Claus Guth inszeniert „Cabaret“ im Residenztheater„Für mich muss Theater ein angstfreier Raum sein“

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Vassilissa Reznikoff singt und tanzt als Sally Bowles mit den Girls und Boys des Kit Kat Clubs.
Vassilissa Reznikoff singt und tanzt als Sally Bowles mit den Girls und Boys des Kit Kat Clubs. (Foto: Monica Rittershaus)

Als Opernregisseur ist Claus Guth selbst in New York erfolgreich. Für das Residenztheater macht er zum ersten Mal Musical und Sprechtheater. „Cabaret“ ist ein Bühnenstück, das beängstigend gut in unsere immer finsterer werdende Zeit passt.

Von Christian Jooß-Bernau

Es wird dunkel über München. Durch die Glasfront der Bar „Zur schönen Aussicht“ im Residenztheater blickt man hinunter auf den Max-Joseph-Platz. Nicht lange, bis die ersten Lichter angehen und das irrational verheißungsvolle Leuchten der Stadt hinwegtäuschen wird über die Dezember-Tristesse. Claus Guth zieht seine Jacke aus. Er ist knapp zum Interview gekommen. Die Bahn. Gerade war er noch in Frankfurt, wo die von ihm inszenierte Oper „Mitridate, Re Di Ponto“ am Abend davor Premiere hatte.

Es ist nur eine der Produktionen, die der in München lebende Regisseur in diesem Jahr auf die Bühne gebracht hat. In Madrid hat er gearbeitet. Und in Paris. Und in New York. Dort, an der Metropolitan Opera hatte Ende April Richard Strauss’ „Salome“ Premiere. In Athen ist er gerade bei den International Opera Awards ausgezeichnet worden: als „Director of the Year“. Es läuft für den 61-Jährigen. Und was macht so einer, um den sich die internationalen Opernhäuser reißen, als nächsten Karriereschritt? Etwas, was er nie zuvor gemacht hat, etwas, wovor er Respekt und ein bisschen Angst hat: Sprechtheater und Musical. Hartnäckig habe Staatsintendant Andreas Beck die Idee verfolgt, sagt Guth, mit einem wahrnehmbaren warmen Ton von Dankbarkeit in der Stimme.

Ein Stück ist es geworden, das viele mit einer Verfilmung und dem Namen Liza Minnelli verbinden, auch wenn die Erinnerung über die Jahrzehnte ausgeblichen ist, wie ein altes Filmplakat: „Cabaret“ von 1972, dessen Innenaufnahmen, nebenbei, in München gedreht wurden. Sieht man sich den Film heute an, trifft er in unsere Zeit, wie eine Faust ins Gesicht. Ein englischer Autor, Clifford Bradshaw, kommt Anfang der Dreißigerjahre nach Berlin und wird magnetisch hineingezogen in die Welt des Kit Kat Clubs, in den Bannkreis der Sängerin und Tänzerin Sally Bowles. Ihm öffnet sich ein Raum utopischer, anarchischer, auch sexueller Freiheit. Durch die Straßen Berlins aber kriecht schon etwas anderes, etwas Brutales, Ungeheuerliches.

Einmal nur hat Claus Guth, diesen Film wiedergesehen. Aber er war gebannt: „Dieser Film ist so radikal, so mutig und virtuos in seiner Abgründigkeit, dass er mich in meiner Kreativität vor große Herausforderungen gestellt hat.“ Er erkennt durchaus Parallelen zu unserer Zeit: „Man spürt momentan, dass sich gesellschaftlich etwas verändert, ein Rechtsruck stattfindet, obwohl oberflächlich betrachtet die eigene Lebensrealität unverändert bleibt – und dennoch fragt man sich selbst: ,Muss man nicht jetzt schon laut Stopp rufen?‘“ Das sei die zentrale Frage, die sich auch Clifford Bradshaw in den Dreißigerjahren stellt.

In „Cabaret“ tanzt eine Gesellschaft am Kipppunkt. Wenn die Kamera in der letzten Einstellung im Kit Kat Club ins Publikum schwenkt, sitzen sie da, mit ihren Armbinden und den braunen Uniformen. „Es irritiert mich zutiefst“, sagt Guth, „wenn ich heute in der Zeitung lese, dass Trump seine Europa-Strategie ausbaut – und dabei deutlich wird, dass er eine Partei wie die AfD voraussichtlich massiv unterstützen wird.“ Ende 2025 ist plötzlich zu erleben, wie sich die Wirtschaft, das Geld, den rechten Kräften annähert. Das ist eine neue Dynamik, findet auch Guth. Er will keine platten historischen Parallelen ziehen, aber: „Es gibt strukturelle Phänomene, die sich wiederholen.“

Bei den International Opera Awards ist Claus Guth im November als „Director of the Year“ ausgezeichnet worden.
Bei den International Opera Awards ist Claus Guth im November als „Director of the Year“ ausgezeichnet worden. (Foto: Monica Rittershaus)

Claus Guth hat Teile seiner Jugend in den bunt-befreiten 1980ern verbracht, war Bassist einer Band zwischen Funk und Punk. Und wie er einen dann später aus dem Residenztheater begleitet, schwärmt er von der musikalischen Innovationskraft seiner Zeit, die nebeneinander so ganz unterschiedliche Stile hervorbrachte. Eben hat er noch mit seinem Sohn darüber gesprochen, dass seine Generation noch das Gefühl hatte, einfach loslaufen zu können. Für Menschen, die heute jung sind, ist das anders. Und das habe weniger mit Verboten zu tun. Claus Guth spürt momentan Aggressivität, Misstrauen. Und immer schwingt die kompromisslose Frage mit: „Bist du dafür oder bist du dagegen?“

Müsste so eine aufgeladene Situation nicht ideal sein für Theater, das sich auf so viele verschiedene Arten dazu verhalten kann?  „Für mich muss Theater ein angstfreier Raum sein“, sagt Claus Guth, „ein Ort, an dem Dinge gezeigt werden können, ohne dass sie vorher zensiert werden – und über die anschließend offen diskutiert werden kann.“  Der Raum werde aber immer enger. Er hat das selber bei der Arbeit an „Cabaret“ an vielen Stellen erfahren. Da werden von einer Figur Nationalsozialisten und Kommunisten gleichgesetzt, es gibt einen als Affen verkleideten Schauspieler auf der Club-Bühne, dessen Fremdheit in Analogie zu Juden gesetzt wird. Und es gibt den Conférencier des Kit Kat Clubs, eine Figur von diabolisch verlockender Kraft, ein Portalöffner, der immer neue Rollen ausprobiert und sich, wie Claus Guth findet, wohl keine zu eigen macht.

Über den Umgang mit problematischen Stellen in „Cabaret“ hat das Ensemble gemeinsam entschieden

Man findet in „Cabaret“ viele Stellen, die in der historischen Distanz problematisch geworden sind. Und Momente, die so gewagt sind, dass das Stück daraus seine Kraft zieht. Wo muss man da korrigierend eingreifen? „Zahlreiche Entscheidungen darüber, wie wir das Stück in einer heutigen Lesart verstehen und wie wir unsere Haltung deutlich machen wollen, haben wir sehr ausführlich mit dem Ensemble und dem gesamten Team diskutiert“, sagt Guth. Er wollte hier keine allmächtigen Regieentscheidungen treffen: „Da gab es keine schnellen Lösungen oder Ansagen von oben.“

Literarische Grundlage des Musicals „Cabaret“ sind zwei stark autobiografisch geprägte Romane des Briten Christopher Isherwood, der Anfang der Dreißigerjahre nach Berlin kam. Guth fand einen Gedanken des Autors inspirierend. Isherwood sah sich als Kamera, die das Geschehen einfach festhält, als dokumentierender Beobachter. Guths Inszenierung setzt auf die Erinnerung als Raum, in dem die Vergangenheit noch einmal präsent wird.

Acht Musiker gibt es in seinem „Cabaret“: Schlagzeug, Kontrabass und Blasinstrumente. Guth wollte auf keinen Fall Streicher. Der Grundklang sollte gerne „etwas Derbes“ haben, vielleicht so in Richtung Tom Waits, erzählt er. Und auch vor den Schauspielern musste er etwas klarstellen: „Ich mache seit über 30 Jahren Oper. Ich bin jetzt zu euch gekommen, um an anderen Gestaltungsmöglichkeiten des Gesangs zu arbeiten, und ihr sollt jetzt nicht so tun, als ob ihr Opernsänger seid.“

Bei der Begeisterung, mit der Guth von dieser ästhetischen Herausforderung erzählt, ahnt man, was ihn selber an seiner ersten Regiearbeit an einem Sprechtheater fasziniert. Schon die Arbeitsabläufe sind anders. Diesmal hat er keine Klavierprobe etwa zehn Tage vor der Premiere, nach der seine Arbeit als Regisseur eigentlich abgeschlossen ist. Diesmal gibt es keine Ruhetage vor der Premiere, an denen die Stimmen geschont werden. Guth und das Ensemble werden, wie im Schauspiel üblich, bis zuletzt arbeiten und über die Ziellinie sprinten.

Das fühlt sich gut an, findet der Opernregisseur. Vor den Fenstern des Residenztheaters hat München zu funkeln begonnen.  Sein Telefon klingelt in letzter Zeit recht oft, sagt Guth, aber er wolle momentan keine Opernproduktion zusagen. Das Musiktheater hat große Produktionszyklen, geplant wird Jahre im Voraus. Und Guth merkt, dass er „Freiräume“ braucht: „Ich muss nicht noch einmal die 100. Interpretation einer Traviata machen.“ Leichte Unruhe breitet sich aus im Residenztheater und steigt hinauf bis in die „Schöne Aussicht“, wo sich Claus Guth jetzt seine Jacke wieder anzieht. Ein Haus atmet durch vor dem nächsten Theaterabend.

„Cabaret“, Premiere am Freitag, 12. Dezember, 19.30 Uhr, Residenztheater

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