Kritik:Alles nur aus Liebe

MUENCHEN: Campino auf der Sommerbühne / Olympia-Stadion - Lesung: 'Hope Street. Wie ich einmal englischer Meister wurde'

Nur Lesung? Dafür ist Campino viel zu sehr Punk. Ohne Songs der "Toten Hosen" geht hier keiner heim.

(Foto: Johannes Simon)

Campino liest im Olympiastadion aus seinem neuen Buch, plaudert über seine Liebe zum Fußball und Backstage-Erlebnisse - und singt Hits der "Hosen".

Von Veronika Kügle, München

"Es kann so viel passieren, es kann so viel geschehen, nur eins weiß ich hundertprozentig, nie im Leben würde ich zu Bayern gehen!", sang Campino Ende der 90er Jahre gemeinsam mit den Toten Hosen, damals war sich der Leadsänger seiner Sache sehr sicher gewesen. Uli Hoeneß hatte mit "Die Toten Hosen? Das ist der Dreck, an dem unsere Gesellschaft mal ersticken wird" reagiert, wahrscheinlich "der schönste Satz, der je über uns gesagt wurde", sagt Campino, und ein Grinsen zieht über sein Gesicht, so breit, dass selbst die hintersten Reihen im Olympiastadion es sehen können. Doch auch wenn der FC-Liverpool-Fan es damals nie glauben hätte können: Am Dienstagabend steht er gemeinsam mit Bandkollege Kuddel auf der Sommerbühne im Olympiapark und darf sein neues Buch vorstellen. "Hope Street" heißt das, benannt nach der Straße in Liverpool, in der auch das Hotel zu finden ist, in dem die Mannschaft des Traditionsvereins vor Heimspielen übernachtet.

Abwechselnd liest und singt Campino, auf altbekannte Tote-Hosen-Hits folgen längere Passagen aus seinem Buch, auf freche Witze Fangesänge. Zum Vorlesen setzt sich Campino an einen Tisch, an dem vorne ein FC-Liverpool-Schal befestigt ist. Die Bühne ist in rotes Licht getränkt, im Hintergrund hängen England-Fahnen. Der Sänger entpuppt sich als geborener Geschichtenerzähler mit einer Stimme wie der eines Bösewichts. Er berichtet von Jugendsünden und alkoholischen Eskapaden, vom Nervenkitzel im Stadion und Backstage-Erlebnissen mit der Band. Detailliert und mit einem Augenzwinkern erzählt er zum Beispiel vom Rosé trinkenden Schlagzeuger Vom Ritchie, dessen "Mick-Jagger-Imitation, die er manchmal nachts im Tourbus zum Besten gibt, zum Lustigsten gehört, was man auf einer Hosen-Tour erleben kann".

MUENCHEN: Campino auf der Sommerbühne / Olympia-Stadion - Lesung: 'Hope Street. Wie ich einmal englischer Meister wurde'

Unübersehbar: Campino ist Fan des FC Liverpool.

(Foto: Johannes Simon)

Campino hat sichtlich Spaß auf der Bühne. "Dieses Bier ...", setzt er an und stellt sein Helles neben sich ab. Bereits in dem Moment sind empörte Rufe aus seinem bayerischen Publikum zu hören. "... wirklich lecker", beendet Campino den Satz nach einer Kunstpause. Kuddel lehnt sich währenddessen tiefenentspannt in einem Sessel zurück und lauscht den Erzählungen, das Kinn auf die gefalteten Hände gestützt. Hin und wieder unterstützt der linkshändige Gitarrist seinen Bandkollegen stimmlich, auch nach über 40 Jahren wissen die beiden Punks noch, wie man ordentlich Krach macht. Durch die grünen Sitze spürt man den Bass vibrieren, wie die Stange einer Liverpool-Fahne schwenkt Campino seine Mikrofonhalterung in Richtung Menge. Im Stadion dämmert es so langsam, in der Ferne dreht sich unaufhörlich das leuchtende Riesenrad.

So selbstironisch und pointiert die Anekdoten aus früheren und wilderen Jahren sind, so reflektiert und nachdenklich zeigt sich der fast 60-jährige Campino, wenn es um seine Kindheit und seine verstorbenen Eltern geht. Der Vollblut-Punk hatte, wenig überraschend, schon als Schuljunge eine rebellische Ader. Mit dem kleinen Andreas Frege und seinen sechs Geschwistern hatten seine Eltern es nicht leicht, "Mist gebaut hatte immer einer von uns", so Campino. Sein protestantischer Vater, "dieser harte Hund", stand oft im Gegensatz zu der englischen "Mami", wie der knapp 1,90 große Mann seine Mutter nennt. Gleich im ersten Kapitel des autobiografischen Debüts schreibt er: "Meine Orientierung nach England war, wenn ich es mir von heute aus betrachte, eh nie etwas anderes als eine verdeckte Liebeserklärung an meine Mutter".

Von Trauer und inneren Konflikten spannt der Songwriter geschickt einen Bogen zu Trost und Hoffnung. Die hat er wiederum stets mit der "Hope Street" in Verbindung gebracht hat - auch, wenn die Straße eigentlich nach einem Kaufmann namens William Hope benannt ist. Zum Abschluss greift Kuddel noch einmal zur E-Gitarre. Eigentlich hätte schon der Refrain aus dem Toten-Hosen-Hit "An Tagen wie diesen wünscht man sich Unendlichkeit" die Stimmung des Abends gut eingefangen. Bei der anschließenden Liverpool-Hymne "You'll never walk alone", in der es heißt: "Walk through the rain", reflektiert dann tatsächlich im Licht der Scheinwerfer Nieselregen, der wie ein Vorhang vor dem Dach des Olympiastadions hinabfällt. Nur widerwillig leeren sich nach einer Zugabe die Zuschauerreihen in der Südkurve, vereinzelt stimmen Fans die ersten Zeilen von "Alles nur aus Liebe" an.

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