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Carsharing-Boom:Ökologischer Effekt wird nicht erreicht

Bei steigenden Lebenshaltungskosten, insbesondere in Großstädten wie München, werde jeder Haushalt genau kalkulieren müssen, ob noch genügend übrig bleibt für das eigene Auto. Oder ob man mit einem Mix aus Fahrrad, öffentlichem Nahverkehr und Carsharing nicht günstiger fährt.

Allerdings gibt es auch kritische Stimmen. Willi Loose ist Geschäftsführer des Bundesverbands der Carsharing-Anbieter. Er hält nicht viel von neuen Angeboten wie Drive-Now und Car2go, hinter denen meist Autokonzerne wie BMW oder Daimler stehen. Deren Ziel sei es, auch künftig Autos zu verkaufen, und nicht, wie beim klassischen Carsharing, die Leute zum Umstieg auf Bus und Bahn zu bewegen. Und nur noch eine Art Rest-Auto anzubieten, etwa für die Fahrt in den Urlaub oder zum Möbelmarkt.

Ein ökologischer Effekt, nämlich weniger Autoverkehr in der Stadt, sei mit den neuen Carsharing-Modellen nicht zu erreichen. Stattdessen werde Menschen, die schon intensiv Busse und Bahnen nutzen, ein neues Auto-Angebot unterbreitet. Der öffentliche Nahverkehr könnte so kannibalisiert werden, fürchtet auch Wissenschaftler Bratzel. Zumindest dann, wenn das Netz der Verleiher immer dichter wird.

Tatsächlich bietet etwa BMW bei seinem Drive-Now-Modell ausdrücklich an, den Wagen nur in einer Richtung zu benutzen, also zum Beispiel in Schwabing anzumieten, und dann in einem anderen Viertel, etwa in Sendling, abzustellen - eine Strecke, die man auch mit der U-Bahn oder dem Rad bewältigen könnte.

Die Parklizenzregelung der Stadt gestattet es dem Nutzer auch, das Fahrzeug dort dann abzustellen, allerdings nur auf sogenannten Mischparkplätzen und nicht in Bereichen, die ausschließlich für Anwohner reserviert sind.

Entsprechend kontrovers diskutiert wurde die Einführung im Frühjahr 2011. Schließlich entschied sich der Stadtrat dennoch für das Projekt. Er legte jedoch drei zusätzliche Bedingungen fest: Die Parklizenzen sind befristet bis 2014, jeder Anbieter darf nicht mehr als 400 Autos aufstellen, und die Frage, ob sich ein ökologischer Effekt einstellt, muss am Ende des Projektzeitraums wissenschaftlich untersucht werden.

2014 wollen die Stadtpolitiker über eine Fortführung des Projekts entscheiden. Für Loose, den Verfechter des klassischen Carsharings, steht allerdings schon fest: Die neuen Angebote sind "Taxis zum Selberfahren" - mehr nicht.

Tatsächlich beäugt auch die Taxi-Branche die neuen Anbieter mit Argwohn. Vor ein paar Wochen stieg die Daimler-Vermiet-Tochter Car2go bei einem Software-Anbieter ein, der über Smartphones eine Taxi-Vermittlung anbietet. Erklärtes Ziel von Car2go ist es, die Software so aufzurüsten, dass künftig Taxi-Dienste und Mietauto-Angebote eng verknüpft werden.

Die Taxi München eG beschwerte sich mit einem bösen Brief bei den Stuttgartern. Die Befürchtung der Taxler: Am Ende könnten dem Nutzer vor allem die vielen Daimler-Mietautos in den Städten präsentiert werden. Und ihre Dienstleistung werde immer weniger gefragt.

© SZ vom 05.06.2012/tob

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