Warum hört Bushido als Musiker auf?
Anais Ferchichi will nicht mehr Bushido sein. Die eiskalte Kunstfigur, der „Samurai aus der Gosse“, die der Musiker einst geschaffen hatte, hatte immer wieder sein Leben übernommen. „Bushido war irgendwann ein außer Kontrolle geratener Wasserschlauch mit sehr viel Druck drauf“, sagte Ferchichi kürzlich im Interview mit dem SZ-Feuilleton. Diese toxisch-schizophrene Verbindung kappt er jetzt zugunsten seiner seelischen Gesundheit und für seine Familie (siehe unten).
Hinzu kommt, dass Bushido „schon länger“ keinen Drang mehr verspüre, Musik zu machen, wie er der SZ sagte. Im digitalen Zeitalter würden viele per Knopfdruck seelenlose Tracks erzeugen, das Ganze sei „viel zu weit weg“ von seinem Leben: „Ich sehe nichts Kostbares mehr“. Also: „Es ist Schluss. Eine Rückkehr ist ausgeschlossen“, sagte er der Deutschen Presseagentur, „ich möchte erhobenen Hauptes gehen und nicht aus der Disco rausgeschmissen werden“.
Bushido wird nach der „Alles wird gut“-Abschiedstour, die ihn als Verlängerung der „König für immer“-Abschiedstour 2024 noch einmal zu 15 Konzerten in zehn Städten (in München am 22. Januar und am 11. März) führt, vielleicht verschwinden, aber Anis Ferchichi wird bleiben. Voraussichtlich im März wird er in der neuen Staffel der RTL-Show „Deutschland sucht den Superstar“ an der Seite von Dieter Bohlen und Isi Glück Pop-Talente sichten; als Teil einer DSDS-Jury wohlgemerkt, der Bushido einst in einem Song einen „positiven Aids-Test“ wünschte.
Weiterhin wird Ferchichi sich und seine Familie sicher weiter als Reality-Star vermarkten, auf Instagram im Pärchen-Podcast „Im Bett mit Anna-Maria und Anis Ferchichi“ auf RTL+ und sicher auch weiteren Formaten. Seit drei Staffeln der Krieg-und-Frieden-Dokumentation „Alles auf Familie“ gelten die schlagzeilenträchtigen Ferchichis schließlich als die deutschen Kardashians.
Was könnte man an Schlagzeilen verpasst haben?
Wahrscheinlich hat man gar nichts verpasst. Bushido alias Anis Ferchichi und seine Schar sind schließlich omnipräsent in den Klatschspalten. Zuletzt wurde auf allen Kanälen der Kauf einer Villa im Münchner Vorort Grünwald durchgenommen, wo sie im Wechsel mit Dubai wohnen wollen, weil sie sich nach Deutschland, Natur und einem Gärtchen sehnen: zwölf Zimmer, bis zu 6,90 Meter Deckenhöhe, Stuck, Marmorböden, Aufzug, Kristalllüster, Panikraum, fünf Bäder, Swimmingpool, Sonnenterrassen, 4000 Quadratmeter Grundstück mit Orangerie. Dazu erfuhr man alles von der Anmeldung am Grünwalder Bürgerbüro bis zum Bestellen der Mülltonnen. Auch als Anis zum allerersten Mal selbst Wäsche dort wusch, mit App-gesteuerter Waschmaschine, postete er das.
Jüngst schockte Bushido aber viele Fans damit, sich eventuell an einem Podcast des rechtspopulistischen Influencers Kian Hoss zu beteiligen: „Bin dabei“, schrieb er angeblich im Internet unter Hoss’ Ankündigung, in der auch mögliche Themen wie „Warum die AfD die einzige Lösung für Deutschland ist“ genannt waren. 2024 hatte Bushido im Interview mit dem Tagesspiegel der Partei „absolute Hinterwäldler-Mentalität mit menschenfeindlichen Gesinnungen“ zugesprochen.
Wird er nach dem Konzert in Grünwald übernachten?

Es kann gut sein, dass Familie Ferchichi schon nach dem ersten München-Konzert nicht ins Hotel geht wie üblich. Die ganze Familie begleitet den Sänger auf der „Alles wird gut Tour“, Anna-Maria wurde in Berlin sogar dabei beobachtet, selbst am T-Shirt-Stand zu verkaufen. Die Kinder holte Bushido auf die Bühne: „Eins, zwei drei, vier, fünf, sechs – da fehlen noch welche, es müssten acht sein.“ Nach der Olympiahalle also alle schnell in die Bettchen, die müssten bereits ausgepackt sein, obwohl die letzten Möbel erst in acht Wochen kommen sollen. Eine gemütliche Bierbank-Garnitur, ein großer Fernseher, von den Nachbarn geliehene Staubsauger und zwei von vier Thermomix-Küchenmaschinen sind schon da.
Wie ist der aktuelle Beziehungsstatus von Anna-Maria und Anis Ferchichi?

Es ist immer kompliziert. Seit 2012 sind Anis Ferchichi und Anna-Maria (die Schwester der Sängerin Sarah Connor) verheiratet und „unzertrennlich“. Eigentlich. Alles weitere durchstritten sie öffentlich in TV und Instagram und privat in etlichen Paartherapiesitzungen. Das Privatleben – eine öffentliche Geschichte. Anfang September verließ er „in einer schwierigen Phase“ offenbar das gemeinsame Haus in Dubai, man versuche es als LAT (living apart together), er kam dann „oft zum Frühstück vorbei“ und kümmerte sich um die acht Kinder (sieben gemeinsame).
Offenbar hat alles gefruchtet: „15 Jahre !!!!!! Mit allem drum und dran !!!!! Und trotzdem zusammen hier“, schrieb Anna-Maria an Weihnachten. Und man sah die ganze Familie glücklich im Skiurlaub in Österreich: „No words needed!“ Am 15. Januar gab die Mutter der Kompanie dann bekannt: „Ja, wir sind wieder ein Paar.“ Tags darauf hieß es, dass sie Familie nun sogar vergrößern wollen: Wegen des gesundheitlichen Risikos einer eigenen Schwangerschaft plane das Paar, zwei Babys per Leihmutterschaft in Los Angeles zu bekommen.
Ist das Beziehungsdrama irgendwie künstlerisch relevant? Ein bisschen vielleicht. Der aktuell neuste und damit vielleicht letzte Song von Bushido von Mitte September jedenfalls ist seine Version von Sabrina Setlurs „Du liebst mich nicht“ aus dem Jahr 1997. Im einmonatigen Exil in Bangkok schrieb er seiner Frau einen neuen Text: „Bitte lass uns reden und aufhören zu kämpfen.“ Sie fand es „sooooo krass, dass Anis gerade diesen Song covern durfte.“
Was hat Bushido für den deutschen Hip-Hop geleistet?

Für Stephan Szillius, einstiger Chef-Redakteur des Hip-Hop-Fachblattes Juice, stand fest: „Bushido ist unangefochten der größte Popstar, den Deutschrap je hatte.“ Nie habe das Genre wieder „eine Person hervorgebracht, die so charismatisch und gleichzeitig so streitbar ist, dass jeder dazu eine Haltung haben musste“. So sagte er es im großen Interview-Buch „Könnt Ihr uns hören? Eine Oral History des deutschen Rap“, das allerdings schon 2019 veröffentlicht wurde. Um die Jahrtausendwende transportierte Bushido als „Samurai der Gosse“ den harten Gangster- und Battlerap der US-Szene ins Berliner Milieu, mit ihm und Kollegen wie Sido, B-Tight, Kool Savas und Fler wuchs das Nischenlabel Aggro Berlin zur größten Hip-Hip-Macht heran – Untergrund-Größenwahn als Gymnasiasten-Rollenvorbild.

Der Ton war brutal, oft originell („Sonnenbank Flavour“), Bushido feierte Reim-smart zu kühlen Elektro-Beats seinen Aufstieg aus dem Ghetto. Er beleidigte in seinen Texten Frauen, Juden und Homosexuelle, um dann in Talkshows zu beteuern, kein Juden-, Schwulen- oder Frauenhasser zu sein. „Ist doch nur Musik“, beschwichtigte er neulich beim Konzert in Berlin.
Sein Leben wurde von Bernd Eichinger verfilmt mit Moritz Bleibtreu in der Hauptrolle. Und wer es noch nicht begriffen hat: „Ich bin einer der größten Rapper des Landes, vielleicht sogar Europas. Ich habe Songs erschaffen, die Leuten heute noch etwas geben, das mehr wert ist als Geld“, sagte er selbst im SZ-Interview.
Bushido und die Clans – was war das los?
Es war das leidigste Kapitel in Bushidos Karriere, und beileibe kein künstlerisches Spiel mehr. Gerichtlich ist alles längst abgeschlossen, daher nur kurz: Offenbar hatte sich Anis Ferchichi eng mit Arafat Abou-Chaker eingelassen, Führungsfigur eines Clans, der in kriminelle Aktivitäten verwickelt sein soll. Der Pate half Bushido, aus einem Plattenvertrag herauszukommen, dafür verlangte er wohl Anteile an den Gewinnen. Erst waren sie Freunde, dann beschuldigte ihn Bushido der Freiheitsberaubung, der räuberischen Erpressung, der Körperverletzung und einiges mehr. In einem langjährigen, medial groß begleiteten Strafprozess in Berlin wurde Chaker aber in allen Hauptanklagepunkten freigesprochen. Seitdem wird Bushido vom Personenschutz begleitet.
Wie läuft die „Alles wird gut“-Tour?

Auf der Abschiedstour gibt Bushido den Entertainer, 50 Prozent Rap im Pyrotechnik-Qualm, 50 Prozent Small-Talk. Er quatscht viel mit dem Publikum, empfiehlt den männlichen Fans eine Prostata-Untersuchung bei seinem Urologen – bis in Berlin ein Zuschauer rief: „Hör auf zu labern.“ Bushido lässt seine Fans auch auf der Bühne mitsingen, vor allem die deutlich unterrepräsentierten Frauen: Die Sekretärin Felicitas durfte „Sonnenbank Flavour“ mit ihm anstimmen in Berlin, eine Altenpflegerin „Schmetterling“.
Ein Moment, bei dem reichlich Tränen der Rührung flossen, gelang ihm in Hamburg: Da bat er zwei Omas auf die Bühne, die ihm in den Social-Media-Clips des bekannten Altenpflege-Influencers Rashid Hamid (der auch mitkam) gesehen hatte. Bushido jedenfalls freute sich, „so tolle Menschen“ unter seinen Fans zuhaben, und hakte sich bei Edith, 98, ein, und ließ sie und Ellie, 95, neben sich Platz nehmen, als er „Für immer jung“, seinen Nummer-eins-Hit mit Karel Gott, sang. Laut seiner Frau soll Bushido dabei geweint haben.
Welche Songs singt Bushido?
Wenn Bushido bei der „Alles wird gut“-Tour nicht gerade redet, dann bringt er vor allem seine Klassiker aus 30 Jahren Rüpel-Rap: Von „Kleine Bushidos“ über „Von der Skyline zum Bordstein zurück“ bis „Berlin“ und „Nie ein Rapper“, sogar den lange indizierten Track „Stress ohne Grund“ rappt er „mit Genugtuung“. Die Setlist kann sich allerdings ändern, da Fans bisweilen über Online-Plattformen Song-Wünsche einreichen konnten.
Die genaue Setlist des zweiten Tour-Konzertes in Hamburg war: 1. Tempelhofer Junge, 2. Sonnenbank Flavour, 3. Schmetterling, 4. Alles wird gut, 5. Panamera Flow, 6. Stress ohne Grund, 7. Sterne, 8. Sodom & Gomorrha, 9. Alles verloren, 10. Vergeben & Vergessen, 11. Ronin, 12. Nie ein Rapper, Zugaben: 13. Du liebst mich nicht, 14. Papa, 15. Familie, 16. Für immer Jung, 17. Zeiten ändern Dich, 18. Von der Skyline zum Bordstein zurück, 19. Electrofaust
Gibt es noch Tickets?
Für die meisten der 15 Konzerte gibt es auf der offiziellen Ticket-Plattform bei Eventim.de noch oder wieder Karten zu kaufen, so auch für die beiden Auftritte in der Münchner Olympiahalle am Donnerstag, 22. Januar, und Mittwoch, 11. März.

