Caritas plant Immobilien-VerkaufLuxuswohnungen statt günstige Zimmer für Azubis und Studierende?

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Die Verhandlungen über den Verkauf des Caritas-Jugendwohnheims laufen. Was würde dieser Schritt für die Bewohnerinnen und Bewohner bedeuten?
Die Verhandlungen über den Verkauf des Caritas-Jugendwohnheims laufen. Was würde dieser Schritt für die Bewohnerinnen und Bewohner bedeuten? Catherina Hess
  • Die Caritas will ihr Jugendwohnheim an der Zieblandstraße verkaufen, in dem 125 Auszubildende und Studierende günstig wohnen.
  • Bewohner fürchten um ihre Wohnplätze, da Mietverträge nur noch um sechs Monate statt um ein Jahr verlängert werden.
  • Oberbürgermeister Reiter (SPD) wendet sich schriftlich an die Caritas und Kardinal Marx, um den Verlust von bezahlbarem Wohnraum zu verhindern.
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Die Caritas betreibt seit den 50er-Jahren mitten in der Münchner Innenstadt ein einzigartiges Wohnheim, in dem derzeit mehr als 100 junge Leute leben. Nun steht die wertvolle Immobilie vor dem Verkauf. Der Oberbürgermeister ist alarmiert.

Von Andrea Schlaier

Es ist ein Haus, das in München seinesgleichen sucht: An der Zieblandstraße 35, mitten in der Maxvorstadt, leben derzeit etwa 125 Auszubildende, Studierende und Freiwilligendienst-Leistende zu günstigen Konditionen. Für ihre zwischen sechs und 18 Quadratmeter großen möblierten Einzelzimmer mit Gemeinschaftsküche und Gemeinschaftsbad zahlen die jungen Menschen, darunter auch solche mit Fluchthintergrund, zwischen 350 und 530 Euro Miete. Seit die Caritas als Hauseigentümerin und Trägerin der Einrichtung im Frühjahr bekannt gemacht hat, sich vom Jugendwohnheim trennen und das Grundstück verkaufen zu wollen, sind Bewohnerinnen und Bewohner sowie die Stadtpolitik alarmiert. Auch Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) hat sich eingeschaltet.

Die Beteuerung vonseiten der Caritas, das Haus nach dem Verkauf vom neuen Eigentümer zu mieten, nach dem sogenannten Sale-and-Lease-Back-Verfahren, und es für wenigstens drei Jahre weiter als Jugendwohnheim nutzen zu wollen, beruhigt die Mieterinnen nicht im Geringsten. „Die Stimmung ist sehr schlecht“, sagen Bewohnerinnen und Bewohner, die nicht mit ihrem Namen in der Zeitung stehen wollen. „Wir haben Angst, dass unser Platz im Haus dann nicht mehr sicher ist und unsere Mietverträge nicht verlängert werden“, sagt eine junge Frau im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung.

Viele lebten seit Ausbildungs- beziehungsweise Studienbeginn hier Tür an Tür und wollten auch bis zum Abschluss ihrer Ausbildung bleiben, erzählt die Bewohnerin. Geschätzt werde auch die sozialpädagogische Betreuung im Haus. Einzelne seien aus Angst vor einem abrupten Rausschmiss inzwischen ausgezogen, nachdem die Caritas vor einem Monat angekündigt habe, Mietverträge nicht mehr verlängern zu wollen. „Aber wer kann es sich denn leisten auszuziehen, wenn man schon mal eine Bude hat?“, fragt eine Studentin.

Über Flüsterpost hätten sie nun mitbekommen, dass laufende Verträge doch verlängert werden würden, sagen Bewohner. Um ein halbes Jahr. Üblicherweise würden diese immer von Oktober bis Oktober um ein Jahr verlängert. Seit Wochen beobachte man Begehungen mit vermeintlichen Kaufinteressenten. Offiziell erfahre man von der Caritas aber nichts dazu, so eine Mieterin.

Es sei korrekt, sagt eine Sprecherin des Caritasverbands der Erzdiözese München und Freising auf SZ-Anfrage, dass aktuell abgelaufene Verträge „um erst einmal sechs Monate“ verlängert wurden. In Sicherheit wiegen kann sich deshalb aber wohl niemand. „Sollte ein Verkauf vor Ablauf der Laufzeit einzelner Verträge erfolgen, so werden die neuen Verträge mit einem möglichen neuen Eigentümer geschlossen“, erklärt die Sprecherin weiter.

Wie weit die Verkaufsverhandlungen überhaupt gediehen sind, bleibt auch auf Nachfrage unkonkret. Man wolle „den Prozess nicht (...) beeinträchtigen“. Nur so viel gibt man preis: Die Caritas sei in „sehr konstruktiven Gesprächen mit einem Partner, der die soziale Bedeutung der Immobilie erkennt und respektiert“. Gemeinsames Ziel sei es, „den Fortbestand des Wohnheims am Standort möglichst zu sichern“. Seit den 1950er-Jahren gibt es die Einrichtung an der Zieblandstraße.

Hoffen auf ein Veto von Kardinal Marx

Mit dem Verkauf von Grundstück und Immobilie verschafft sich der Caritasverband in zweierlei Hinsicht Luft: Er spart sich eine anstehende Sanierung, außerdem wird Kapital frei. Das scheint für den Verband vonnöten zu sein. „Im Zuge einer strategischen Neuausrichtung möchte man sich künftig auf den Betrieb sozialer Einrichtungen konzentrieren und reduziert daher seine Baulast“, heißt es von offizieller Seite. Man wolle sich in Zukunft auf seine Kernkompetenz fokussieren: den Betrieb von sozialen Einrichtungen, „nicht Immobilienbesitz“.

Die Caritas überprüfe davon abgesehen derzeit ihr komplettes Immobilien-Portfolio, das sich im Bereich der Erzdiözese in Oberbayern auf 100 Immobilien belaufe. Was kann bleiben, was soll weg? Neubauten seien aktuell nicht vorgesehen, bereits geplante Vorhaben würden auch in München „geprüft“. Auskunft darüber, um welche „Baustellen“ es sich konkret handelt, will die Caritas-Sprecherin nicht geben.

Auch Oberbürgermeister Reiter bezieht in der Diskussion um die Immobilie in der Zieblandstraße Position. Der Bedarf an bezahlbarem Wohnraum für junge Menschen in München sei sehr hoch. Insbesondere Auszubildende hätten die Schwierigkeit, etwa geforderte Sicherheiten und Bürgschaften beizubringen. Auch deshalb falle es schwer zu akzeptieren, dass mit der Zieblandstraße fast 130 Plätze für Auszubildende mitten in der Stadt verloren gehen könnten, „was ich unbedingt zu verhindern suche“. Er habe sich deshalb schriftlich an die Caritas gewandt. In Kopie sei sein Schreiben auch an Kardinal Reinhard Marx gegangen – wohl mit der Hoffnung auf ein Machtwort.

Die Stadt selbst, sagt Reiter, könne das Haus aufgrund der aktuellen Haushaltslage nicht kaufen. Das Angebot vonseiten der Caritas habe es durchaus gegeben. Die Sorge, auch der Bewohner des Jugendwohnheims, dass an der Stelle nach dem Verkauf der Immobilie Luxuswohnungen in Bestlage entstehen könnten, kann Reiter nicht ganz entkräften. Eine Umwandlung des Jugend- und Studentenwohnheims in Eigentumswohnungen könne die Stadt nur eingeschränkt verhindern. Nachdem das Gebäude aber im Erhaltungssatzungsgebiet stehe, sei ein Veto durch die Stadt möglich, sollte eine Prüfung des Sozialreferats ergeben, dass die Umwandlung den Zielen des Milieuschutzes widerspreche.

Dass sich Reiter überhaupt eingeklinkt hat, liegt an der politischen Welle, die der zuständige Bezirksausschuss Maxvorstadt entfacht hatte. Das Gremium forderte einen runden Tisch unter Einbindung des Oberbürgermeisters, damit an der Zieblandstraße nicht dringend benötigter bezahlbarer Wohnraum zerstört werde und damit auch „ein stabiles, soziales Umfeld für viele junge Menschen“.

Richard Weiss, der für die Grünen im Ausschuss sitzt, führt ein Café gleich neben dem Wohnheim und ist in Kontakt mit einigen der Mieterinnen und Mieter. Einen möglichen Verkauf der Immobilie bezeichnet er als „Skandal“. Mit „solchen Aktionen“ habe für ihn „die Kirche keine Zukunft mehr“. Ein Haus wie das Jugendwohnheim zu betreiben, gehöre für ihn zu deren zentralen Aufgaben. Auch er setzt auf Kardinal Marx: Dieser sei der „einzige, der noch mit einem Veto einschreiten kann“.

Anmerkung der Redaktion: Durch die Formulierung, bei der Caritas werde durch einen Verkauf der Immobilie Kapital frei, dies scheine für den Verband vonnöten zu sein, sollte nicht der Eindruck erweckt werden, die Caritas stecke in finanziellen Schwierigkeiten. Die Caritas legt Wert auf die Feststellung, dies sei nicht der Fall.

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