantin-Verleihchef Torsten Koch wünscht, ist nach dieser Premiere allerdings eher unwahrscheinlich.
