Thomas Lechner und sein Candy Club:Die Lust am Anderssein

Lesezeit: 3 min

Thomas Lechner veranstaltet in München den "Candy Club", eine Partyreihe für Schwule, Lesben und Heteros. Die bunte Mischung unterschiedlicher Leute ist ihm dabei wichtig. Und gute Musik.

Tanja Schwarzenbach

Er trug Lammfelljacken mit langen Fransen, als sie schon längst nicht mehr Mode waren, und gebatikte Stoffhosen, als die Hippiezeit vorbei war. Immer war er etwas spät dran. Auch mit seinem Coming-Out, das nicht nur ein Bekenntnis, sondern vor allem auch ein Eingeständnis an sich selbst war. Thomas Lechner war 27, als er in seine neue Wohngemeinschaft in Haidhausen zog und sich mit den Worten vorstellte: "Ich bin wahrscheinlich schwul und muss das irgendwie hinkriegen."

Thomas Lechner

Veranstaltet seit 13 Jahren den "Candy Club": Thomas Lechner

(Foto: Florian Peljak)

Das war Ende der 1980er Jahre und Lechner noch ein unbekannter Name in der Schwulen- und Lesbenszene Münchens - ein Umstand, der sich spätestens mit dem "Candy Club" ändern sollte. Seit knapp 13 Jahren organisiert Lechner, 50, diese Partyreihe für Schwule, Lesben und Heteros. Und veranstaltet zudem das Queer Beats- und On3-Festival, das Puch-Openair und Pfingsttheatron. Vor ein paar Tagen erst stand er auf der Bühne der Freiheizhalle, trendig gekleidet mit hochgekrempelter Jeans und Sneakern, und verkündete selbstbewusst: "Ich bin Single. Die gute Nachricht daran ist: Ich bin noch zu haben!"

Thomas Lechner hat die Sache mit dem Schwulsein also "hingekriegt". Die erste Beziehung nach seinem Coming-Out glückte allerdings nicht so recht: eine Affäre mit einem heterosexuellen italienischen Koch - ein Kollege aus der Punk-Kneipe Café Normal. Die Liaison habe ja schief gehen müssen, sagt Lechner und kann heute darüber lachen. Damals aber trug er den Liebeskummer zu seiner Mutter, die beherzt fragte, ob es sich um einen Mann oder eine Frau drehe? Und als das geklärt war - ob der Chor an seiner Homosexualität schuld sei? Lechner lächelt bei der Erinnerung an die Reaktion seiner Mutter. Sie meinte den katholischen Knabenchor, in dem er siebeneinhalb Jahre lang sang und mit dem er in seiner Jugend durch 14 Länder gereist war. Ein ausschließlich musikalisches Abenteuer, dem in den 1980er Jahren auch politische Wagnisse folgten.

Die Achtziger waren das Jahrzehnt der politischen Turbulenzen - von der Durchsetzung des Nato-Doppelbeschlusses bis zu den Planungen für eine Wiederaufbereitungsanlage für atomare Brennstäbe in Wackersdorf. Lechner ging auf Demos und belagerte zehn Tage lang ein Gebäude in der Blutenburgstraße, obwohl Ministerpräsident Franz Josef Strauß angekündigt hatte, dass kein Haus in München länger als 24 Stunden besetzt bleiben werde. Lechner bewegte sich in der linken Szene, Freunde und Familie waren progressiv, doch das extrem konservative gesellschaftliche Umfeld und auch der Ausbruch von Aids hielten ihn zunächst davon ab, sich mit seiner Homosexualität auseinanderzusetzen.

Sich zum Schwulsein zu bekennen, hieß für Lechner auch, sich eingestehen zu müssen, einer Minderheit anzugehören - ein Gedanke, dem er später viel abgewinnen konnte: "Ich habe mich am Ende in meiner Minderheit sehr wohl gefühlt. Ich bin politisch weit links, habe immer eine andere Denke gehabt, bin ein Gastarbeiterkind aus Österreich - und schwul." Die Lust am Anderssein fand er in der Homosexuellen-Szene Münchens aber nicht erfüllt. Die Szene war, ganz im Gegenteil, homogen: Schwule Männer waren ähnlich gekleidet, in den Homosexuellen-Clubs wurde hauptsächlich Vocal-House gespielt - und Heteros mischten sich nicht drunter.

Lechner wollte in keinem "Ghetto" leben, er wollte Menschen unterschiedlichster Couleur zusammenbringen - und tat das, nach einigen Jobs in der Musikbranche, 1999 im Backstage mit seiner ersten "Candy Club"-Party. Die Dekoration habe zwar Schwulen-Klischees entsprochen, erinnert sich Lechner - den Raum füllte er mit Stofftieren von Flohmärkten und mit Luftballons, die zusammen mit Krepp-Papier-Schleifen aussahen wie Candys, Bonbons. Doch der Ort und vor allem die Musik waren außergewöhnlich - Independent, Gitarren. Das gefiel Homosexuellen wie auch Heteros und war ganz im Sinne Lechners. "Ich bin gegen Ausgrenzung, gleich welcher Art. Das Wort Toleranz mag ich nicht. Akzeptanz gefällt mir viel besser, es ist nicht so passiv."

Mit dieser Einstellung und der Arbeit als Veranstalter, DJ und Musikagent, bei der er auf Menschen traf, die nicht in gesellschaftlichen Normen denken, hat Lechner offenbar eine Menge Freunde gefunden. Auf seinem Geburtstagsfest in der Freiheizhalle klopften sie ihm auf die Schulter, umarmten ihn. Zu den Menschen, die ein Stück seines Lebens begleitet haben, hält er gerne Kontakt. Der italienische Koch zum Beispiel. Er lebt jetzt in den USA, hat dort eine Pizzeria - und Frau und Kinder.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB