Süddeutsche Zeitung

Cartoons im Amerikahaus:Böse Scherze

Zu politisch? Zu schräg? Oder schlicht zu dumm? "The rejection collection - Die besten Cartoons, die der 'New Yorker' nie druckte" sind jetzt im Amerikahaus zu sehen. Lachen ist bei dieser Ausstellung ausdrücklich erwünscht.

Sabine Buchwald

Es gibt viele Gründe, eine Zeichnung nicht zu drucken. Matthew Diffee, einer der besten amerikanischen Cartoonisten, kennt sie alle: zu niveaulos, zu düster, zu politisch, zu dumm, zu schwierig zu verstehen und so weiter. Was Diffee macht, wird regelmäßig gedruckt im New Yorker. Er gehört zur Riege der 40 bis 50 festen Zeichner dort. Und doch muss er, nicht anders als seine Kollegen, jede Woche aufs Neue mit der Enttäuschung leben, wenn die eingereichten Blätter abgewiesen werden.

Etwa zehn Ideen, freie Einfälle, keine Auftragsarbeiten, schickt jeder von ihnen regelmäßig dienstags in die Redaktion, erzählt Diffee. Was aber passiert mit all jenen, die als ungeeignet, vielleicht als zu böse oder zu schräg empfunden werden? Wenn sie nicht die Gnade einer anderen Zeitung oder einer Internetplattform finden, stapeln sich die meisten in Schubladen.

Bis auf jene Cartoons, die Matthew Diffee herauspickt für seine "Rejection Collection". Diese Sammlung hat er mittlerweile in zwei Büchern veröffentlicht. Beide Bände sind auch auf Deutsch erschienen unter dem Titel "Die besten Cartoons, die der New Yorker nie druckte" (Liebeskind Verlag). Dazu hat Diffee eine Ausstellung aus all diesen abgelehnten Zeichnungen zusammengestellt, die derzeit im Amerikahaus zu sehen ist.

Wann aber ist ein gezeichneter Witz gut genug - oder geeignet -, um gedruckt zu werden im New Yorker? Eine Frage, die den Redakteur Bob Mankoff Woche für Woche umtreibt. Denn er trifft die Vorentscheidung, der Chefredakteur, derzeit David Remnick, hat das letzte Wort.

4000 Arbeiten jeden Monat

Es heißt, Mankoff, selbst viele Jahre Cartoonist des Blattes, schaue sich wöchentlich um die 1000 Zeichnungen an. Auf seinem Tisch landen auch viele Arbeiten von freien Künstlern, die ihr Glück versuchen und nur zu gerne zu der produktiven Elite des Humors vordringen würden. Es kommt einem Adelsschlag gleich, im New Yorker zu veröffentlichen. Das macht 4000 Arbeiten, die Mankoff vor Augen hat, jeden Monat.

Seit 15 Jahren ist er der Chef-Cartoon-Aussucher des Magazins, das entgegen dem allgemeinen Trend im Printbereich in jeder Ausgabe mehr als ein Dutzend Zeichnungen, immer in Schwarz-Weiß, veröffentlicht. Es lohnt sich auch finanziell, die Redaktion mit Einfällen zu bombardieren.

Paul Noth, auch seine Cartoons erscheinen regelmäßig im New Yorker, begleitet Diffee zur Ausstellungseröffnung in München. Er druckst ein wenig herum, es ist ihm unangenehm, über Geld zu sprechen, und dann verrät er doch, dass etwa 850 Dollar das Minimum für eine Veröffentlichung seien. Alte Hasen bekämen auch gut das Doppelte. Diffee und Noth gehören zur jüngeren Generation der Zeichner.

Zu sehen ist die "Rejection Collection" im ersten Stock des Amerika Hauses; die Zeichnungen hängen gerahmt und ohne Kommentar an den Wänden. Man ahnt bald, warum es manche Zeichnungen nicht in das seit 1925 erscheinende Magazin geschafft haben, das über Events in der Metropole berichtet, Musik- und Buchkritiken druckt, aber vor allem mit gesellschaftspolitischen Essays seine Leserschaft erreicht.

Ist das lustig?

Bei manchen Witzen bleibt das Lachen im Hals stecken, bei einigen stellt es sich erst gar nicht ein. Humor ist eigentlich wunderbar individuell und doch muss die Pointe gerade in einem so heterogenen Land wie den USA wohl möglichst allgemeingültig sein. Sie sollte auf keinen Fall eine Gesellschaftsgruppe verletzen. Über verbreitete Klischees aber lacht es sich besonders gut.

Da ist zum Beispiel diese Zeichnung: Ein älteres Paar im Museum vor einem großformatigen Bild - es zeigt eine Hand, den Mittelfinger ausgestreckt. Der Text: "Ich glaube nicht, dass man es gut finden soll." Oder diese: Ein Mann liegt auf einer Arztliege, lutscht am Daumen, nur sein Kopf und Oberkörper sind zu sehen. Neben ihm sein Psychiater, der Folgendes sagt: "Mr. Hargraves, Daumenlutschen kann geheilt werden. Aber sprechen wir zuerst darüber, was Ihre andere Hand macht."

Ist das lustig? Moralisch für manchen Leser vielleicht nicht akzeptabel. Lustig ist aber das hier: Zwei Tauben unterhalten sich auf einem Mauervorsprung: "Wahrscheinlich hat mich Pollock am meisten beeinflusst." Ein Diffee-Cartoon, abgelehnt.

Was ist für ihn und Noth eine gelungene Zeichnung? Sie müsse etwas Überraschendes enthalten, sagen sie einmütig. "Sobald man etwas erklären muss, ist es nicht mehr lustig", sagt Diffee.

Zeichnerisch auf hohem Niveau

Zeichnerisch sind die Arbeiten allesamt auf hohem Niveau. Der Inhalt und die erläuternde Unterzeile - die "caption" - sind ausschlaggebend. Wie wichtig dem New Yorker gerade das Wort ist, mag der Aufruf an die Leser am Ende jedes Magazins zeigen, einen Text zu einer Zeichnung zu erfinden.

Um als Gewinner mit seinem Einfall und Namen veröffentlicht zu werden, muss man sich nicht nur mit dem jeweiligen Cartoon auseinandersetzen. Es bedarf einiger Übung im Fach Humor. Wohl nicht nur Diffee und Noth bedauern, dass sie mit ihren Zeichnungen in Konkurrenz stehen zum Genre Fotografie und dass immer weniger Zeitungen und Magazine Cartoons veröffentlichen.

Das Schöne und Besondere am New Yorker allerdings ist, dass die Cartoons nicht auf einer Humorseite zusammengepfercht werden, sondern beiläufig und dadurch umso überraschender in lange Texte eingebaut werden, mit denen sie inhaltlich nicht zusammenhängen. Da reicht dann auch ein kleines Format, um große Wirkung zu erzielen.

Die Ausstellung im Amerika Haus zeigt uns unsere eigenen Abgründe. Lachen ist hier ausdrücklich erwünscht.

"The rejection collection", bis 27. Juli, Amerikahaus, Karolinenplatz 3, Mo-Fr 10-17 Uhr, Mi 10-20 Uhr, Eintritt frei.

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Quelle:
SZ vom 09.07.2012/afis
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