Das Leuchten ihres Lächelns flutet den Club. Das Münchner Strom ist gut gefüllt. Mit einem Publikum, das auf so respektvolle Weise bereit ist zuzuhören, dass man Cara Rose dabei beobachten kann, wie sie ihre Melodien bis auf den letzten Tropfen austrinkt und der Hallfahne ihrer Stimme nachlauscht.
Es ist erstaunlich. Man findet im Netz wenig über die Sängerin aus Glasgow. Vor wenigen Tagen ist sie 28 geworden, erzählt ihr Instagram-Account. Man findet ihre Songs auf Streaming-Plattformen, auf Vinyl veröffentlicht sie ihre Musik im Eigenvertrieb: „Spring“ heißt ihr gerade erschienenes Album. Gerade ist sie unterwegs durch Europa: Von Deutschland geht es nach Österreich, dann in die Niederlande. Oft sind die Clubs ausverkauft. Und das ohne den Rückhalt einer Plattenfirma.
Das Münchner Publikum besteht mehrheitlich aus Frauen, den meisten Männern würde man mal unterstellen, als Begleiter hier gelandet zu sein. Cara Rose kriegt sie alle. Kein Song trumpft auf. Sie spielt impressionistische Soul-Miniaturen, mit einer Stimme, deren Vibrato eigentlich ein Tremolo ist, ein kontrolliertes Zittern, ein wenig wie bei Anohni, die ihren Durchbruch einst als Anthony Hegarty hatte. Cara Rose steht ungeschützt vor ihrem Publikum, ihr Publikum steht ungeschützt vor ihr. Nach dem ersten Song am Roland Stage-Piano kommt Ali Robertson an ihre Seite, spielt mal Gitarre, mal Piano und tupft als unprätentiös vollkommener Sidekick etwas Backgroundgesang in die Lieder.
Als sie das letzte Mal in Deutschland war, plaudert Cara Rose, da blickte sie aus dem Fenster auf Landschaft, las ein Gedicht von Emily Dickinson und wurde inspiriert zu einem sanft in der Morgenbrise schwebenden „How The Sun Rose“. Überhaupt, die Natur und der Soul: Ein Garten voll blühender blauer Hasenglöckchen ist es in „Spring“, der ihr Symbol wird für das Werden, Vergehen und die Menschlein in diesem Spiel. „Ich bin zu sensibel dafür, ich werde einen Unterschlupf bauen“, singt die Frau mit den raspelkurzen Haaren und großen goldenen Kreolen.
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Manchmal verliert sich das etwas in Gleichförmigkeit, wie ihre Stimme so bedächtig durch die Verse steigt und die Akkorde verhallen. Aber Cara Rose zieht das durch mit ästhetischer Konsequenz und einer Stimmkunst, bei der jede Phrasierung sitzt. Schon „Learn To Speak“, der erste Song, den sie veröffentlichte, war in greifbar minimalornamental verdichteter Melodik Pärchensprachlosigkeitsüberwindungshoffnung in voller Komplexität. Die einzige Coverversion, Chaka Khans „Ain’t Nobody“, zieht sie am Ende so sanft in ihre Welt, dass die Versuche mitzuklatschen schön scheitern. Ein Konzert als Gegenentwurf zur Schäbigkeit dieser Welt.

